den Namen einer längst verschollenen
Unglücklichen?" liess sich jetzt aus der Tiefe des Zimmers eine sanfte Frauenstimme vernehmen. "Es muss etwas Ungewöhnliches vorgehen, wo dieser traurige Name unter Lebenden genannt wird."
Aurel wandte sich um. Eine Frau in schwarzer
Tracht, ohne Prunk, aber rein und geschmackvoll gekleidet, stand auf der Schwelle derselben Tür, durch welche die Wahrsagerin eingetreten war. Ein brennendes Licht schwankte in ihrer zitternden Hand, die blütenweisse Spizzenmanschetten zur Hälfte überdeckten. Weder Jahre, noch Trübsal, noch Kummer und Elend hatten die ursprüngliche Schönheit dieser erhabenen Züge gänzlich verwischen können. Der Adel einer reinen grossen Seele verklärte noch immer diese schön geformte Stirn und glänzte in dem milden versöhnenden Licht des braunen Auges. Ein schmerzliches Lächeln auf den bleichen Lippen schritt sie fest auf die seltsame Gruppe zu, die von der magischen Gewalt eines Zaubers erfasst zu sein schien. Indem sie das Licht ein wenig erhob, so dass der volle Schein der Flamme auf die beiden Fremden fiel, wiederholte sie nochmals mit eigentümlicher Weichheit des Tones die Frage:
"Wer nannte Herta? Wer sucht sie? Hier ist, was von ihr übrig geblieben!"
Aurel kehrte ihr das Gesicht zu. Das Unerwartete des vorhergegangenen Auftritts, die neue Unterbrechung, die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens, die ihn gefangen hielt, gaben seinen Zügen einen so fest ausgeprägten Charakter, dass die Aehnlichkeit mit seinem Vater schärfer hervortrat, als in der gleichmässigen Ruhe des alltäglichen Lebens. So traf ihn Hertas Auge. – Das Licht entfiel ihrer Hand, sie selbst drohte umzusinken. Mit kräftigen Arm umfing Gilbert die bebende Frau.
"Es ist sein Sohn!" lallte sie ohnmächtig. "Wie er ihm gleicht, dem Entsetzlichen! – –"
Wir vermessen uns nicht, die Empfindungen beschreiben zu wollen, die nach dieser Erkennungsscene die Herzen der Beteiligten bestürmten. Herta bedurfte einer geraumen Zeit, ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte. Emma, sonst ihre Zofe, jetzt Wahrsagerin aus Not, um den mehr als kargen Verdienst, welchen beide gerettete Frauen durch den Fleiss ihrer hände sich erschwangen, zu mehren, überfiel dem Fremden gegenüber ein Gefühl der Scham, das sie beängstigte. Aurel war glücklich und betrübt zugleich, glücklich, weil er eine ihm teure Verwandte wiedergefunden hatte und sie einer Lage entziehen konnte, die ihrer Geburt, ihrer geistigen und gesellschaftlichen Bildung unwürdig war; betrübt, weil es ihn schmerzte, dem eignen Vater grollen zu müssen, der so viele und schwere Vergehungen auf sich geladen und seinen Nachkommen einen befleckten mit Verachtung oder Ingrimm genannten Namen hinterlassen hatte.
Diese Entdeckung, dies Wiederfinden hatte der kleine goldene Siegelring bewirkt. Aurel konnte nicht mehr von ihm lassen. Er war ihm ein Talisman, ein wunderkräftiges Amulet geworden.
Mit dieser überzeugung sass er jetzt neben Herta und führte wiederholt die zwar magere, aber noch immer schöne Hand seiner Tante an die Lippen.
"O könnte ich es ungeschehen machen all' das Unglück, das man Ihnen zugefügt hat!" rief er bewegt aus. "Könnte ich diesen gebleichten Locken den Glanz der Jugend, diesem schmerz- und ergebungsvoll blickenden Auge den freudigen Strahl wiedergeben, der aus der Tiefe einer ungetrübten Seele blitzt! Dass ich es nicht vermag, teure Tante, das macht mich unglücklich! O mein Vater! Mein Vater!"
Herta war in Gesinnung und Wesen fast unverändert geblieben. Milde, Versöhnung, den Glauben an Verallgemeinerung eines sittlichen Fortschrittes im Volk hatte sie festgehalten, selbst in tiefster Erniedrigung. Die Armut hatte ihr zartfühlendes Herz wohl durch die Qual der Not zerfleischen können, die sie begleitete, ihre schmutzigen Schlacken, die sich schuppenartig fest zu setzen pflegen an den ihr verfallenen Öpfern und es durch einen Panzer von Gemeinheit abschliessen von der übrigen Welt, diese hatten sie nie berührt. Was sie erduldet, das sah sie für eine Schickung an, für ein zur Fortentwickelung des Weltbildungsgangs Notwendiges, zu dessen Werkzeuge sie Gott ausersehen hatte. Diese allerdings mehr fatalistische als christliche Weltansicht trug Herta stets über alle unreinen Tiefen und wüsten Abgründe des Lebens hinweg und liess sie mit den Jahren eine Ruhe und geistige Besonnenheit gewinnen, die für sie ein hoher Ersatz des jubelnden phantastischen Glücks war, in dem als Mädchen ihre Seele aufjauchzte. Herta war nicht glücklich aber zufrieden geworden. Sie hatte ihr Herz eben so gut zu beschränken gewusst, wie ihre Bedürfnisse und dies allein rettete sie vor geistigem und leiblichem Untergange.
Aurel bestand in seiner Aufregung eine Zeit lang darauf, dass Herta sogleich ihren Versteck verlassen und ihm ins Hotel folgen sollte. Es kostete Mühe, dem hartnäckigen Mann das Unpassende dieses Vorschlages begreiflich zu machen. Endlich aber sah er es doch ein und gab ihn auf.
"Nun gut denn, so bleiben Sie!" sagte er lebhaft. "Nur verbieten Sie dieser dämonischen Sibylle fernerhin ihre Orakelsprüche! Ich könnte mich sonst in die unangenehme notwendigkeit versetzt sehen, ihre von äusserer Not dictirten Betrügereien aufdecken zu müssen! Wer gläubigen Herzens ihren Aussagen lauscht, dem können sie verhängnissvoll werden fürs ganze Leben! Es ist Sünde, Frevel, mit dem geheimnis zu spielen. Oft rächt es sich fürchterlich!"
"Ich verspreche Ihnen, Herr Kapitän, dass Emma ihre Kunst zu unserm Glück an Ihnen zum letzten Male erprobt haben soll."
"Versprechen Sie mir auch, teure Tante, dass Sie mich nicht mehr verlassen, dass Sie zurückkehren wollen in die Welt, in den Schoos der Familie, deren edelstes Glied Sie sind?"