hat man ihm die persönliche Freiheit gegeben und doch die Kette an seinem Fuss gelassen, die ihn an freier Bewegung hindert, deren dumpfes Klirren ihn stündlich an seinen frühern Sclavenstand erinnert?"
"Was nennst Du Kette?" fragte der Maulwurffänger.
"Die Lasten, die man nicht von uns genommen hat," entgegnete Leberecht. – "Ihr wisst, ich habe ein kleines Häuschen mit nur wenigem Ackerland. Es ernährt mich nicht in guten Jahren, es stürzt mich immer tiefer in Schulden, tritt Misswachs ein. Ich würde es verkaufen, wäre es nicht schon über den eigentlichen Wert verschuldet. Um also nicht zum Bettler zu werden, muss ich den Haus- und Ackerbesitzer fortspielen und unverhältnissmässige Gaben an Staat, herrschaft und Kirche zahlen. Ich muss, wie ehedem der leibeigene Bauer, dem Herrn frohnen, ich muss ihm die Wege ausbessern, muss ihm Hand und Spanndienste leisten oder – Geld dafür zahlen! Was bringt mir Geld? Der Verkauf von Naturalien, die ich erbaue. Was aber erbaue ich? Kaum so viel, als ich mit grösster Not zum spärlichen Durchkommen brauche! – Dennoch fordert man Geld von mir und ich muss es schaffen oder werde erst mit Execution, zuletzt mit unbarmherziger Pfändung bestraft. Lasse ich es so weit kommen, so mag ich mich nur nach einem Strick umsehen, denn verloren bin ich doch einmal! So ergreife ich denn das letzte Mittel, nehme ein kleines Capital zu hohen Zinsen auf, das ich nie zurückbezahlen kann, und entrichte meine ordentlichen und unordentlichen Steuern."
"Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Alter," sagte Sloboda. "Das sind die Leiden des freien Bauers ohne Vermögen! Sie schmerzen oft mehr als die Rute des Herrn! Es ist traurig, sehr traurig!"
"Ich will nicht weiter von mir sprechen," fuhr Leberecht fort, "ich will nur an einem Beispiele nachweisen, dass ich meine Klagen nicht aus der blauen Luft greife. Mein Nachbar schief über hat ein Häuschen mit Gartenland. Er ist Weber, verheiratet, Vater von drei Kindern, – und in ganz gleichen Verhältnissen sind an unserm Ort allein über hundert Familien, in zwanzig, dreissig Ortschaften zusammen einige Tausende, – und verdient bei grösstem Fleisse, angenommen, dass keine Krankheit vorkommt und die Arbeit nie fehlt, im ganzen Jahre f ü n f u n d f u n f z i g bis höchstens s e c h z i g Taler! Was ist davon sein Eigentum? – I c h will es Euch sagen. Auf Haus und Gartenland, das ihm seinen Kartoffelbedarf bringt, lastet ein Kapital von vierhundert Talern, das zu fünf Prozent Zinsen die Jahreseinnahme um zwanzig Taler vermindert. Er muss ausserdem an Grundsteuer dem staat jährlich e i n e n Taler f u n f z e h n Silbergroschen zahlen, Classensteuer, z w e i Taler, Grundzins an die herrschaft, d r e i Taler und drüber, Jagd- und Spinngeld funfzehn Groschen, Gemeindeabgaben gegen a n d e r t h a l b Taler; das Schulgeld für seine Kinder beläuft sich auf v i e r Taler und endlich kommen an Feuerassecuranz, an Abkauf der Handdienste auch noch gegen z w e i Taler zusammen, so dass ihm zur Ernährung seiner Familie, zur Instandhaltung seines Hauses und zur Bestreitung etwaiger nicht zu berechnender Ausgaben nicht mehr als z w a n z i g Taler übrig bleiben.1 Ist solch ein los benei d enswert, und ist derjenige, dem es gefallen, ein freier Mensch zu nennen, zu beneiden von dem Neger, der in heissen Ländern die Pflanzung seines Herrn bebaut und dafür sorglos seinen Reis essen kann?"
"Wenn das keine Ausnahmen sind, dann wehe uns! Wehe unsern geordneten Saaten! Wehe der Zukunft unseres Volkes!" sagte der Maulwurffänger.
"Du sprichst es aus. Wehe der Zukunft unseres Volkes, wenn gleichsam auf gesetzmässigem Wege die Verarmung mit Riesenschritten um sich greifen darf! Weil es so ist – und es ist leider fast überall so – darum vermaledeie ich die uns gewordene Freiheit, die uns zur verabscheuungswürdigsten Sclaverei verurteilt, zur Sclaverei des freien Willens! Tausende möchten vor Ekel sich von sich selbst abwenden, aber sie dürfen nicht ihrer Weiber und Kinder wegen. Sie müssen das Joch der Sclaverei der Freiheit von einem Jahre zum andern fortschleppen, bis es sie erdrückt! Frei macht sie nur der Tod! Das aber ist ein namenloses Elend, ein Jammer, vor dessen Grösse und Unendlichkeit man vor Entsetzen versteinert!"
"Um so entsetzlicher, als Niemand ihm steuern kann!" bemerkte Sloboda.
"Dann stehen wir am Vorabende des Weltunterganges," fiel der Maulwurffänger ein. "Doch noch haben wir keinen Anlass zu solcher Verzweiflung, die sich selbst und die Zukunft aufgibt. Noch sind Auswege vorhanden, auf denen das fortwuchernde Elend des Volkes verjagt werden kann. Der Staat muss sich des Volkes annehmen, muss ihm, dem darbenden, die Lasten abnehmen und sie auf die Schultern der Verzehrenden, der Reichen legen."
"Träume, schöne, bunte ergetzliche Träume!" sagte Leberecht wehmütig lächelnd. "I c h glaube an keine Träume!"
"Du hast Recht, Freund, noch sind es Träume! Diese Träume aber werden Wahrheit werden, ist sich alles Volk erst der Mittel bewusst, die es der überhand nehmenden Verarmung entreissen können. Nur massen bewirken etwas Grosses in unsern