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seine Hand ein sicheres und gutes Auskommen zu gewähren. Die Maschine kann das, wenn ihr Besitzer es will. Es gibt aber leider der Maschineninhaber nur wenige die sich zu dieser einfachen Ansicht erheben. Sie betrachten ihre Riesenkraft als ein unverwüstliches Kapital, das zu mehren ihnen zusteht, in welcher Weise es ihnen beliebt, und weil sie die Macht besitzen und die dämonische Kraft dieser Macht kennen, werden sie grausam und verwandeln die Wohltat dieser segensreichen Erfindung in einen Fluch, der unaussprechliches Elend über die Welt verhängt. – "Herr am Stein, Sie bekennen sich zu diesen unbarmherzigen Egoisten, ich sage es offen, und Sie entehren sich selbst in den Augen jedes Biedermannes, wenn Sie länger das gerechte Anliegen dieser Armen von sich weisen!"

Mittlerweile war es Tag geworden. Die Morgen

röte durchbrach den Nebel und warf matte Lichter in den Saal und auf die von Kummer und leidenschaft durchfurchten Gesichter der Arbeiter. Adrian nahm die Cigarre aus dem mund und spielte mit der Pistole.

"Auf Ihre meisterhafte Rede, lieber Vollbrecht,

werde ich späterhin antworten," sagte er mit vornehmem, glattem Lächeln. "Vor der Hand ein letztes Wort mit diesen zudringlichen Menschen."

Er kehrte sich nachlässig zu Martell, der seitwärts

stand mit verschränkten Armen und unheimlich gerunzelter Stirn.

"Ihr seid also unzufrieden in meinen Diensten?"

sagte er. "Ja oder nein!"

"Weil wir so nicht bestehen können."

"Ja oder nein!"

"Ja!"

"Was gedenkt Ihr zu tun, wenn ich dennoch aus

höchst wichtigen Gründen Eure Klagen unberücksichtigt lasse?"

"Von Gott kommen gute Gedanken. Gott allein weiss es!" rief Martell.

"So vertrauet auf Gott; er wird Euch helfen," sagte Adrian und stand auf. "Und nun habt Acht auf das, was ich Euch sage! – Ihr habt durch Euer unbesonnenes, törichtes und strafbares Betragen fast eine halbe Arbeitsfrist versäumt und mir dadurch sehr beträchtlichen Schaden zugefügt. Aus besonderer Rücksicht und Menschenfreundlichkeit will ich das vergessen und Euch verzeihen, wenn Ihr ohne Murren sofort in alter Ordnung und Pünktlichkeit die arbeiten wieder aufnehmt. Martell allein wird mir Rechenschaft ablegen. Seid Ihr damit zufrieden?"

Die Spinner murmelten unverständliche Worte.

"Ja oder nein!" rief Adrian herrisch. "Weigert Ihr Euch nur noch minutenlang, so entlasse ich Euch in Masse und suche mir andere Arbeiter. Die Fabrik gehört mir, das Geld ist mein, ich kann Arbeit geben, wem ich will, und diese Arbeit bezahlen, wie ich will. Wem das nicht ansteht, der gehe in Gottes Namen seiner Wege. Ich halte Keinen. – Trotzen aber lasse ich mir nicht, am wenigsten von Leuten, die ich erhalte. Und ehe ich nur um eines Haares Breite von meinem Vorsatze abweiche, soll meinentalb das Werk vierzehn Tage still stehen! Gehorsam will und befehle ich! Dem blind Gehorchenden werde' ich ein gütiger Herr sein! – Jetzt geht!"

Diese Antwort war ein Donnerschlag für die armen Spinner. Mit gesenktem Haupt standen sie vor dem allgewaltigen Herrn, nicht wissend, was sie ihm antworten, wozu sie sich entschliessen sollten. Da erhob. sich von aussen ein lautes Geschrei, das immer heftiger wurde und schnell dem haus näher kam. Adrian verfärbte sich und liess einen langen blick durchs Fenster fallen. über den See der jetzt vom Nebel frei war, kam die Fähre, mit Menschen und Waarenballen belastet. Einige Kähne mit Frauen und Mädchen hatten teils grade angelegt, teils waren sie im Landen begriffen. Aus dem mehrmals sich wiederholenden Geschrei konnte man deutlich eine klagende Frauenstimme unterscheiden. Sie kam näher und näher. Ein Rudel Menschen drängten zur Tür, die stimme erklang im haus selbst.

Vollbrecht öffnete die Saaltür. Ein bleiches Weib, kümmerlich in leichte Kleidung gehüllt, mit verworrenem, flatterndem Haar, ohne Kopf- und Brusttuch, nacktarmig und mit einem Wahnsinnsblick im Auge, stürzte schreiend und händeringend in das goldstrahlende Prunkgemach und warf sich vor Adrian auf die Knie.

"Herr am Stein, Sie müssen es wieder lebendig machen," rief sie hohl und dumpf, "oder ich verfluche Sie mit den grässlichsten Flüchen!"

Es war Lore, Martells Weib. In ihrer Verzweiflung hatte sie ihren Mann nicht bemerkt. Stier und gläsern das weit aufgerissene Auge, über dessen Lider dicke Tränen auf die erdfahlen Wangen herabrieselten, auf Adrian geheftet, lag sie zitternd auf dem Teppich. Man hörte das Zusammenschlagen ihrer Zähne.

"Lore, mein Weib!" rief Martell und streckte beide hände nach der Armen aus.

Die Unglückliche wendete sich um. Ein mildes Lächeln lief über ihr schmerzzerrissenes Antlitz, wie ein goldener Sonnenblick über eine verwüstete Landschaft. "Martell," sagte sie gerührt, die rechte Hand dem Gatten entgegenstreckend, "er ist tot unser Hans! Hier an dieser verwelkten Brust ist er gestorben! Er wimmerte der gute, liebe Knabe, wimmerte immer leiser, bis ein Lächeln seine bleiche Lippe krümmte. Und in diesem Lächeln küsste ihn der Engel des Todes. – O mein Kind, mein armes Kind!"

Martell hatte mit entsetzlicher Ruhe diesen Bericht angehört. Jetzt wendete er blick und Antlitz wieder dem Grafen zu.

"Mörder!" sprach er düster, "Mörder meines Kindes! Vor Gottes Trone werde ich Dich anklagen! Jetzt sollst Du frei ausgehen."

Er hob Lore mit sanfter Gewalt auf und wollte sie fortführen.

"Geht an