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er nur selten in die elende Hütte, um sich persönlich von dem Befinden seines Patienten zu überzeugen.

Dies Alles bemerkte Martell sehr wohl, da er, obwohl ohne besondere Schulbildung, doch aufgeweckten Geistes und ausserdem noch mit dem Scharfblick des Misstrauens begabt war. Er schäumte vor Wut, als er die sichtliche Vernächlässigung seines Kindes sah und sein Zorn ward um so anhaltender, weil er Nichts sagen durfte, weil er aus Liebe zu seinem Knaben schweigen musste.

Gerade um diese Zeit hatte Adrian den Anfang gemacht, die Arbeitszeit zu verlängern und die ersten Lohnverkürzungen anzuordnen, obwohl schon Jahrelang das Verdienst eben nur zum mässigen Auskommen hinreichte.

Lore, die Frau des Fabrikarbeiters war hektisch. Das ewige Sitzen hinter dem Webstuhle, Kummer und schlechte Kost mochten ein Uebel vergrössert haben, wozu sie die Anlage mit auf die Welt brachte. Das arme Weib gehörte jedoch zu den genügsamen, unter jede Gewalt demütig und ergeben sich beugenden Geschöpfen, die nie murren, die Alles für eine Schickung Gottes halten und mit diesem beneidenswerten Glauben, ohne Schiffbruch an Leib und Seele zu leiden, durch das klippenreiche Meer des Lebens schiffen. Als Martell längst schon an seiner verhaltenen Wut fast erstickte, hatte Lore kaum noch einen Seufzer ausgestossen. Sie pflegte mit der mütterlichsten Liebe und Ausdauer den verstümmelten Knaben, der in Lumpen und wärmende Pelzstücke gehüllt, wimmernd hinter dem Ofen lag, und darbte sich die Zeit, welche sie damit an der Arbeit versäumte, vom Schlafe ab, um ja nicht etwa einen Tag später, als es bedungen, die Webe dem Brodherrn abzuliefern.

Als Muster in so beispielloser Ergebung und gläubigem Hoffen ging dem treuen weib ihr Vater voran. Traugott war ein Siebziger, hatte nie die Fülle irdischen Glücks kennen gelernt, hatte kaum Tage gehabt, in die ein hellerer Sonnenstrahl des göttlichen Segens fiel, und war dennoch nie von zweifelnden Gedanken heimgesucht worden. Er gehörte zu den in unsern Tagen immer seltener werdenden Menschen, die sich mit eiserner Kraft an das Wort klammern, wie es ihnen in frühester Jugend von gutmütigen und gedankenarmen Lehrern eingeprägt wird. Dies Wort besitzt die wunderbare Kraft für Alle, welche daran glauben, dass es sie über jegliches Fährniss leicht hinweg geleitet und sie mit unerklärbarer Geistesheiterkeit begabt bis an den Rand des Grabes führt.

Traugott war noch zur Stunde ein solcher beneidenswerter Greis, der in seiner Armut lächeln, beten und Gott danken konnte, und der nie eine Secunde lang über das glücklichere los Anderer nur den leisesten Reiz zum Neide empfunden hatte. Was hätte er auch die Reichen, die Besitzenden beneiden sollen? Was er beurfte, das hatte ihm im strengsten Sinne des Worts noch niemals gemangelt. Eine Rinde Brot, ein paar aufspringende Kartoffeln, eine Tasse dünnen Kaffees, mit so Wenigem war sein nicht lekkerer Gaumen vollkommen zufrieden gestellt. Und ausserdem hatte ihm der gütige Gott ein Kleidungsstück am Tage, ein Lager des Nachts bescheert. dafür war er dankbar, wenn er bedachte, dass ja auch ihm, wie so vielen Andern, das weit traurigere los hätte zufallen können, vor den Haustüren bettelnd und singend sein Brod suchen zu müssen.

Nachdem wir so die Silhouetten der drei Hauptpersonen in dieser Familie entworfen haben, kehren wir zu unserer Erzählung zurück. –

Auf Martells Gruss und Einladung zum Frühstück schob Eduard Garnsack und Stock unter die Bank, welche die Holzwand umgab, und setzte sich dem Freunde gegenüber. Paul nahm neben ihm Platz und liess seine grossen glänzenden in Form und Farbe Haideröschen so überaus ähnlichen Augen mit einer gewissen Aengstlichkeit durch das Zimmer laufen. Martell, von der nächtlichen Arbeit ermüdet und sichtlich aufgebracht, schlug sein Messer zu und legte die letzte, schon halb geschälte Kartoffel wieder in die Schüssel.

"Verzeih mir's Gott," sagte er zu Lore, seiner Frau, "ist mir's doch, als hätte ich Kieselsteine und Schwefel verschluckt. Der Aerger bringt mich um. Wahrlich, lange halte ich solch Leben nicht mehr aus!"

Lore schwieg, nur ein langer blick aus ihrem weichen, milden Auge traf den zürnenden Gatten. Doch legte auch sie das Messer weg, fragte den Vater, ob er gesättigt sei und trug, da dieser bejahend nickte, den Rest der Mahlzeit in den Vorraum, um sie im Brodschrank für Mittag oder Abend aufzubewahren.

"Ich habe von dem Unglücke gehört, das Dich betroffen hat," sprach Eduard; "Du bist von Herzen zu beklagen, aber trag's mit Geduld, wie's einem Christen ziemt."

"Würden wir armen Arbeiter nur erst wie Christen behandelt, an meiner Geduld sollt's nicht fehlen. So aber sind wir Hunde, die kurz geschlossen an ihrer Kette liegen, und die nicht 'mal heulen, viel weniger um sich beissen sollen, wenn ihnen verfaulte Knochen als Kost vorgesetzt werden! Ist das Gerechtigkeit? frag' ich."

Martell hatte sich vor Eduard gestellt, und mass jetzt, die nervigen arme über einandergeschlagen, um die ein zerfetztes, vom Oeldunst der Maschine beschmutztes, Hemd flatterte, bald diesen, bald Paul mit seinen flammenden Blicken.

"Ist der Bursche ein Verwandter?" setzte er gleichgiltig fragend hinzu, den Enkel Slobodas schärfer anblickend.

"Von mir und Dir," versetzte Eduard.

"Von uns? – Seit wann bin ich mit Dir Freundschaft?"

"Er besitzt nichts."

"Ha, ha, ha, ha!" lachte Martell wild auf und schüttelte sich, dass