nicht gerade so angestrengt auf über- oder Unterirdisches gerichtet wären."
"Mag sein, mag sein!" versetzte Aurel zerstreut und seufzend. "Wenigstens liegt mir die Erforschung der Vergangenheit mehr am Herzen, die unklare, jedem Sterblichen verhüllte Zukunft."
Es rauschte hinter der Tür des Nebenzimmers, sie drehte sich klanglos in den Angeln und eine mittelgrosse Frauengestalt, von Kopf zu Fuss in aschgraue Zeuge gehüllt, stand auf der Schwelle. Die Matrone hielt in der linken Hand eine kleine silberne Lampe von feiner Arbeit, aus deren flacher Höhlung ein spitzes blaues Flämmchen brannte. Die Rechte umschloss ein vollzähliges Spiel deutscher Karten.
Den Gruss der Fremden erwiderte sie durch mehrere tiefe Verbeugungen, die wunderlich und fast gespenstisch anzusehen waren. Noch immer, ohne zu sprechen, schritt sie dann fest und mit gezwungener Feierlichkeit auf den Tisch zu, winkte den Fremden nieder zu sitzen und nahm selbst Platz auf einfachem Sessel. Die Lampe vor sich hinstellend und das Spiel Karten daneben legend, erhob sie den blick, um die Fremden genau zu betrachten.
Auf diesen Moment hatte Aurel mit Ungeduld gewartet. Seine scharfen Blicke begegneten denen der Wahrsagerin und rangen gleichsam sekundenlang mit einander. Aurel kannte die Matrone so wenig, wie diese ihn. Seine Hoffnung schwand sogar sehr bedeutend, als er in ein kleines abgemagertes, faltenreiches Gesicht sah, das nicht gerade hässlich war und in frühern Jahren wohl auch einmal hübsch gewesen sein mochte, das aber unmöglich jener Herta angehören konnte, die er suchte und hier zu finden wünschte. Graue Haare legten sich in dünnen Scheiteln um die kleine zusammengefasste Stirn der Wahrsagerin.
"Sie wünschen die Zukunft zu befragen?" sagte das Mütterchen zu den Fremden. "Wenn Sie nicht aus blosser Neugierde, sondern aus innerstem Drange des Herzens und mit gläubigem Gemüt zu mir kommen, dürfen Sie hoffen, die reine Wahrheit zu hören."
Aurel bat durch eine Handbewegung, dass sie fortfahren möge.
"Ziehen Sie es vor, dass ich die Flamme oder die Karte befrage?"
"Ganz nach Belieben, Madame!" entgegnete Aurel. "Ich bin nicht bewandert in den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft."
"Die Flamme erheischt lange Zeit und grosse Geduld. Sie scheinen mir lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner fragen befürchten muss, was traurige Folgen für Sie haben könnte, so erlaube ich mir mit Ihrer Zustimmung die Karte vorzuziehen."
Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin liess die Lampe sogleich verlöschen, was so schnell und geheimnissvoll geschah, dass Gilbert darüber erstaunte und den Kapitän verwundert ansah. Sie mischte hierauf das Spiel Karten, richtete verschiedene fragen an Aurel – in welchem monat er geboren sei? Ob verheiratet oder ledig? An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten habe? u.s.w. Gleichgiltig, doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort. Die Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin, anfangs der Reihe nach die einzelnen Blätter abhebend. Später gab sie manchem eine andere Stelle, so dass die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach veränderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern, bald einen festen Körper in fast eirunder Form ohne Strahlen bildete. Während dieses Hin- und Wiederschiebens der Kartenblätter sprach sie immerfort, lächelte jetzt, und schüttelte dann wieder mürrisch den Kopf. Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem dürren weissen Zeigefinger auf eines der Blätter oder drohte ihm mit freundlicher Miene. Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand! Sie erhob sich vom Sessel und schob die drei Lichter näher an einander. Aurel stand ebenfalls auf und beugte sich, beide hände auf den Tisch stützend, über das wunderlich gestaltete Kartenbild, das seines Lebens Zukunft entalten sollte. Obwohl er nicht im Geringsten an Wahrsagerei glaubte, ward ihm doch ganz eigen zu Mute. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte er dem lesenden Auge der Wahrsagerin, lauschte er den seltsamen Orakelsprüchen, die in lauter zusammenhangslosen Satzfragmenten ihrem mund entglitten.
Unser Freund würde sehr unbefriedigt davon gegangen sein, hätte nicht seltsamerweise die Sibylle durch einen unerklärlichen Zufall Alles, was ihm in jüngster Zeit Auffallendes begegnet war, aus den Karten gelesen und mit unerschütterlicher Seelenruhe ihm mitgeteilt. Dies machte ihn stutzig, er glaubte sich erkannt, verraten, und ohne das Ende der Prophezeiung abzuwarten, rief er mit lauter stimme der Wahrsagerin zu:
"Weib, wer bist Du, dass Du mein vergangenes Denken weisst?"
In seiner Aufregung rüttelte er so heftig am Tische, dass die Karten ordnungslos durch einanderfielen und die ganze, so künstlich zusammengefügte Figur zerstört ward.
Die Wahrsagerin richtete sich auf und liess prüfender als im Anfange ihre Blicke über den Kapitän gleiten. Sie bemerkte den goldenen Reif am kleinen Finger seiner linken Hand, den Aurel jetzt völlig vergessen hatte. Zitternd, mit offenem mund starrte sie den Fremden an und sank dann laut aufschreiend in den Lehnsessel.
"Jesus, er ist es!" rief sie aus. "Nur er allein konnte' ihn haben!"
"Herta!" lispelte im tiefsten inneren erschüttert und von geheimnissvollen Schauern erfasst der Kapitän. "Herta, so sind Sie es wirklich? Man hat mich nicht hintergangen?"
"Herta?" erwiderte die Wahrsagerin. "Nein nein, ich bin nicht Herta!"
Und sie machte eine Bewegung des En t s e tzens, als wolle sie Aurel mit Gewalt von sich abwehren.
"Nicht Herta? U n d Sie glauben mich doch zu
kennen?"
"Wer ruft