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Versündigung," sagte Heinrich.

"Die Kinder, die armen, unschuldigen Kinder des verstossenen Sohnes, jetzt die bettelnden, verachteten Sclaven des reichen herzlosen Oheims! – Wo soll das enden!"

"Vor den Schranken des Gerichts," sprach der Maulwurffänger.

"Ihr seid erschüttert, alter Vater," fiel Leberecht wieder ein. "Das stand zu erwarten. Nach Allem, was vorausgegangen, wünschte es wohl gar unser gemeinsamer Freund. Beruhigt Euch indess wieder, damit wir, einmal auf so guter Fährte, jetzt auch rasch dem Feinde zu leib gehen und ihn sieghaft angreifen können. Ich bin der Eure mit Leib und Seele, denn ich hasse den selbstsüchtigen Grafen vom Grund des Herzens, weil er vielleicht mit mehr Bewusstsein und süsserem Behagen noch als sein Vater uns arme Feigelassenen wieder zu elenden Sclaven macht, die blindlings, willenlos seinem Wink gehorchen müssen, wenn sie nicht in namenloses Elend versinken sollen!"

Heinrich reichte dem neuen Bundesgenossen die Hand und schüttelte sie.

"Du bist hiermit angeworben," sagte er lächelnd, "und wollt Ihr noch einmal einem alten Schlaukopf Gehör schenken, so möchte ich Euch sogleich einen rasch entworfenen Plan mitteilen, der Herrn Adrian am Stein in die Enge treiben kann. – Nach meiner Meinung müssen wir den Feind von vorn und im Rükken zugleich angreifen, dass ihm zur Flucht oder Gegenwehr gar nicht viel Zeit übrig bleibt. Es geschieht ihm noch Ehre genug, wenn er sich auf Gnade oder Ungnade ergeben muss. Teilen wir uns demnach in die Rollen und handeln wir besonnen und ohne Verzug. – Ich und Leberecht, wir wandern morgenden Tages nach dem Zeiselhofe, um die Dokumente aufzusuchen, die noch unangetastet dort zu finden sein müssen. Mit diesen und der bewussten Schenkungsurkunde treten wir mit offner Klage gegen die Gebrüder Boberstein auf und der Prozess nimmt seinen gang. Während dies in der Stille von uns eingeleitet wird, geht Paul mit Eduard in die Haide, besucht Martell und teilt ihm mit, welche Gerüchte von dem harterzigen Gebieter im volk umgehen. Martell kann Alles von Euch erfahren, nur nicht, dass er selbst jener verstossene Sohn des Grafen Magnus ist. Bei seiner ungestümen Wildheit könnte eine solche Nachricht zu entsetzlichen Auftritten führen. Diese müssen wir um unsrer selbstwillen vermeiden. Ist es Euch gelungen, überall unter dem arbeitenden volk diese Gerüchte möglichst in Umlauf zu setzen, so kehrt Ihr zurück in meine Heimat, wo wir uns treffen und das Nächste dann weiter besprechen wollen."

Schweigend reichten die Freunde einander die hände und legten dadurch das Gelöbniss ab, sich in Verfolgung ihrer Zwecke mit Rat und Tat ohne Wanken beizustehen.

Zu ungewöhnlich später Stunde verliess Leberecht mit seinem Sohne den Kretscham und ging durch das längst in tiefem Schlaf versunkene Dorf nach seinem kleinen, verschuldeten Häuschen zurück.

Fussnoten

1 Eine leere Spule von Schilfrehr.

Zweites Kapitel.

Martell, der Spinner.

Am dritten Tage nach dieser Unterredung erreichten spät Abends Paul und Eduard ein kleines Haidedorf, das kaum eine Stunde von der ehemaligen Burg Boberstein entfernt war. Sie beschlossen die Nacht hier zuzubringen und am nächsten Morgen sehr früh nach dem Dorf am See aufzubrechen. Damit ihr Kommen möglichst absichtslos erscheinen möge, hatte Eduard seinen Garnsack mitgenommen, um ihn von Neuem zu füllen.

Der Morgen war hell und kalt. Starker Reif lag weissglänzend auf Feld und Wald. Die langsam rieselnden Bäche setzten Eis an und über der rauschenden Haide lagerte in weiter Ausdehnung eine breite und hohe Schicht blaugrauen Dunstes. über dieser schimmerte blauer Himmel und an diesem empor flatterten hart neben einander zwei dunkele sich ewig bewegende Rauchsäulen. Sie verkündeten die ununterbrochene Tätigkeit der Fabrik.

Umschlossen von neuem Baumwuchs und von kleinen mit Dornen eingehegten Feldern, auf denen jetzt das Kartoffelkraut braun, welk und vom Nachtfrost erstarrt sich zur bereiften Erde herabbeugte, lag das zu Boberstein gehörige Dorf. Hier wohnten bloss Fabrikarbeiter mit ihren meist zahlreichen Familien. Der Ort war gassenartig gebaut und schmiegte sich halbkreisförmig um die Ufer des Sees. Alle Häuser in dem dorf waren klein, niedrig und von armseligem Aussehen. Ordnung und Reinlichkeit vermisste man vor den Türen und auf den Gassen. Die Zäune, welche jedes Haus umzirkte, waren schlecht gehalten, selbst die wenigen kleinen Gärtchen, die sich hin und wieder zeigten, liessen die pflanzende Hand eines Gärtners schmerzlich vermissen.

In diesem Wohnort der Fabrikarbeiter, der das traurige Bild einer völlig verarmten Gemeinde, einer Bevölkerung, wenn nicht von Bettlern, doch gewiss von Menschen darbot, die kümmerlich nur von einem Tage zum andern ihr sorgenschweres Leben hinfristen, traten mit Aufgang der Sonne unsere beiden jungen Freunde. Der gelbe beizende Rauch, der aus den Hütten aufstieg, wirbelte in dicken Wolken über die Strohdächer, und wälzte sich, nidergedrückt von der kalten Morgenluft, an der Erde fort. An dem eigentümlichen Geruch desselben war das Feuerungsmaterialhalbtrockenes Kartoffelkrautnicht zu verkennen. Obgleich mitten im wald wohnend, konnten die Spinner doch kein Holz kaufen, weil ihr Verdienst zu solchen ungewöhnlichen Ausgaben nicht hinreichte. Nur die sogenannte Streu, der Abfall von Tannicht, das verdorrte Waldkraut und abgestorbenes Gestrüpp, das alte Mütterchen und Greise oder kleine Kinder zusammenlasen, diente den Meisten zur Feuerung.

Auf der Fabrik läutete eben die Glocke zum Arbeitswechsel und die beiden Wanderer erblickten durch den über dem See schwimmenden Nebel die Fähren und Kähne, welche die ab- und antretenden Arbeiter herüber und hinüber beförderten. Fast zugleich mit ihnen landeten die abgelösten Spinner und zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen in ihre Häuser