beharren?"
"In fremde Angelegenheiten mische ich mich nicht; das ist Eure Sache."
"Es ist auch die Ihrige, gnädiger Herr! Ihre Fabrik leidet, wenn die Arbeiter leiden."
Adrian zuckte die Achseln. "Eine Zeitlang, vielleicht! Sehe ich, dass die alten Kräfte verbraucht sind, so muss ich für neue sorgen."
"Und was soll aus den alten verbrauchten werden?"
"Man dankt sie ab."
"Wie nennen Sie das?" fragte Martel eiskalt und seine Blicke lagen wie Dolchspitzen auf dem Gesicht Adrians.
"Lebensklugheit, auch Speculation, wenn Du willst. – Das Alte, Abgenutzte wird überall bei Seite geworfen, um dem Neuen und Kräftigen Platz zu machen. Es ist der Lauf der Welt, nichts weiter!"
"Gott und wir Armen, die wir Gottes sein sollen nach der Schrift, eben weil wir nichts haben," versetzte Martell mit entsetzlichem Lächeln, "wir nennen das unmenschlich, ohne alle Nebenbedeutung, Herr am Stein, wenn Sie wollen."
Adrian zuckte abermals die Achseln und rauchte mit noch grösserem Behagen seine Cigarre.
"Wir sollen also wirklich verhungern, wenn Ihr jetziger Lohn uns nicht mehr ernähren kann?" fragte Martell noch einmal.
"Ich muss Euch wirklich das ganz allein überlassen," antwortete Adrian. "Lebt wie Ihr könnt, ich tue dasselbe."
"Ha, ha, ha, ha!" lachte Martell laut auf. "Er lebt wie er kann! – O himmelschreiende Gotteslästerung! – Er lebt wie er kann! Mensch, Unmensch, heisst dies leben, wie ein vernünftiges geschöpf Gottes?" Martell ging mit grossen Schritten um den gedeckten Tisch und deutete auf die übrig gebliebenen Leckerbissen. – "Nur vornehme Sünder wagen es, so zu schwelgen, während tausend arme, die für sie arbeiten, hungrig zu Bett und hungrig wieder an die Arbeit des nächsten Tages gehen müssen! Gott hat es gehört, das Stöhnen meines hungernden Weibes in vergangener Nacht, er hat Wimmern meiner Kinder vernommen, die ihre hände nach mir, ihrem Ernährer, ausstreckten und um Brod, nur um eine kleine Krume Brot baten! – Ich konnte ihnen nichts, gar nichts geben. Ein kalter blick der Verzweiflung war meine Antwort. Aber tief im Herzen und bei dem ewigen Heil, an das ich glaube, gelobte ich mir, mit Dir ein ernstes Wort zu sprechen. Wie ich, dachten alle meine leidenden Brüder. Sie jauchzten mir zu und von ihnen bevollmächtigt kamen wir fünf Männer hierher. Und wen haben wir getroffen!"
"Einen consequenten Mann, will ich hoffen," sagte Adrian.
"Einen Mann ohne menschliche Regung! Einen Mann, dessen Herz von Granit ist, wie die Felsen, auf denen sein Sclavenzwinger ruht! Einen Mann, der Unglückliche verhöhnen kann, während ihm noch die sardanapalische Mast des vorigen Abends aufstösst! O einen Mann, dem alle Guten fluchen und dessen Untergang ein Segen sein würde für Millionen!"
"Du hättest studiren sollen, Martell. Zu einem Stegreifredner scheinst Du Anlage zu haben. Indess der Tag bricht an, wie ich sehe, und da denn doch einmal Alles ein Ende nehmen muss, so bitte ich, falls mein Bescheid Dir und Deinem liederlichen Anhange genügt, diese Unterredung zu schliessen. Ich erlaube Dir auch für die gehabte Mühe Deinen Gaumen durch ein Glas Wein aufzufrischen und ein Frühstück einzunehmen von den Leckerbissen, die, wie es scheint, Deinen Appetit so ungewöhnlich erregen, dass Du auf der Stelle die Beschreibung einer leibhaften Hungersnot improvisirst."
Martell wandte sich mit Abschen ab. Seinen schwarzen Lockenkopf schüttelnd sagte er verächtlich:
"Behüte mich Gott vor solchem Frevel, Herr am Stein! Der Bissen, den ich aus diesen silbernen Schalen zum mund führte, würde sich auf meiner Zunge in Gift verwandeln! Ein Vater kann so hart sein, dass er tränenlos sein Weib, seine Kinder vor Hunger hinsterben sieht, so grausam, so cannibalisch aber ist er nicht, dass er von dem Herzblut dieses geliebten teuren Weibes, dieser ihm von Gott geschenkten Kleinen seinen Hunger stillen könnte! – Das, Herr am Stein, können nur die Reichen, denen das Gespenst der Armut nicht allnächtlich als Gardine das Lager umfängt!"
Martells Begleiter sahen einander an und traten dem unerbittlichen Fabrikherrn näher.
"Haben Sie Erbarmen mit uns," sagte der Eine.
"Gott der Herr wird's Ihnen vergelten immer und ewiglich!" rief ein Anderer.
"Wir müssen sonst schlecht, wir müssen Diebe und Räuber werden!" grollten die übrigen.
Vollbrecht trat ebenfalls hinzu. Mit gefaleten Händen, mit einem blick des tiefsten Bedauerns und mit flehentlich bewegter stimme sprach er:
"Herr am Stein, ich vereinige meine Bitten mit denen dieser Männer. Es ist unmöglich, dass sie bei ihrem jetzigen Lohne leben und ehrlich fortkommen können; es ist aber auch gewissenlos und unverantwortlich, fleissige Menschen nur deshalb zur Verzweiflung zu treiben, weil mit Durchführung eines geschickt ausgedachten Systems ein Mehrgewinn erzielt wird, der zu späterer Vergrösserung des Geschäftes wesentlich beiträgt." – Ich bitte, hören Sie mich aus, Herr am Stein! – Die Erfindung der Maschinen, welche dem menschlichen Scharfsinn Ehre macht, wird nur dann eine Wohltat für Volk und Staat, wenn sie dem Arbeiter die Last der Arbeit erleichtert. Die Maschine ist nicht dazu da ihren Besitzer zu bereichern, sondern dem Arbeiter leichter als durch