, wo der ärmere teil der Bevölkerung Leipzigs wohnt. Durch schmuzzige finstere Gassen, von kleinen, schlecht gebauten Häusern gebildet, schritten Aurel und Gilbert dem Führer nach bis an das äusserste Ende der Stadt. Ein paar zweistockige Häuser schlossen hier die schmale Gasse, die ungeachtet des scharf wehenden Windes von übelriechender Luft erfüllt war, welche selbst bis in das Innerste der Häuser drang. I n einem dieser Häuser war eine Schenkwirtschaft. Man hörte es an dem Durcheinander der vielen laut sprechenden Männerstimmen. Das zweite etwas sauberer aussehende Haus schien unbewohnt zu sein. Die Tür war verschlossen, an keinem der kleinen Fenster schimmerte Licht. Der Lohndiener wusste jedoch Bescheid. Er bat die Fremden etwas zurückzutreten und sich ruhig zu verhalten. Dann hustete er leise und schnalzte dreimal mit der Zunge, indem er zugleich an der Tür klinkte. Bald darauf erschien hinter schneeweissen Vorhängen ein wanderndes Licht im ersten Stock. Man hörte klappernde Pantoffeln, ein Schlüssel klirrte im Schloss und die Tür ward geöffnet.
"Ein gutes Zeichen," flüsterte Gilbert dem Kapitän zu, als er das rosige Gesicht eines jungen Mädchens an dem Spalt der behutsam geöffneten Tür gewahrte. "Die Weiber haben uns bisher immer Glück gebracht, es wird uns auch heute nicht fehlen, mögen sie uns nun Gutes oder Böses prophezeihen! Ha, der alte Schelm unterhandelt mit der niedlichen Kleinen! Wär' ich doch an seiner Stelle! Ich wollte das plappernde Mündchen so geschickt küssen, wie Tysbe ihren Pyramus durch den Spalt in der Mauer!"
Aurel stand auf Kohlen, denn die Unterhandlung dauerte etwas lange und ward äusserst bedächtig und förmlich geführt.
"Es sind Fremde, zuverlässsge und vornehme Leute," sagte der Lohnbediente. "Ein Kapitän aus Hamburg, wie ich im Fremdenbuch gelesen habe."
"Und sein Begleiter?" fragte blinzelnd das Mädchen, mit gebogener Hand das flackernde Licht gegen den Luftzug schützend. "Sie wissen, dass meine herrschaft immer nur eine person auf einmal vorlässt."
"Die beiden Herrn sind so gut, wie nur eine person – der Vater mit seinem Pflegesohn."
"Wollen Beide ihre Zukunft wissen?"
"Was kümmert das Dich, kleiner Schabernack? Mach auf, die Herren haben Eile. Morgen bei zeiten wollen Sie abreisen." "Sie werden schon warten, wenn ihnen an der Klugheit meiner herrschaft so viel gelegen ist. Noch zwei Minuten Geduld!" Rasch klirrte ein Kettchen hinter der Tür, das Mädchen verschwand, klapperte die Treppe hinauf und ging denselben Weg, den sie gekommen war, wieder zurück. Aurel ward ungeduldig. "Ihre Prophetin scheint sehr launenhafter natur zu sein," sagte er zu dem Lohndiener. "Wenn die Verhandlungen in gleicher Weise fortgesetzt werden, kommt Mitternacht heran, ehe wir die Orakelsprüche der klugen Frau vernommen haben." Der Lohndiener zuckte die Achseln. "Wunderliche Leute wollen apart behandelt sein," ver s etzte er trokken. "Man muss sich ihrem Willen unbedingt unterwerfen, oder erfährt gar nichts. Alles Bitten und Drängen bleibt fruchtlos. Doch da kommt die klappernde Vermittlerin ja schon wieder zurück. Jetzt, meine Herren, dürfen Sie sich gratuliren; Sie werden beide angenommen und können, wenn Sie es wünschen, die Entüllungen Ihrer Zukunft gemeinschaftlich vernehmen." Das Kettchen ward jetzt abgenommen und die Tür weit geöffnet. Aurel und Gilbert nebst dem Lohndiener traten ein, worauf das Mädchen die Tür wieder fest verschloss und verriegelte. Gilbert konnte sich nicht versagen, die hübsche Pförtnerin, deren Füsschen in plumpen Holzpantoffeln steckten, zu mustern. Sie war in der Tat frisch wie eine Pfirsiche, vollbusig und von starken Hüften. Dies reizte den kecken Matrosen und eh' es sich die niedliche Dienerin versah, hatte er sie umschlungen und ihr einen Kuss geraubt. Eben so schnell fühlte er aber auch ihr nichts weniger als sanftes Händchen auf seiner Backe.
"Dank, mein süsses Schäfchen!" lachte Gilbert der errötenden Pförtnerin in die muntern braunen Augen. "Mit dem Anfange wäre ich zufrieden. Treffen mich nicht härtere Schläge in meinem Leben, so will ich es ein von seltenem Glück getragenes nennen! Pflegst Du für so vortrefflich geratene Maulschellen Bezahlung anzunehmen?"
Aurel gebot dem Schwätzer mit zornigem blick Schweigen. Der Lohndiener, schon bekannt mit der Einrichtung in diesem haus, war zur Seite in ein Nebenstübchen getreten, um die Rückkehr der Fremden abzuwarten. Das Mädchen ging schmollend vorauf, unterliess aber trotz dem nicht, verstohlene funkelnde Blicke auf den dreisten Burschen mit dem gebräunten Gesicht und den nachtschwarzen Augen zu werfen.
über einen gewundenen gang, der unter ihren Tritten knisterte und schwankte, kamen sie in ein freundliches Hintergebäude, das neuern Ursprungs zu sein schien. Die saubere Einrichtung und die glänzende Reinlichkeit zeigte, dass es Frauen bewohnten. Die kleinen Zimmer dufteten von mildem Arom und deuteten nichts weniger als eine dürftige oder unbehagliche Existenz an.
"Belieben die Herren einen Augenblick zu verziehen," sagte die hübsche Pförtnerin in Holzpantoffeln. "Madame wird sogleich erscheinen."
Sie zündete drei Lichter auf blank gescheuerten zinnernen Leuchtern an und liess die Fremden allein.
"Mässige Dich, Gilbert!" ermahnte Aurel den Jüngling. "Du kannst mit Deinem verliebten Ungestüm das Ziel meiner ganzen Reise verrücken."
"Warum stellt mir der Versucher so apetitliche Mädchen in den Weg! Aufbrechende Rosenknospen muss ich brechen; es juckt mich in den Fingern, und auf Matrosenehre, Kapitän, Sie würden mir treulich Gesellschaft leisten, wenn Ihre Gedanken