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, gab dem Rollstuhle einen Stoss, dass er die Mitte der Tafel erreichte, und griff nach einem goldenen Cigarrenetui. Dies öffnend nahm er eine der feinsten Havannacigarren heraus und zündete sie an. Nun erst erwiderte er:

"Es tut mir leidallein, wenn Ihr mir weiter nichts mitzuteilen hattet, bedaure ich, dass Ihr Zeit und mitin Geld verloren habt! Wer sich bei mir zurückgesetzt glaubt, kann gehen! Ich halte ja Niemand, zwinge Niemand, mir zu dienen! Lieber Gott, was will man denn noch? Freier bewegt sich auf Gottes weiter Erde kein König und kein Kaiser, wie meine Arbeiter!"

"Dieser Scherz, Herr am Stein, ist sehr bitter," entgegnete Martell. "Obwohl arm, haben wir doch ein Herz, das eben so gut und tief fühlt, wie das Ihrige. Was Sie Freiheit nennen, ist unser aller Joch, unter dessen entsetzlicher Last wir sterben."

"Das scheint mindestens sehr langsam zu gehen, Martell; denn an Deinen und Deiner Genossen Gliedmassen sehe ich noch keine Todtenflecke."

Wieder trat die dunkle Röte des schwer verhaltenen Zornes auf Martells Wangen.

"Ja," sagte er, mit Mühe seine Entrüstung bekämpfend, "es geht freilich recht langsam, so fürchterlich langsam, dass man es mit Fug und Recht eine ausgesuchte Folterqual nennen kann. Wir sterben hundertmal halb, ehe sich der Tod unseres Elendes ganz erbarmt! Und, Herr am Stein, wir haben auch Weiber, haben Kinder! Wissen Sie, wie diese Schwachen leiden? Wie sie die Ohnmacht der natur durch Ueberspannung reizen, um für Sie, hören Sie, für Sie zu arbeiten? Es ist das ein Anblick zum Erbarmen, der jedem rechtlichen Vater gar sehr, sehr wehe tut!"

"Gott Lob," entgegnete Adrian, der Him m e l hat mich mit dem Amt eines Armenpflegers verschont! Wenn ich mich nicht speciell um das Lamento jedes quakelnden Kindes oder hüstelnden Weibes kümmere, so handle ich nur christ l i c h; denn es heisst, wie Euch bekannt ist, "was Deines Amtes nicht ist, da lass Deinen Fürwitz." Ich will mich solchen Fürwitzes nicht teilhaftig machen, sag' ich Euch.

Martell warf seine abgetragene Mütze auf den kostbaren Teppich und stampfte wütend mit seinen groben nägelbeschlagenen Schuhen darauf.

"Herr am Stein," rief er aus und packte die Platte des mit den Ueberresten des schwelgerischen Nachtmahls noch schwer beladenen Tisches, "Herr am Stein, Sie verdienten, dass man Sie just so behandelte, wie ich hier meine elende Kappe!"

Die schwarzen Augen des Spinners rollten wie glühende Kohlen in ihren Höhlen, jede Muskel seines Körpers bebte, jeder Nerv zitterte. Er fühlte tausend Pulse in sich klopfen.

"Es freut mich, Martell, dass Du so viel Lebensart besitzest, Deinen lächerlichen Verdruss in meiner Gegenwart an einem Kleidungsstück auszulassen, das jedenfalls an solche Behandlung längst gewöhnt ist. Komm, trink ein Glas wasser, um Dich abzukühlen. Die ungewohnte Untätigkeit macht Dich üppig! Hier, auf Dein Wohl, auf Deine Rückkehr zur Besonnenheit! Ich kredenze es Dir mit eigener Hand."

Wirklich füllte Adrian eins der prächtigen Mundgläser von blauem Glas und reicher Vergoldung, auf denen das stolze Wappen der Boberstein prangte, mit abgestandenem wasser und reichte es lächelnd dem Unglücklichen.

Bei diesem neuen entsetzlichen Hohne ver m ochte Martell sich nicht mehr zu bändigen. Ein Faustschlag schleuderte das Glas aus Adrians Hand und warf es in hundert Stücken auf den Teppich.

"Meine Brüder!" rief er, sich zu seinen gefährten wendend, "Gott will es, dass wir Hand an ihn legen sollen! Er spottet unser Not, spotten wir denn seines Ranges! Die Zeit des Bittens ist vorüber, erzwingen wir, was der Unmensch uns nicht freiwillig gewährt!"

Martell trat beherzt auf Adrian zu, zögernder schlossen sich die vier andern Spinner ihm an. Ehe jedoch Martell den Grafen erreicht hatte, war dieser kaltblütig aufgestanden, um den Erbitterten, Gereizten zu empfangen. Zugleich trat Vollbrecht zwischen ihn und seine gefährten.

"Keine Gewalttat, meine Lieben, ich bitte' Euch!" sagte der gutmütige Buchhalter.

"Ich danke Ihnen, lieber Vollbrecht," fiel Adrian ein, "indess bedarf ich nicht Ihrer Dazwischenkunft. Auf dergleichen Komödienspiel ist man vorbereitet, wenn man mit ungehorsamem Pöbel zu tun hat. Sie sehen, ich kann diese remarkable Scene mit einem vortreflichen Knalleffect endigen."

Eine doppelläufige Pistole blitzte in der Hand des Grafen. Die Hähne knackten und beide Läufe richteten sich auf die unbeschützte Brust Martells. Gelassen setzte sich der Graf wieder und rauchte ungestört seine Cigarre.

"Wenn es beliebt, können wir jetzt die Unterhandlungen mit einiger Bequemlichkeit fortsezzen," sagte er zu dem wehrlosen Spinner. "Wir kennen uns jetzt und wissen, was Jeder von dem Andern zu erwarten hat. Sprechen wir uns also ohne allen Rückhalt offen gegen einander aus. Du hast das Wort, Martell."

Diese unerwartete Ruhe und überlegene Kälte verfehlte nicht ihren Eindruck. Martell mässigte sich ebenfalls, ohne seinen Zweck aufzugeben.

"Ich bitte' um Vergebung," erwiderte er mit gebrochener stimme. "Ich übereilte mich, die Angst meines Herzens, die Not meiner Mitbrüder und Freunde riss mich hin. Erlauben Sie nur, Herr am Stein, dass ich die Frage an Sie richten darf: wie sollen wir leben, wenn Sie auf Ihrer Weigerung