Magnus Befehl, das Kind der armen Leibeigenen für tot, für zerstückt auszugeben, was leicht war, da die Gebärende ihre Besinnung verlor. Der Graf besorgte Unannehmlichkeiten, wenn das Kind bei der Mutter bleiben sollte, die er verführt hatte. Auf sein Geheiss entfernte ich es – brachte es zu Verwandten, wo es in grösster Dürftigkeit erzogen ward. – Durch einen Zufall hörte die Mutter von dem ihr gespielten Betruge, wagte dem Grafen zu drohen und ihn bei seinem Vater verklagen zu wollen. – Dies geschah im wald beim Holzfällen – Magnus tobte innerlich – beherrschte sich aber und gab mir durch Winke zu verstehen, was er wünschte. – Auch ich verstand ihn – der nächste Baum stürzte und erschlug die Frau Natanaels!"
"Das ist entsetzlich!" sagte Sloboda.
"Mir schlugen die Zähne zusammen," versetzte Leberecht, "bei diesen Bekenntnissen des Voigts, der sich wie ein Wurm auf seinem Lager krümmte und wiederholt durch wimmernde Schmerzenstöne seine Mitteilungen unterbrach."
"Kümmert sich der Graf um das verstossene Kind?" fragte ich instinktmässig, um nur das Nötigste dem Sterbenden zu entreissen, dessen Ende sichtlich herrannahte.
"Er erhält seinen Sohn – notdürftig," stammelte der Voigt.
"Und wo lebt der Unglückliche?"
"Ephraim nannte mir den Ort, den Namen seiner Pflegeältern, nahm mir aber zugleich auch das Versprechen ab, das geheimnis Niemand mitzuteilen, da nach Slobodas Auswanderung und bei der Geistesverwirrung Natanaels eine Aufdeckung des Frevels nutzlos sein müsse. Statt dessen übergab er mir die schriftlichen Documente über die Geburt des Knaben und beschwor mich, dieselben an einem Orte auf dem Zeiselhofe zu verbergen, wo sie unversehrt und unentdeckt sehr lange Zeit erhalten werden konnten. Auch jene Rolle, die ich am Vorabend des Haidebrandes Eurer Tochter durchaus aufdringen wollte, befand sich mit bei diesen Papieren. Ephraim drang heftig auf Vernichtung derselben. Ich versprach auch dies dem Sterbenden, und war in der Tat entschlossen, mein Versprechen zu halten, hätte ich nicht später, trotz alles Suchens, die geheimnissvolle Rolle vermisst. Ich musste sie verloren haben, in irgend einem der weitläufigen Wirtschaftsgebäude des Zeiselhofes, was das spätere Auffinden derselben von Dir, Heinrich, erklärlich macht. Die Hand des Allmächtigen, die sie auf diese Weise dem Untergange entzog, ist auch in diesem scheinbaren Zufalle ersichtlich, denn ohne jenes Verschwinden würde es gegenwärtig keine Schenkungsurkunde mehr geben."
Hier liess Leberecht in seinen Mitteilungen eine Pause eintreten. Fragend glitten seine betrübten Augen über die kaum atmenden Zuhörer.
"Endige," sagte der Maulwurffänger.
"Ich bin zu Ende," erwiderte Leberecht. "Der Voigt starb noch in derselben Stunde, und ich habe mein ihm gegebenes Versprechen gehalten bis auf den heutigen Tag. Ohne Dein dringendes Zureden, Heinrich, würde es mit mir ins Grab gestiegen sein."
Sloboda starrte, in tiefe Gedanken versunken, vor sich hin. Paul und Eduard wagten nicht zu sprechen, da das vielverflochtene Gewirr längst begangener Verbrechen sie mit magischer Gewalt umstrickte.
Von Heinrich sanft angestossen, ermunterte sich der Wende.
"Hast Du vernommen, Jan?" rief er dem Greise zu. "Und siehst Du jetzt ein, dass ich genügenden Grund hatte, Dich aus der Vergessenheit der polnischen Wildnisse zurückzurufen? Nicht umsonst hat uns Gott so lange das Leben gefristet. Er will, dass wir, obschon spät, verjährte Frevel ans Licht ziehen und auf gerechtem Wege Vergeltung üben sollen an den Missetätern."
"Armer unglücklicher Natanael!" rief Sloboda, ein paar Tränen in seinen hellblauen Augen zerdrükkend. "Der Himmel meinte es gut mit Dir, als er ewige Finsterniss in Deine Seele goss. Ruhe in Frieden und träume den Traum des Gerechten!"
"Freund Leberecht," nahm jetzt der Maulwurffänger das Wort, "ich und diese guten braven Leute sind Dir absonderlich zu Dank verpflichtet für die gegebenen Ausschlüsse, zufriedengestellt bin ich aber noch immer nicht. Du wirst also aus purer Freundschaft noch einige Punkte erläutern und uns jetzt zuvörderst den Namen sagen, welchen der verstossene Sohn des wüsten Grafen führt und wo er sich aufhält."
"Ich weiss in der Tat nicht, ob ich dazu befugt bin," erwiderte Leberecht.
"Für alle Folgen stehe ich ein."
"Und wenn der in tiefster Niedrigkeit Erzogene seinen Ursprung erfährt, wird er nicht schäumen vor gerechter Wut und nach Rache schreien?"
"Er wird Gerechtigkeit wollen, und nach Gerechtigkeit streben wir. – Wir bitten Dich um den Namen des Grafensohnes."
"Du kennst ihn schon."
"Ich?"
"Du selbst. Seit Jahren sprachst Du bisweilen unbewusst mit ihm. Es ist der Feinspinner Martell in Adrians Fabrik auf Boberstein."
"Martell, mein Gevatter?" fiel Eduard ein. "Martell, der unlängst vor Schmerz über die Verstümmelung seines jüngsten Sohnes beinahe den Verstand verloren hat und seitdem in stillem Ingrimm sich verzehrt? Martell, der mir das Garn liefert für meinen Webstuhl?"
"Derselbe Martell!"
"Wie ist das?" sagte Sloboda zerstreut. "verstehe' ich Euch recht, Leberecht? Der Sohn meiner erschlagenen Schwiegertochter ist ein Sprössling des Grafen Magnus und dient jetzt als Spinner in der Fabrik seines – seines Bruders?"
"Seines Bruders, des Grafen Adrian," ergänzte kaltblütig der Maulwurffänger.
"Aber himmlischer Gott, das ist ja entsetzlich, unnatürlich!" rief Sloboda.
"Es ist die bittre Frucht einer gottlosen