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Tagen, nur gemeinsamer Hilfeschrei wird beachtet. Darum trachte der Einzelne dahin, dass die Armen sich einigen und durch ihre Masse und anhänglichkeit eine unzerreissbare Kette bilden! Mit geschlossenen Gliedern können sie den Reichen trotzen und durchsetzen, dass man ihre volle Freiheit anerkenne und sie menschlich behandle."

Zweifelnd schüttelte Leberecht den Kopf, ohne das Gespräch weiter zu führen. Die nahen Gebäude des Zeiselhofes, die über die kahlen Felder emporstiegen, gaben seinen Gedanken eine andere Richtung. Sie bogen in einen flachen Hohlweg ein und sahen sich nach wenig Minuten dem offenstehenden Torwege des Edelhofes gegenüber.

"Dort drüben," sagte der Maulwurffänger, indem er mit der Hand nach dem Herrenhause deutete, "dort drüben begann vor mehr als vierzig Jahren das grosse Unglück, dessen Folgen uns drei greise Männer an diesem verhängnissvollen Orte wieder zusammenführt. Möge Gott unsern Eingang segnen, wie er ihn damals segnete, als ich Dein liebliches Töchterlein den Händen Blauhuts entriss!"

"Amen! Amen!" versetzten Leberecht und Sloboda, indem sie ihre Hüte abnahmen und die hände bittend falteten. –

Eine genaue Besichtigung des Zeifelhofes war leicht zu erlangen, da, wie bemerkt, ein neuer Pachter gesucht ward. Um nicht aufzufallen und Verdacht zu erwecken, gingen die drei Freunde alle Gebäude der Reihe nach durch, indem sie bei dem herumführenden Verwalter sich genau nach dem Ertrage des Rittergutes mit Sachkenntniss erkundigten. Das Herrenhaus betraten sie zuletzt. Es war nicht mehr in gutem Stand erhalten, denn seit der Catastrophe, welche Magnus auf längere Zeit ins Ausland trieb, hatte es keinen bleibenden Bewohner gehabt. Die späteren Pachter nahmen bloss zeitweise davon Besitz, gefielen sich aber in der Verwalterwohnung besser, da sie ihren Neigungen und Bedürfnissen mehr entsprach.

Als sie die breite, ehemals mit kostbaren erotischen Pflanzen reich geschmückte Treppe hinaufstiegen, flüsterte Leberecht dem Maulwurffänger leise zu:

"An der dritten Tür rechts lenke die Aufmerksamkeit unseres Begleiters ab und richte es so ein, dass ich ein paar Minuten allein im Zimmer bleiben kann."

Mit schnellem Augenwink gab Heinrich seine Zustimmung zu erkennen.

"Hier sieht's nicht mehr sehr gräflich aus," bemerkte Sloboda. "Zeit, Holzwurm und Motte haben arg gewirtschaftet. Man müsste alle Gemächer durchaus neu meubliren und herrichten lassen, wollte man sie mit Vergnügen bewohnen."

"Es fehlte seiter eben ein Herr," sagte achselzukkend der Begleiter.

"Ah," unterbrach ihn der Maulwurffänger, "da sind wir ja im Balconzimmer! W i r doch die alten zeiten wieder lebendig werden! Wie oft bin ich in diesem Garten gelustwandelt! W i e viele tausend Maulwürfe habe ich auf jenen Feldern gefangen! Lasst mich doch nach so langen Jahren wieder einmal einen blick auf all' die verwilderten Herrlichkeiten tun! Denn dem Gärtner, scheint mir, haben der jetzige Herr Pachter und seine Vorgänger nicht viel zugewendet!"

"Von Herzen gern," versetzte der sie herumführende Begleiter. "Beliebt es auf den Balcon zu treten? Die Herren folgen uns wohl nach?"

Heinrich nahm den Arm des Begleiters, zog ihn mit sich und verstrickte ihn in ein lebhäftes Gespräch. Leberecht und Sloboda blieben allein im Zimmer zurück. Es war dasselbe, in welchem Haideröschen den ersten Ueberfall ihres Gebieters so kräftig abwehrte. Noch war es ganz so meublirt, wie damals. Dieselben Tapeten, jetzt nur geschwärzt und mit Spinnengeweben überzogen, bedeckten noch immer die Wände.

"Hier ist es," sagte Leberecht, indem er gegen einen verborgenen Knopf in der Tapete heftig drückte. Die Wand wich kreischend zurück und öffnete den Eingang zum anstossenden Zimmer. Ein kaum handbreiter Raum, mit Getäfel verkleidet, schied beide Zimmer von einander. Dies Getäfel öffnete ein Druck nach innen, worauf mehrere Fächer sichtbar wurden, die offenbar zur Aufbewahrung von Kostbarkeiten den ehemaligen Besitzern gedient hatten. Aus einem der Fächer, in denen jetzt nur Spinnen hausten, langte Leberecht ein ansehnliches Volumen sorgfältig eingepackter Schriften heraus, die mit dem wohlbekannten Wappenringe der Boberstein fünffach versiegelt waren. Sloboda sah ihn fragend an.

"Das sind die Documente?"

"Sie sind es."

"Gott gebe, wohlerhalten!"

"Ja, das gebe Gott!"

Leberecht schob das Packet in die Brust t asche seines weiten Rockes, liess das Getäfel wieder in seinen Falz, die verborgene Tapetentür in ihre Fugen gleiten und folgte dem Maulwurffänger auf den Balcon. Dieser hielt den Begleiter noch fest mit fragen, welche Adrian und seine Brüder betrafen, um dem Freunde möglichst viel Zeit zu ungestörtem Suchen zu verschaffen.

"Nun seid Ihr fertig mit Eurer Musterung?" sagte er jetzt kurz abbrechend. "Dann könnten wir allenfalls unsern Auftrag für erledigt betrachten; denn was mich betrifft, so erspare ich mir ein nochmaliges Beschauen dieser Zimmer. Ich war ehedem darin wie zu haus."

Als er in den Blicken Leberechts gelesen hatte, dass er glücklich gewesen sei, übermannte den so gemessenen alten Mann eine unglaubliche Unruhe. Er musste gewaltsam an sich halten, um den Begleiter nicht zu enttäuschen über den wahren Zweck ihres Besuches. Indess wusste er doch ihren Aufentalt möglichst abzukürzen. Noch vor Abend verliessen die Greise den Zeiselhof und schlugen den Weg nach Königshain ein.

"Was soll jetzt geschehen?" fragte Sloboda, als er die belebten, von freudiger Erwartung strahlenden Züge seines alten Freundes gewahrte: "Gehen wir zu den Freunden in Deine Heimat?"

"Vor Gericht! Vor Gericht!" rief der Maulwurffänger.