"Jetzt sind w i r die Herren und s i e die Knechte!"
Am nächsten Tage früh gegen elf Uhr sahen mehre Bewohner der Stadt Görlitz drei Männer in weissen Haaren die gewundene Steintreppe am stattlichen rataus hinaufsteigen. Man wunderte sich über diese Alten in ihrer wunderlichen, nirgend mehr üblichen Tracht, und als sie spät am Tage mit feierlicher Miene das Rataus wieder verliessen, wollte man wissen, dass sie den Hochweisen ein höchst wichtiges Staatsgeheimniss, wo nicht gar eine Verschwörung entdeckt hätten.
Fussnoten
1 Diese Angaben beruhen auf Tatsachen.
Viertes Kapitel.
Die Wahrsagerin.
Wind und Regen peitschten die Fenster. Ein Postorn schallte durch die kalte stürmische Octobernacht und rasselnd fuhr die schlecht verwahrte Kalesche über das holprige, stossende Pflaster Leipzigs. Die Extrapost hielt vor dem Hotel de Pologne. Diensteifrig stürzte der Oberkellner an den Wagenschlag, um ihn zu öffnen, wäre aber beinahe von einem behend herausspringenden mann kräftiger Statur umgerannt worden, dem ein zweiter, jüngerer wo möglich noch ungestümer folgte. Die Fremden begehrten zwei Zimmer, befahlen das Gepäck ihnen nachzubringen und dem Postillon ein tüchtiges Trinkgeld zu geben. Dann schritten sie Arm in Arm dem vorleuchtenden Kellner nach, zwei Treppen hinauf und bezeigten sich mit dem angewiesenen Logis zufrieden. Auf die Frage des Kellners, ob die Herren sonst noch etwas zu befehlen hätten, bestellte der Aeltere Tee und später ein Abendbrod, wie es zu haben sei.
"Wie erfahren wir nun die wohnung unserer Sibylle?" sagte Aurel zu seinem jungen Begleiter. "Auf gut Glück und so geradezu Wirt oder Kellner nach einer Kartenschlängerin fragen kann man doch nicht, ohne sich lächerlich zu machen oder für einen Narren gehalten zu werden."
"Ueberlassen Sie das mir, Herr Kapitän," erwiderte Gilbert. "Ein bis zwei Tage müssen wir uns doch hier verweilen. Das ist Zeit genug, um die Geheimnisse dieser Universitäts- und Handelsstadt auszukundschaften."
"Ich werde mich langweilen zum Sterben, guter Junge. Ich kenne Leipzig und weiss, was es dem Fremden für interessante Seiten zu bieten hat, wenn er nicht Handlungsreisender oder Weinbeflissener ist. Und nun gar dieses Wetter! Man kann keinen Fuss aus dem haus setzen."
"Es ist ja die Saison, Herr Kapitän! Da gibt es Concerte alle Abende. Am Tage laufen wir die Kaffeehäuser und Weinkeller durch oder grüssen die hübschen Mädchen, die in Leipzig alle so verliebte Augen haben."
"Gilbert!"
"Verzeihung, Kapitän! Man sagt so und mich dünkt eine Nachrede solcher Art bringt dem schönen Geschlecht der Stadt keine Schande. Mädchen ohne Liebesblicke, ich bitte Sie, Kapi t än, wie soll es ein vernünftiger Mann mit solchen Geschöpfen aushalten? Uns schräg gegenüber im Erker wohnt ein neugieriges Lockenköpfchen – ich hab' es gleich bemerkt. Morgen früh bei zeiten werde' ich der schönen Nachbarin mit Ihrer gütigen erlaubnis auf Matrosenart meine Reverenz machen."
Der Kellner erschien wieder und legte dem Kapitän das Fremdenbuch zur Einzeichnung seines Namens vor. Aurel machte die Förmlichkeit kurz ab und verlangte nochmals den Tee.
"Kapitän am Stein nebst Pflegesohn!" las der Kellner mit einiger Verwunderung. "Vermutlich ein schiffbrüchiger Kapitän, der sich auf's Festland geflüchtet hat, um daselbst auszuruhen und bessere zeiten abzuwarten."
Eine Stunde später wusste die gesammte Dienerschaft im Hotel, dass ein Seekapitän aus Hamburg angekommen sei und auf seinem Zimmer Tee trinke, stark wie Braunbier. Da er auch das Abendessen auf dem Zimmer zu servieren befahl und mit den Kellnern gar nicht sprach, wurde er stillschweigend entnationalsiirt und z u einem Engländer verwandelt.
Am andern Morgen war das Wetter etwas erträglicher. Die Sonne schien ab und zu durch fliegende Wolken und gestattete wenigstens einige Spaziergänge. Aurel verbrachte den Tag ziemlich nach Gilberts Vorschlag und dieser knüpfte nicht bloss mit seinem hübschen Ge g enüber durch Gruss und blick eine oberflächliche Bekanntschaft an, die zwar nicht geradezu erwiedert aber doch bemerkt und nicht unfreundlich aufgenommen wurde, sondern wusste auch so geschickt zu manövriren, dass er bereits um die Mittagsstunde sich für wohlunterrichtet halten durfte. Aurel schloss von der Heiterkeit des Jünglings auf die guten Nachrichten desselben und eilte davon Kenntniss zu erlangen.
"Bist Du im Klaren?" fragte er nach Tische bei Kaffee und Cigarre.
"Ich kenne das Fahrwasser, aber nicht den Curs."
"Wie das?"
"Weil sich drei ehemalige Grazien damit abgeben, dem Neugierigen aus Hand und Karte die Zukunft zu entüllen."
"Verdammt! U n d wer steuert uns?"
"Ich habe schon einen Lootsen gefunden, der mir zuverlässig scheint. Es ist ein alter ve r s chmitzter, kupfriger Lohnbedienter, eingeweiht in alle Heimlichkeiten und heimisch auf jedem verbotenen Wege. Dieser Mentor hat mir versprochen, uns gegen doppelte Bezahlung zu der jetzt berühmtesten und namentlich bei den Damen in grösstem Ansehen stehenden Sibylle zu geleiten. Bei nur einigermassen glücklichem Winde müssen wir in den rechten Port kommen, wenn der Musiker in der Mohrentaverne uns nichts aufgeheftet hat."
Aurel lobte die Vorkehrung Gilberts und schrieb während des Nachmittags, um nur die Zeit hinzubringen, mehrere Briefe. So kam der Abend heran, der minder regnerisch zu werden versprach. Um sieben Uhr meldete Gilbert, dass der Geleitsmann ihrer harre. Aurel schob sogleich Alles bei Seite, warf seinen Mantel um und verliess, von Gilbert und dem Lohndiener begleitet, das Hotel.
Dieser führte die Fremden zum Peterstore hinaus, über den Rossplatz nach der Johanisvorstadt, dem Stadtteil