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Eduard, schon bekannt mit dem Leben und Treiben, achtete wenig darauf, Paul dagegen war ganz Auge und verschlang See, Fabrik und sonstige Umgebung mit gierigen Blicken. Er sprach kein Wort, allein das tiefe Atemholen und das hastige Umsichblicken verriet seine heftige Aufregung. Der Geist seiner verstorbenen Mutter, die hier so viel gelitten hatte, umschwebte ihn.

"Dort ist unser Quartier für heute," sagte Eduard, mit seinem Wanderstecken auf ein niedriges Häuschen zeigend, das gleich den übrigen mit Stroh gedeckt und von einem schadhaften Zaune eingehegt war. "Dort wohnt der arme Martell mit seiner Familie."

"Martell, der rechtmässige Mitbesitzer dieser Wälder mit ihren zahlreichen Dörfern und Höfen, in solche Hütte verbannt!" versetzte Paul. "Das ist mehr als hart, das ist grausam, das ist teuflisch!"

"Bedenke, dass wir die ersten Schritte tun, um diese Härte eines ungerechten Verhängnisses in Milde zu verwandeln."

Eduard legte seine Hand auf die hölzerne Türklinke. Sie gab nach und Beide traten in einen mit Rauch erfüllten Vorraum, dessen Fussboden aus brüchigem, schlüpfrigem Estrich bestand. Die Stubentür, nur in einer Angel noch hängend, stand halb offen und liess dem beizenden Rauch freien Eingang.

Da es nicht Sitte ist unter armen Leuten, vor dem Eintritt ins Zimmer anzuklopfen, so stiess Eduard unangemeldet die Tür auf und trat mit seinem Begleiter ein.

"Guten Morgen Alle mit einander!" sprach er, die versammelte Familie des Spinners grüssend. "Ein frischer Morgen heute; ich besorge, es wird bald einwintern. Doch Alles gesund und frisch auf, Martell? Gesundheit ist das halbe Leben für arme Leute."

Eine einzige mürrische stimme antwortete auf diese Begrüssung und hiess die frühen Gäste willkommen. Diese stimme gehörte dem Familienvater an, der eben von der nächtlichen Arbeit aus der Fabrik zurückgekehrt war und mit den Seinigen das Frühstück verzehrte.

Die Familie bestand aus sechs Köpfen, aus Mann und Frau, drei Kindern und einem alten Grossvater, der beim Schwiegersohn wohnte, sich aber selbst ernähren musste. Die älteste Tochter, ein Mädchen von funfzehn Jahren, war so eben zur Arbeit in die Fabrik gegangen und hatte den ermüdeten heimkehrenden Vater nur im Vorüberstreifen einen Gruss zurufen können. Es kam vor, dass sich Vater und Tochter nur Sonntags die Hand reichen, einander ins Auge blicken und sich sprechen konnten, wenn sie gemeinschaftlich zur Kirche gingen, um im Gebet auf wenige Minuten das ihnen zugefallene schwere Erdenloos zu vergessen. Die sieben langen Tage der Woche begegneten sich Vater und Tochter nur auf der schaukelnden Barke. Sie waren schon glücklich, wenn die Nachen sich streiften, wenn sie im Fluge einander sehen und sich zuwinken konnten.

Das Frühstück dieser armen Spinnerfamilie bestand wie das aller ihrer Mitbrüder aus Kartoffeln mit der Schale, die trocken, mit wenig Salz gegessen oder in Cichorienkaffee gebrockt wurden. Diese Kost wiederholte sich früh, Mittags und Abends alle Tage im Jahre, mit Ausschluss der hohen Festtage, wo an die Stelle der Kartoffeln wenigstens Waizenklöse und in sehr glücklichem Falle ein Stückchen Schweinefleisch trat. Erschöpfte sich der Kartoffelvorrat vor der Zeit, so musste der Familienvater für Anschaffung von Roggenmehl sorge tragen. Da aber dieses zu teuer war, so begnügte man sich gern mit einem Gemisch aus Kleie, Roggen und wohl auch Baumrinde. Not kennt kein Gebot und der arme hilft sich, wie er kann und muss.

Martell, ein breitschultriger, starker Mann über Mittelgrösse mit schwarzem lockigem Haar, das ihm in malerischer Wildheit um die hohe bleiche Stirn hing, lud die frühen Ankömmlinge gastfreundlich ein, das karge Mahl mit ihm und den Seinigen zu teilen, was jedoch Eduard und Paul ausschlugen, da sie bereits vor ihrem Aufbruche gefrühstückt hatten. Wer den Grafen Magnus genau gekannt hatte, musste unwillkürlich beim Anblick des armen Spinners an ihn denken. Martell war durchaus sein Ebenbild, aber ein Ebenbild, vor dem man erschrecken konnte, denn in dem von Kummer, sorge, Elend und Hunger abgemagerten Gesicht lag ein Stolz der Verachtung, der mit Entsetzen erfüllte; dies dunkle brennende Auge, von der nächtlichen Arbeit entzündet, sprühte Hass, Hass Allen denen, die im Glück geboren, achtlos dem Darbenden vorübergingen. In jeder Miene sprach sich ein trotziger Ingrimm aus, der nur der gelegenheit harrte, um sich Luft zu machen und auszutoben.

Martell hatte Ursache mit Gott und Menschen zu grollen. Werfen wir einen blick auf seinen Haushalt, auf seine Lage.

Er war zweiundvierzig Jahr alt, seit achtzehn Jahren verheiratet und seit der Errichtung der Fabrik in Adrians Diensten. Das Häuschen, in dem er mit den Seinigen lebte, hatte er kaufweise von seinem noch lebenden Schwiegervater mit allen darauf lastenden Schulden übernommen. Seine Frau webte, ihr alter Vater fristete sich durch Handgespinnst. Die Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, arbeiteten gleich dem Vater in Adrians Fabrik.

Vor drei Wochen war dem zehnjährigen Sohne, Martells jüngstem kind, der linke Fuss von der Maschine halb abgerissen worden. Das arme verstümmelte Kind litt die entsetzlichsten Schmerzen. Die Wunde hatte sich, aus Mangel an nötiger Pflege und passender Kost sehr verschlimmert. Man fürchtete, dass der Brand dazuschlagen und eine Ablösung des Beines nötig machen werde. Auch litt der verunglückte Knabe seit jenem Unfall an einem Lungenübel. Notgedrungen hatten nun zwar die älteren ärztliche Hilfe gesucht, weil aber der Arzt über eine Stunde entfernt war und die Umstände der armen Leute auf keine Vergütung seiner Mühwaltung schliessen liessen, trat