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die Arbeit!" sprach er barsch zu seinen Begleitern. "Spinnt, bis Euch die Finger verkrummen und Gott ein Wunder tut.

Und er wird es tun, ich weiss es; es müsste denn in seinem Ratschlusse beschlossen worden sein, dass die Welt untergehen solle!"

Neues klopfen und ein Zurückweichen der Menge vor der äussern Tür machte die im Zimmer Versammelten aufmerksam. Durch die weit aufgehenden Flügeltüren traten einige Gerichtsdiener ein. Alle erstaunten und sahen einander an.

"Treffen wir hier den hochwohlgeborenen Herrn Grafen Adrian von Boberstein, genannt Herr am Stein?" fragte der Stattlichste dieser unheimlichen Ankömmlinge.

Adrian verneigte sich. Der Gerichtsdiener griff in seine Rocktasche und langte ein grosses, versiegeltes Schreiben hervor, das er mit kalter Verbeugung dem Grafen überreichte, indem er sprach:

"Vom Landesgericht zu Görlitz."

Adrian sah ihn erstaunt an, riss das Sigel auf und warf einen blick in das Schreiben. Die Umstehenden bemerkten, dass seine Hand zitterte.

"O Sloboda! Sloboda!" murmelte er zwischen den Zähnen. "Er hat's erreicht, ein falscher Boberstein ist aufgefunden!"

Erschöpft sank er in seinen prachtvollen Fauteuil und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

"Das ist Gottes Hand!" rief Martell. "Er ist mit den Gerechten! Geht, Brüder, an Euer Tagewerk, ich aber, ich will mein gemordetes Kind begraben."

Schluchzen erstickte seine stimme. Er schloss Lore in seine arme, küsste das arme Weib auf Stirn und Mund und führte sie aus dem glänzenden saal. Die Uebrigen folgten dem trauernden Paare schweigend. Auch Vollbrecht schloss sich den Spinnern an. Allein, von tausend Zweifeln gepeinigt, von innerm Frost geschüttelt, blieb Adrian zurück in der kalten Pracht seines modernen Palastes.

Sechstes Kapitel.

Die Zusammenkunft.

Wohl eine Stunde verharrte Graf Adrian in dieser Stellung. Niemand störte seinen Gedankengang. In und ausser dem Haufe, überall war Todtenstille. Der schreiende Haufe seiner Spinner war auseinandergestoben, Vollbrecht und die Diener waren verschwunden. Er hatte vollkommen Zeit, über sich und seine Lage nach zudenken.

Als er die Augen wieder aufschlug, fielen sie auf die gerichtliche Vorladung. Von Neuem erwachte sein Grimm und machte sich in Worten Luft.

"Fluch diesem Sloboda, diesem grauhaarigen Schuft von Maulwurffänger!" rief er aus. "Gewiss, es ist bloss eine freche Erfindung, mit der sie mich schrecken und einschüchtern wollen, denn wo ist gleich ein Boberstein vorhanden mit allen erforderlichen, unwiderleglichen Papieren? – Irgend ein Landläufer muss sich dazu hergegeben haben, diesen elenden Plebejern für ein Stück Geld zu willfahren. Aber ich werde ihre Schliche aufdecken, ich werde die Lügner entlarven und dann, wehe Euch, schamlose Buben! Erbarmungsloser als mein von Euch so hart geschmähter Vater werde' ich dann mit Euch verfahren!"

Ein Bedienter trat ein.

"Was gibt es?"

"Der Briefbote ist angekommen, gnädiger Herr. Wenn Sie ihn etwa persönlich sprechen wollenim Comptoirzimmer wartet er Ihrer Befehle."

Adrian war sehr erfreut von dieser Botschaft. Er verliess die kalten prunkvollen Räume des Speisesaales, steckte die Citation zu sich und ging nach dem Comptoir. Unterwegs warf er einen blick auf die weissen Gebäude, auf die turmhohen rotbraunen Schornsteine der Fabrik. Sie rauchten und das surrende Getön, das aus der Luft herabklang, sagte ihm, dass die Spinner wieder an ihre Arbeit gegangen waren. Diese Entdeckung machte ihn um Vieles zuversichtlicher und gab ihm die angeborene feste Zähigkeit des Willens wieder, die eine Zeit lang ihn verlassen hatte.

Unter den vielen Geschäftsbriefen befand sich auch ein Schreiben Aurels. Es war kurz und derb, wie der Kapitän es liebte, und verkündigte dem älteren Bruder seine nahe Ankunft. Adrians Züge nahmen einen spöttischen Ausdruck vornehmen Uebermutes an, der in glücklicher Gefühlsstimmung wie eingemeisselt auf ihnen lag. Adalbert konnte jede Minute eintreffen, Aurel näherte sich mit Sturmeseilewas sollte er, von seinen geliebten Brüdern umgeben, noch für das Haus Boberstein fürchten, das von Allen mit gleicher Liebe umfasst ward, für das Jeder sein Leben in die Schanze geschlagen hätte?

"Alle diese Stürme werden vorübergehen," rief er sich voll Selbstvertrauen zu, "und sich in der Stille beruhigen, wie diese gewagte und so drohend aussehende Demonstration meiner Spinner. Hatte ich nicht vorausgesehen, dass es dahin kommen musste, und wird nicht gerade dieser erfolglos gebliebene Aufstand sie mir rückhaltlos in die hände liefern? – Diese elenden Creaturen müssen mir dienen, weil sie ohne mich keinen Tag leben können. Ich bin ihr Herr, ihr Gott! Nicht bloss ihre Hütten, auch ihre Leiber und Seelen gehören mir! Es bedurfte nicht dieses unheimlichen Martell, um mir eine Wahrheit in's Gesicht zu geifern, über die ich längst reifliche Betrachtungen angestellt habe. Der Mensch ist mir verhasst, ich fürchte seine entsetzlichen Blicke. Am besten, er wird mit Weib und Kind entfernt. Ich muss das Wie in überlegung ziehen. – Ein fataler Zufall, dass sein Bube an der Verwundung gestorben ist! Diese Brust verträgt nichts mehr, wie ich sehe. Ehedem, etwa zu meines Vaters unverweichlichten zeiten, hätte Niemand eine Miene deshalb verzogen, und noch weniger über die versuchsweise Behandlung meines Chirurgen. – Allerdings gestand mir der Mann zu, dass es ein Versuch auf Tod und Leben sei den abgequetschten Fuss so rasch zuheilen zu lassen, doch was tut's? sagte er lachend. Wie soll die Wissenschaft Fortschritte machen