entliess, ihre Drohungen wahr zu machen suchen. Was weiter, Herr Vollbrecht?"
"Ich muss im Voraus Ihre Verzeihung beanspruchen," nahm der erste Buchhalter abermals das Wort, "wenn ich mit einer zweiten Mitteilung, die ich Ihnen nicht verheimlichen darf, Ihr Ehrgefühl beleidigen sollte."
"Mein Ehrgefühl? Ich wüsste nicht, wie Sie dazu kommen sollten, Herr Vollbrecht, das Ehrgefühl des ältesten Grafen von Boberstein beleidigen zu können!"
"Verzeihung , Herr Graf! Gerüchte sind tausendzüngig und meine Kraft ist zu schwach, um müssigen Schwätzern die Zunge zu binden."
"Man spricht also? – Bitte vollenden Sie! Ihre Geschichten unterhalten mich."
"Man spricht von einem verstossenen Bru der, Herr am Stein, von einem älteren natürlichen Sohne des hochseligen Grafen Magnus –"
"Man ist ein Schurke, wenn man so spricht!" rief Adrian mit bebenden Lippen. "I c h will den nichtswürdigen Buben wissen, der solche Schmach auf meinen Namen zu häufen sich erdreistet! Wer ist es?"
Vollbrecht schwieg einige Augenblicke. Ein summendes, dumpfes Geräusch, als ob ferner Donner in Gebirgsschluchten verhallte, ward hörbar. Graf Adrian erhob sich und trat ans Fenster. Grauer Nebel lag auf den Wellen des Sees, der vom Winde bewegt, in gleichmässigen Pausen gegen das Ufer brandete. Das summende Geräusch wiederholte sich lauter, anhaltender, näher.
"Was bedeutet das, Vollbrecht?"
"Es ist die stimme des nichtswürdigen Buben, der an das erwähnte Gerücht glaubt! Es sind Ihre Arbeiter, Herr am Stein!"
"Und was wollen sie, diese Elenden?" zürnte in ohnmächtiger Wut der s t o lze Graf und Fabrikherr.
"Von ihrem Willen bin ich nicht genau unterrichtet, Herr am Stein. Ich komme nicht als ihr Abgesandter, sondern als ein Vorbote, um Sie pflichtschuldigst auf das Nächstfolgende aufmerksam zu machen. Ohne Zweifel haben die armen Menschen, die wirklich von ihrem Verdienst nicht mehr leben können, einen Entschluss gefasst und bereiten sich jetzt vor, Sie, Herr am Stein, persönlich mit demselben bekannt zu machen."
Adrian biss sich die Lippen blutig vor Grimm, aber er schwieg. Unverwandt starrte sein Auge auf den mit schweren Nebelwolken bedeckten See, während sein Herz vor einer Wiederholung des wüsten Geschreis zitterte, das aus den heisern Kehlen eines von ihm wahrhaft verachteten Menschenhaufens kam. Dies Geschrei wiederholte sich in der Tat und jetzt zwar so nahe, dass an der Ankunft der aufsätzigen Arbeiter nicht mehr zu zweifeln war. Erbleichend sah Adrian gleich darauf mehrere dunkle Gestalten wie Schatten durch den Nebel wanken und von allen Seiten das Haus umringen. Ehe er sich besinnen konnte, war er der Gefangene seiner missachteten, gedrückten, mit Füssen getretenen Spinner. Es geschahen unter lebhaftem Murren heftige Schläge an die Tür.
"Wünschen Sie die Abgesandten der Arbeiter in Ihrem Schlafzimmer zu empfangen," fragte Vollbrecht, "oder befehlen Sie, dass man sie abweisen soll? Ich bin bereit, Ihre Befehle zu überbringen."
"Vollbrecht, Vollbrecht, wo Sie mich hintergehen!" rief Adrian drohend. "Wo Sie mit diesem Gesindel gegen mich conspiriren! – Meine Rache würde fürchterlich sein!"
"Gnädiger Herr," entgegnete der Buchhalter, "ich bin durchaus nicht Partei in dieser unerfreulichen Angelegenheit. In Ihren Diensten habe ich nur Ihre Befehle zu vollziehen. Dieser Pflicht glaube ich bisher zu Ihrer Zufriedenheit genügt zu haben. Als Arbeiter obschon in anderem Fache und unter andern Verhältnissen, betrachte ich mich gleichermassen als ein Bruder und Gefährte Ihrer Spinner, und war als solcher immerdar bemüht, das nicht sehr beneidenswerte los dieser Unglücklichen möglichst erträglich zu machen. Nur aus diesem grund sprach ich zuweilen für sie und widerriet Anordnungen, welche Sie, Herr am Stein, im Interesse Ihres persönlichen Vorteils für nötig hielten. – Von dieser meiner Gesinnung sind die Arbeiter unterrichtet, denn ich machte nie ein Hehl daraus, um ihretwillen bin ich von ihnen geachtet, vielleicht geliebt, und weil ich als parteiloser, aber milder Vermittler zwischen inne stehe, nicht rechts nicht links sehend, sondern den graden Weg meiner überzeugung gehend, darum glaube ich Ihnen, Herr am Stein, in diesem wichtigen Augenblicke sogar von Nutzen sein zu können. Was Sie auch befehlen mögen, aus meinem mund werden die Arbeiter Ihren Entschluss ruhiger aufnehmen, als wenn Sie selbst ein hartes Wort zu ihnen sagten."
Es ward von Neuem lauter und ungestümer an die Tür gepocht. Hin und wieder aus dem schmutzigen Nebel gellte ein grelles Pfeifen oder ward unter Schimpfen eine wilde Drohung laut.
"Ich muss um schleunigste Entscheidung bitten, gnädiger Herr," sagte Vollbrecht mit Nachdruck. "Die Leute werden ungeduldig."
"Nun gut, ich will die Rädelsführer sprechen," versetzte Adrian düster. "Gehen Sie, Vollbrecht, führen Sie die Lautesten ins Speisezimmer und bedeuten den Tross, dass er sich ruhig verhalten soll! Ich will mir mit ihren Beschwerden die Ohren vollschreien lassen, um zu hören, wie der Pöbel die Worte setzt, wenn er Bittschriften überreicht."
Während Vollbrecht den erwählten Sprechern der Spinner die Tür öffnete, kleidete sich Adrian mit Hilfe seines Kammerdieners an und ging in den Speisesaal. Dieser Saal lag zu ebener Erde und war nicht sehr gross, aber mit fürstlichem Luxus möblirt. Seidene Tapeten aus Lyon, kunstvoll gewebt und von einem prächtigen Carmoisin, bekleideten die Wände. Lehnstühle und Sopha's in verschiedenen Formen,