gesagt und er lebt noch?" sprach Eduard, während Paul vor Entsetzen die hände faltete.
"O, er lebt vortrefflich, der kluge Herr!" versetzte unter krampfhaftem lachen der Fabrikarbeiter. "Der Armen Schweiss verwandelt sich in den Truhen der Reichen in Gold. – Mein Gott, was blieb mir übrig! Freilich krampfte es mich in den Händen, die Finger bogen sich von selbst zusammen wie Krallen, und gern, gern hätte ich dem Ungeheuer die schamlose Kehle damit zugeschnürt. Aber mein Weib, meine Kinder! – Ich musste mich beherrschen und mein vergiftetes Herz zwingen, still, sanft, demütig, ergeben zu bleiben! – So bat ich also den gnädigen Herrn, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und mich zu behalten."
"Weil Ihr Euer Unrecht einseht," versetzte der Gnädige, "will ich einmal gegen meine Grundsätze handeln. Ihr mögt bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass Ihr Euch mit Hätscheln des kleinen Bengels, der aus Unvorsichtigkeit in die Kämme gefallen ist, nicht die Zeit versäumt! Verstanden, Martell?"
"Verstanden, gnädiger Herr."
"Dann geht an Eure Arbeit. Acht Tage lang will ich die Kurkosten für den einfältigen Jungen hezahlen. Ich werde dem Chirurgen einschärfen, dass er sich dazu halten soll, damit der Fuss in dieser Zeit heilt. Spricht man nicht ernstlich mit diesen gelehrten Herren, so sind sie im stand an einem Beinbruche monatelang herum zu kuriren."
"Die Fabrik hat ihren eignen Chirurgen," erzählte Martell weiter, "da Verwundungen, Bein- und Armbrüche häufig vorkommen. Wir zählen deren in manchem Jahre an funfzig. – Ob nun der Chirurg Befehle vom Herrn erhal t en und dieselben befolgt hat oder nicht, ist mir zur Stunde noch unklar; dass aber mein armer Hans nach Ablauf der verstatteten acht Tage eine zugeheilte Wunde besass, die wenige Tage später sich heftig entzündete und wieder aufbrach und seitdem den ganzen kleinen Körper in Fieberhitze versetzt hat, das weiss ich. Jetzt besucht der Chirurg mein Kind kaum zweimal in der Woche, pflastert und bindet an dem jammernden Krüppel herum, als wolle er ihm die Seele einwickeln, und schweigt auf alle meine bekümmerten fragen. Für die Gänge muss ich ihn bezahlen und habe doch nicht satt zu leben."
"Du hättest in früheren Jahren den Verdienst mehr zusammenhalten sollen, mein Sohn," warf hier Traugott warnend ein. "Da warst Du noch unverdrossen, Dir und der Lore ging es von Händen und die Kinder kosteten noch nichts, als das liebe Stückchen Brod."
"Zusammenhalten!" rief Martell unwirsch. "Ich bitte' Euch, Vater, werft mir die paar Gro s chen nicht vor, die ich an Sonn- und Festtagen auf einem Spaziergange für mich, mein Weib und Euch ausgab! Es waren, weiss Gott, die einzigen vergnügten Stunden, deren ich mich er i nnern kann! Kein halbes Jahr Schulgeld könnte ich davon bezahlen."
"Freilich, freilich!" entgegnete wieder begütigend der greise Spinner. "Aber die zeiten sind schwer, Martell, und wir sollen uns doch einmal in die Zeit schicken. Das verlangt ja ausdrücklich die heilige Schrift!"
"Es ist eine Lüge, sag' ich," fuhr Martell auf. "Die zeiten sind nicht schwer, man macht sie mit Absicht schwer, um recht viel zu gewinnen. Das ist's, was mich empört und was mich rasend, ja zum wütenden Tiere machen könnte, sähe ich nur Rettung in Wut und Tobsucht. Habt Ihr denn schon vergessen, Vater, was vor zehn Tagen geschehen ist?"
"Was geschah da?" fragte Paul neugierig. "Bin ich doch kaum viel länger in diese Gegend gekommen."
"Eine Spitzbüberei ohne Gleichen," versetzte Martell. "Auf Grund absichtlich ausgestreuter Gerüchte von schlechtem Absatz baumwollener Waaren, wozu vorgeblich die englische Concurenz und die beliebteren englischen Fabrikate beigetragen haben sollten, setzt Herr am Stein den Arbeitslohn in allen Branchen herab. Wir hatten schon vorher nicht satt zu essen, jetzt ist vollends gar nicht mehr daran zu denken. Darauf aber speculirt der reiche Mann. Er weiss genau, dass er uns, die wir ihm alle verschuldet sind, mit Haut und Haar besitzt, dass uns entlassen, uns und unsere Kinder für immer ruiniren heisst. Kein Stecken blieb uns übrig, nackt und bloss müssten wir in die Wälder laufen, und von Wurzeln und Baumsamen leben! – S o sind wir denn gezwungen zu arbeiten, sind gezwungen, die Geissel zu küssen, die uns wund schlägt, und unter den qualvollsten Seelenschmerzen dankbar zu lächeln. Herr am Stein wird aber inzwischen ein Millionär, denn der Ueberschuss an Geld, den ihm der verminderte Lohn abwirft, mehrt sich zu einem bedeutenden Kapital, das er mit grossem Gewinn zur Erweiterung seiner Fabrik anlegen kann."
Paul erinnerte sich von dem Maulwurffänger ähnliche Aeusserungen nach seiner Rückkehr von Boberstein gehört zu haben und erhielt durch die Auseinandersetzung des eingeweihten Fabrikarbeiters tiefere Einsicht in die geheimnissvolle, sicher angelegte und so furchtbare Intrigue der Reichen gegen die Armen, die für sie arbeiten. Sein unverdorbenes, kindlich reines Herz empörte sich und zum ersten Male in seinem Leben sagte er mit aufflammendem Feuerblick:
"Ihr müsst Euch wehren, wehren wie hungrige Wölfe!"
"Das Gefäss ist gefüllt bis an den Rand," sagte Eduard, "wenige Tropfen werden es überfliessen machen und dann