mit entsprechendem Sammet überzogen, standen in reicher Auswahl um den länglich runden Speisetisch von massivem Mahagony. Hohe breite Spiegel, in Mahagonyrahmen, mit Rosenholz ausgelegt, waren zwischen den Fenstern angebracht. Ein erst kürzlich fertig gewordener Kamin von reinstem Alabaster, auf dessen Sims marmorne Statuen und grosse antike Vasen mit duftendem Blumenstaub gestellt waren, schmückte die südliche Ecke dieses luxuriösen Zimmers. Ein dicker, echt persischer Teppich, den Adrians jüngster Bruder vor einigen Monaten in England gekauft hatte, bedeckte den kunstreich getäfelten Fussboden.
Adrian hatte am Ahend des vergangenen Tages einige Gäste bewirtet. Es war sein Geburtstag gewesen und diesen pflegte er in Gesellschaft Gleichdenkender festlich zu begehen. Er hatte deshalb auch ein lucullisches Mahl bereiten lassen. Ueberreste desselben standen durch Nachlässigkeit der Dienerschaft, die an solchem Freudentage unbeaufsichtigt geblieben und hinsichtlich des Genusses dem guten Beispiel des Gebieters schuldigst nachgefolgt war, noch jetzt im grauen Schein des kalten Novembermorgens auf der Tafel. Halbgeleerte Champagnergläser, kastanienlaubgrüne grosse Römer, breite Tummler von Purpurglas und kleine goldgelbe Henkelkrüge zum Genuss heisser Getränke bestimmt, gaben einen ungefähren Begriff von der schwelgerischen Mahlzeit, die man hier eingenommen hatte. Dazwischen blinkten die hohen, prächtigen Tafelaufsätze von gediegenem Silber, zum teil noch Familienerbstücke des alten Grafengeschlechtes, die modernen geschmackvollen Karaffen aus Kristallglas und die hunderterlei brillanten Kleinigkeiten, mit denen man in neuester Zeit eine festliche Tafel recht glänzend auszuschmücken pflegt.
In dieses von Wein und speisen noch duftende Zimmer begab sich Adrian, um in dem prächtigsten der rotsammtenen Sessel seine Sclaven zu erwarten. Hierher führte Vollbrecht die darbenden, vor Frost und Hunger klappernden Spinner. Der Zufall oder die göttliche Vorsehung hätte keinen passenderen Ort für die folgende Unterredung wählen können.
Adrian hatte kaum mit einem missbilligenden Blikke auf die noch herrschende Unordnung im Zimmer seinen Platz eingenommen, als Vollbrecht die Flügeltüren des Saales öffnete und vier bis fünf Männer einliess.
"Herr am Stein will Euch anhören," sprach er zu den frühen Gästen mit seiner milden, herzgewinnenden Freundlichkeit. "Klagt ihm Euer Leid, entwerft ein Bild Eurer Not und gewiss, Eure Worte werden nicht unbeachtet verklingen!"
Vollbrecht betrat zugleich mit den Arbeitern das Speisezimmer, dessen schimmernde Pracht jetzt nur von einigen wenigen tief herabgebrann t e n Wachslichtern, welche ein Bedienter in grösster Eile angezündet hatte, undeutlich, aber desto bezaubernder, erleuchtet wurde.
Diese fünf Männer waren Spinner aus der Fabrik. Sie gingen in groben geflickten Beinkleidern von weissgrauer Leinwand, trugen Holz- oder Lederschuhe und hatten über das blosse zerrissene Hemd zum Schutz gegen den rauhen feuchten Novembermorgen eine tuchene Jacke gezogen, die über der Brust zugeknöpft war bis an den Hals und die heraushängenden Zipfel eines baumwollenen roten oder blauen Tuches sehen liess. Ihre Pelzkappen hielten sie in den Händen oder unter den linken Arm geklemmt.
Anführer dieser verzweifelten Abgesandten einer aufs Aeusserste getriebenen Arbeiterschaar war Martell, der Feinspinner.
Eine unwillkürliche Bewegung des Erstaunens liess die Eintretenden ein paar Augenblicke stutzen. Die ungeahnte Pracht des Zimmers blendete sie, verwirrt schlugen sie die Augen zu Boden. Nur Martell liess seine finstern blitzenden Augen über Wand und Boden laufen, um all' den stolzen Luxus, der höhnend ihrer Not in's bleiche Antlitz lachte, mit einem blick aufzufassen. Sein eingefallenes erdfahles Gesicht färbte sich während dieser Musterung allmälig immer dunkler, bis es in der unsichern Helle dunckelbraun erschien. Verworren, wild, in lockigem Geringel hing ihm das rabenschwarze glänzende Haar in Stirn und Nacken. Mit einem tiefen Seufzer, der wie ein Todesröcheln klang schlug er beide arme über seine breite Brust und trat dem Grafen um einige Schritte näher.
"Herr am Stein!" sagte er sanft und fast traurig.
Adrian, der bisher getan hatte, als sei ausser ihm Niemand im Zimmer, warf stolz den Kopf zurück und erwiderte:
"Bloss weil Ihr Euch erfrecht habt, mich wie Räuber zu überfallen, gebe ich Euch Gehör, Macht es kurz, Aufrührer, damit ich die Schuldigen später zur Strafe ziehen kann!"
"Wir sind keine Aufrührer, Herr am Stein, wir sind bloss arme unglückliche Menschen, die vom Elend müde gehetzt ihre letzten Kräfte zusammennehmen, um dem mann, in dessen Hand allein unser kleines irdisches Glück liegt, eine Bitte an's Herz zu legen."
"Ihr habt eigenmächtig die Arbeit eingestellt, habt die Maschinen verlassen und stundenlang gefaullenzt. Ich werde dafür Schadenersatz von Euch fordern, vor Gericht!"
"Fordern dürfen Sie, was Ihnen beliebt," entgegnete, die Augenbrauen zusammenziehend, Martell, "das geben wird von uns abhängen. Wir haben kein Geld, kein Gut, wir haben nur Tränen und verzweiflungsvolle Blicke! Herr am Stein, im Namen aller Fabrikarbeiter trete ich in Gesellschaft dieser rechtlichen Männer am frühen Morgen zu Ihnen und flehe, flehe Sie aus tiefstem Herzensgrunde an: haben Sie Erbarmen mit Ihren Knechten! W i r arbeiten mit unsern Weibern und Kindern zu Ihrem Wohle und Ruhme Tag und Nacht, wir arbeiten gern und willig, aber unser Fleiss, unsere Arbeitslust muss erschlaffen, wenn es uns aus Mangel an Nahrung an der erforderlichen Kraft gebricht! – Ihr Lohn, Herr am Stein, wie er uns seit drei Wochen ausgezahlt wird, ist zu gering! Wir können dabei nicht mehr bestehen, wir müssen langsam verhungern! Darum bitten wir Sie im Namen Tausender: erhöhen Sie ihn wieder und wir Alle werden Sie preisen und auf Händen tragen!"
Adrian schlug die Beine über einander, zog einen der schweren eiselirten silbernen Armleuchter zu sich heran