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"Darüber will ich mit Gott, der mein Schicksal bisher gelenkt hat, zu Rate gehen."

"O Gott ist barmherzig und gerecht! Sie werden mir folgen!"

"I c h möchte es gern, weil Sie so gut, so grossmütig sind!"

"Werden Sie auch dann noch mich für grossmütig halten, wenn ich Sie bitte, mich einen blick in Ihr Leben tun zu lassen? Dieser Zauberring fordert dazu auf."

"Um ihn einzulösen, will ich der Zeit gedenken, wo ich ihn von mir gab."

"Dann gute Nacht, teure Herta!"

Aurel küsste der Wiedergefundenen nochmals die Hand und winkte Emma, die nicht zu reden vermochte, einen Gruss zu. Gilbert verbeugte sich mit tiefer Ehrfurcht vor der würdevollen, vornehmen Matrone.

Das Mädchen, das sie mit ihren klappernden Holzpantoffeln wieder bis an die Haustür geleitete, sah schelmisch lächelnd in das sehr ernstafte Gesicht Gilberts.

"Ist die Liebste untreu geworden?" flüsterte sie ihm zu. "Das hat man davon, wenn man ehrbare Mädchen zur Unzeit küsst."

Sie blies das Licht aus und schob die Fremden mit sammt dem murrenden Lohndiener hastig aus der Tür, die hinter ihnen sogleich wieder fest verriegelt ward.

Fünftes Kapitel.

Weisse Sclaven.

Zu ungewöhnlich früher Stunde wurde Graf Adrian von seinem Kammerdiener aus dem Schlafe geweckt. Der arme Mensch sah bleich und verstört aus. Der doppelarmige Leuchter mit den Wachskerzen schwankte in seiner Hand.

Adrian erhob sich langsam aus den weichen üppigen Pfühlen und warf ihm einen funkelnden Zornesblick zu.

"Gnädigster Herr, Verzeihung!" stotterte der Kammerdiener. "Herr Vollbrecht sendet mich."

"Um mir sagen zu lassen, dass er den Verstand verloren hat? Daran habe ich schon lange nicht mehr gezweifelt."

"Um Vergebung, gnädigster Herr –"

"Ich will nichts hören! Zur Geschäftsstunde bin ich Jedermann, der sich mit Anstand naht, zugänglich."

Adrian hüllte sich wieder in die seidene Decke und kehrte dem bestürzten Kammerdiener den rücken zu.

"Mein Gott, was nun anfangen!" murmelte dieser ganz verzweifelt. "Erfährt er das Unglück erst später, so jagt er uns Alle aus dem haus!"

"Du sprichst von Unglück?" rief Adrian, indem er jäh auffuhr von seinem Lager. "Wo und wem ist ein Unglück widerfahren?"

"Eben deshalb schickt mich Herr Vollbrecht vor Tagesanbruch zu Ew. Gnaden," entgegnete der Kammerdiener mit geläufiger Zunge. "Die Spinner in der Fabrik haben die Arbeit eingestellt und sich auf dem grossen hof in Rotten geordnet. Alles Zureden des Herrn Vollbrecht konnte sie nicht andern Sinnes machen."

Diese Nachricht kam Adrian so unerwartet, dass er auf der Stelle sein Lager verliess und das Morgenkleid überwarf.

"Wann hat diese Unordnung begonnen?" fragte er ruhig.

"Darüber wird Herr Vollbrecht Ew. Gnaden die erwünschte Auskunft geben können," sagte der Kammerdiener, indem er sich zurückzog und dem ersten Buchhalter den Vortritt gestattete.

"Sie sind von dem Vorgefallenen unterrichtet, Herr am Stein?" fragte Vollbrecht.

"Was fällt den Unsinnigen ein?" fuhr der Graf auf. "Wollten sie aus meinen Diensten gehen, so konnten sie dies in aller Ruhe tun, mir gesetzlich aufkündigen und anderwärts ein Unterkommen suchen. Dieses Einstellen der Arbeit aber nimmt die Miene eines Aufstandes an. Man wird sie zwingen und züchtigen müssen!"

"Diese Widersetzlichkeit, Herr am Stein, kann Sie nicht überraschen," versetzte Vollbrecht. "Ich habe Sie, wie es meine Pflicht war, genau von der überhand nehmenden unzufriedenen Stimmung unterrichtet, die seit Ihrer letzten Lohnherabsetzung den Aeltesten wie den Jüngsten Ihrer Arbeiter ergriffen hat. Sie lachten meiner Warnungen, erklärten die getroffenen Massregeln für unumgänglich nötig und verboten mir sogar diese Angelegenheit je wieder in Ihrer Gegenwart zu berühren. – Ich erlaubte mir, Ihren Befehlen entgegen zu handeln, Ihren Zorn auf mich zu laden. Sie lachten mich aus, Herr am Stein! I c h flehe Sie inständigst an, wenigstens jetzt nicht mehr jene Verfahrungsart beizubehalten, die notwendig Ihre persönliche Sicherheit gefährden muss!"

"Nun, ich will mich einmal tüchtig von Ihnen schulmeistern lassen, lieber Vollbrecht," erwiderte mit spöttischer Miene Adrian. "Reden Sie, was beabsichtigt dies hungrige Lumpengesindel?"

Der Graf warf sich in einen mit violettem Sammet ausgeschlagenen grossen Fauteuil, der neben seinem Bett stand und lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen aus das warme nachgebende Polster.

"Wenn dies Lumpengesindel, wie Sie Ihre Arbeiter zu nennen belieben, wirklich hungrig ist," entgegnete Vollbrecht, "so vermute ich, dass es Brod von Ihnen verlangen wird. Es wäre dies wenigstens sehr folgerecht. Indess weiss ich nicht, wohin Ihr Streben geht. Meine Beobachtungen haben mir nur gesagt, dass seit der grossen Lohnverkürzung sämmtliche Arbeiter eine trostlose herzzerreissende Niedergeschlagenheit ergriffen hat, der sich bei Einzelnen ein tiefer Unmut beigesellte. Mir schien es, als habe der letztere zum teil einen andern Grund. Die Arbeiter sprechen zuweilen, wenn sie sich unbeobachtet glauben, von unbekannten Verwandten des gnädigen Herrn, dieAnsprüche auf den Mitbesitz des gräflich Magnus'schen Nachlasses haben sollen!"

Adrian riss die Augen weit auf, ohne seine halbliegende bequeme Stellung zu verändern.

"Davon sprechen meine Arbeiter?" sagte er mit bittersüssem Lächeln. "Hm, daraus sehe ich, dass meine bäurischen Freunde, die ich vor ein paar Wochen etwas kühl