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Kopf frei machen, Deine gelähmte Kraft stählen! Begleite uns! Unterwegs teile ich Dir das Nähere mit, das vorerst nur noch für Dich allein bestimmt ist."

Diese mit leiser stimme gesprochenen Worte hatten die beabsichtigte wirkung. Martell zog schnell seine zerrissene Kattunjacke an, drückte eine fettige Tuchmütze schief auf sein üppiges schwarzes Haar und erklärte sich bereit die jungen Freunde sogleich zu begleiten.

"Ihr kehrt doch wieder mit mir zurück?" fragte er.

" I m Fall wir Dich überzeugen."

"Lore, hab' ein Auge auf den armen Hans und Ihr, Vater, verzeiht, wenn ich nicht immer Eurer Meinung sein kann! Ich will das Gute wie Ihr, Ihr wisst es, aber unsere Wege gehen auseinander."

Traugott murmelte ein Gebet und drehte eifriger denn je sein Rad, aber ein mild versöhnender blick seines Auges sagte dem ungestümen Martell, dass ihm der Greis längst seine heftigen Worte vergeben habe.

Arm in Arm durch das junge Holz wandelnd, erzählten Eduard und Paul abwechselnd dem Fabrikarbeiter, was wir in dem Vorhergehenden unsern Lesern bereits mitgeteilt haben nur, dass er selbst jener verschollene illegitime Sohn des Grafen Magnus sein solle, verschwiegen sie ihm noch. Das geheimnis musste ihm geheimnis bleiben bis zu dem günstigsten Augenblick.

Martell fasste schnell den angedeuteten Plan und war mit Herz und Seele dabei. Er hoffte, er sah treue Verbündete und Beides entflammte seinen persönlichen Mut. Er war im ersten Moment der Aufregung kaum zu halten.

"Wenn es nur nicht lange währt! W e n n wir nur rasch zu Ende kommen könnten!" rief er wiederholt mit aufgeblähten Nüstern aus.

"Wir dürfen es hoffen, Martell, wenn Du von heute an vorsichtig unsere wichtigen Neuigkeiten unter allen Arbeitern ausstreust," versetzte Eduard. "Es muss dies schnell geschehen, damit ein jäher Geist der Unruhe, der freudigen Erwartung sie ergreift. Dann haben sie Mut den Herrn zu bestürmen. Von zwei Seiten in die Enge getrieben, wird er nachgeben und Eure Lage verbessern. Inzwischen beginnt der Prozess, dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann. Die Kläger müssen gewinnen!"

Martell erklärte sich zu Allem bereit. Mit erheiterter Stirn, fast lustig und seit Monaten wieder einmal scherzend, führte er die Verbündeten nach ein paar Stunden wieder in seine Hütte wo sie bis zum folgenden Tage ungeachtet ihres Sträubens bleiben mussten.

Drittes Kapitel.

Dokumente.

Früher noch als unsere jungen Freunde das Ziel ihrer Wanderung erreichten, erschien Leberecht, Sloboda und der Maulwurffänger auf dem Zeiselhofe. Diese alte Besitzung der Familie Boberstein war jetzt verpachtet, sollte aber im nächsten Jahre einen andern Bewirtschafter erhal t en, da der gegenwärtige Pachter zurücktreten wollte. Die Familie hatte es öffentlich bekannt machen lassen und einsichtsvolle Oeconomen zur Besichtigung des Grundstücks aufgefordert. Dadurch war Jedermann gelegenheit zu leichtem Zutritt gegeben, und der listige Maulwurffänger, der jeden Zufall zu seinem Gunsten zu nutzen verstand, hatte seinen Plan darauf gebaut.

Unter den drei hochbejahrten Männern war die ganze Vergangenheit während der dreitägigen Reise nochmals übersichtlich zur Sprache gekom m en. Dabei ergab sich, dass ungeachtet der völligen Umgestaltung aller Verhältnisse in einem Zeitraume von über vierzig Jahren doch ein allgemeiner Fortschritt zum Bessern von der Masse des Volkes nicht anerkannt ward. Liessen sich doch sogar laute Stimmen Unzufriedener hören, welche eine Wiederkehr und Wiederbe l ebung alter zerstörter und abgeschaffter Institutionen wünschten und für bei weitem erspriesslicher hielten. Leberecht gehörte zu die s en und leider vermochten seine Freunde ihn nicht immer durch haltbare Gründe zu widerleben und eines Bessern zu belehren.

I n welcher Lage sich Leberecht befand, haben wir zu Anfang dieses Buches angedeutet. Diese Lage war niederdrückend und musste einen Mann von Leberechts Fleiss und Redlichkeit mit Unwillen erfüllen. Als Leibeigener geboren, an Druck und Gehorsam gewöhnt und später durch unerwartetes Zusammentreffen günstiger Ereignisse unabhängig und frei geworden, hatte er in der Freiheit ein Glück höherer Art zu finden ge d a cht. Dass er sich schwer getäuscht, dies lähmte seit Jahren seine Energie und machte ihn häufig wahrhaft unglücklich. Da seine Freunde nicht recht daran glauben wollten, suchte er sich durch eine offene Darlegung seiner Verhältnisse, die genau jene von tausend und abertausend ihm Gleichgestellter waren, zu überzeugen.

"Was versteht Ihr denn eigentlich unter Volksfreiheit und Volksselbstständigkeit," sagte er, "worin Ihr ein Universalheilmittel aller nur denke b aren Uebelstände erblickt? Ich begreife Euch nicht und muss mich deshalb gegen Euch erklä r en. Gott bewahre mich, dass ich das veraltete Schlechte, das Unnatürliche und Entehrende verteidigen oder gar zurückwünschen sollte! Nur loben, billigen, preisen kann ich das Neue nicht, das menschenfreundliche Gesinnung als unreife Frucht an dessen Stelle gesetzt hat. Geht doch herum unter dem volk, fragt den Weber, den Kleinbauer, den Tagelöhner, ob er zufrieden sei? und Alle werden mit trauriger Miene ein wehklagendes Nein antworten."

"Weil sie den Augenblick nicht benutzen und Alles nach dem alten Schlendrian forttreiben," unterbrach ihn der Maulwurffänger.

"Das ist die gewöhnliche Redensart Aller, denen es an gründlicher Einsicht gebricht," versetzte Leberecht. "Nein, nein, Freund Heinrich, nicht der Schlendrian, nicht Mangel an Scharfblick ist Schuld an diesem unter sich fressenden Volksunglück, sondern die ungleiche Belastung und die Unmöglichkeit bei einmal vorhandener Schuld je im Leben schuldenfrei zu werden! – Der Gerechtigkeitssinn einer aufgeklärten Zeit hat den Hörigen zum freien Bürger seines Geburtslandes gemacht. Gut, dies soll man loben. Aber warum, frag' ich,