, "wenn Ihr heute Abend keine Gäste im Cabinet erwartet, könntet Ihr uns dasselbe auf eine Stunde abtreten. Wir haben 'was Wichtiges unter einander zu besprechen."
Zuvorkommend gestattete der Kretschamhalter diese Vergünstigung und alsbald sassen die fünf Freunde ungestört im engen Cabinet nebeneinander. Der Maulwurffänger liess Speise und Trank auftragen und forderte Leberecht nochmals auf, seine Erzählung zu beginnen. Nach einigem Nachdenken machte dieser den staunenden Zuhörern folgende Mitteilungen.
"Es ist Euch bekannt, dass der Voigt Ephraim wenige Tage vor der Einäscherung Bobersteins erkrankt war. Der Schreck über den furchtbaren Haidebrand, über die Erhebung der Leibeigenen und die Flucht des Grafen ins Ausland verschimmerten den Zustand des Kranken von Tage zu Tage. Er siechte langsam hin und ward zusehends elender. Wer ihn sah, konnte nicht mehr an seiner baldigen Auflösung zweifeln. Er selbst ahnte das Herannahen des Todes und verfiel in eine Unruhe und Herzenasngst, die seine körperlichen Schmerzen zur unerträglichen Qual steigerten. Die Lage des Unglücklichen war in der Tat bedauernswürdig, da Graf Magnus die Verwaltung des Zeiselhofes ganz in seine hände niedergelegt hatte und von ihm allein Rechenschaft forderte."
"Obgleich ich dem Voigte nie sehr freundlich begegnet war, hatte er zu mir doch ein auffallendes Zutrauen. Freiwillig und in ziemlicher Ausdehnung trug er seine Macht auf mich über, so dass ich wider Willen statt seiner gebietender Voigt wurde. S o ungern ich mich ihm unentbehrlich machte, so gewissenhaft erfüllte ich doch meine Pflicht, und weil ich wochenlang alle Geschäfte des Voigtes verrichten musste, schenkte mir Ephraim dafür eine fast brüderliche Zuneigung. Am Abend jedes Tages, wenn ich ihm Rechenschaft von meinem Tun ablegte, drückte er mir die Hand und häufig gesellten sich zu seinen Seufzern und Stöhnen sogar Tränen."
"Dieser Zustand währte mehrere Wochen. Die entsetzlichen Ereignisse waren beinahe vergessen, die eine Zeit lang verlassenen Hütten der Untertanen füllten sich wieder mit ihren heimkehrenden Bewohnern. Die wenigen, welche ganz auswanderten, verschollen, Niemand dachte mehr an sie, Niemand kümmerte sich mehr um das Vergangene. Die Leibeigenen wurden für frei erklärt und dadurch ihr Aufstand gewissermassen gebilligt. Da nahte Ephraims Ende heran; der Sterbende begehrte mich noch einmal ganz allein zu sprechen. Ungern gewährte ich die Bitte, doch lehrte mich die Menschlichkeit den angeborenen Widerwillen besiegen, den ich stets gegen den harterzigen Voigt empfunden hatte."
Ephraim liess seine gläsernen Blicke lange Zeit auf mir ruhen, als ich einsam neben seinem Sterbelager Platz genommen hatte. Er schien in meinen Zügen forschen zu wollen, ob ich das, was er mir mitteilen wollte, auch als das geheimnis eines Sterbenden betrachten werde. Nachdem er die überzeugung davon gewonnen zu haben schien, sagte er röchelnd:
"Leberecht, ich will Dir ein geheimnis beichten."
"Mir?" unterbrach ich den Sterbenden. "Verschont mich damit, wenn Ihr mich lieb habt. Ich bin kein Pfarrer, ich möchte mich nicht damit vertragen können."
"Doch, doch, Leberecht, Du musst! – Sieh, ich leide namenlose Schmerzen – mein Gewissen foltert mich – ich kann nicht sterben, bevor ich bekannt –"
"Was, um Gottes Barmherzigkeit willen wollt Ihr bekennen!" rief ich entsetzt aus, denn, ich glaubte gewiss und wahrhaftig, der Unglückliche habe ein todeswürdiges Verbrechen begangen. "Kann ich Euch vergeben, wenn Ihr gesündigt gegen die Gebote des Herrn?"
"Ja, ja, Du kannst es," röchelte der Voigt. "Setze Dich, beuge Dein Ohr zu meinem mund – behalte wohl, was ich Dir sage – Ich werde ruhiger aus dem Leben scheiden!"
Der unglückliche Mann sprach so flehentlich, seine stimme, obwohl heiser und fieberhaft zitternd, klang doch so vertrauensvoll, und seine Zuversicht auf mich erschien mir so rührend, dass ich ihm die Hand liess, die er krampfhaft ergriffen hatte, und seinen Willen tat.
"Wie lebt Natanael?" stotterte Ephraim.
"Natanael?"
"Jan Slobodas unglücklicher Sohn! O wie, wie lebt er?"
"In stummer undurchdringlicher Geistesnacht."
"O wohl ihm – wohl ihm!" stammelte der Voigt; "besser, nichts von sich wissen, als von zu vielen Erinnerungen in die finstere Zukunft hinübergejagt zu werden! Vergib mir, armer Betrogener! Fluche mir nicht, Natanael!"
Schaudernd sah ich den Sterbenden in die gelben verzerrten Züge, suchte in den eingesunkenen wild flackernden Augen zu lesen. Ephraim raffte seine schwindenden Kräfte zusammen, erhob sich mit Gewalt aus den Kissen und schrie mir zu:
"Natanael ist Vater – sein Sohn lebt!"
"Heiliger Gott," unterbrach Sloboda den Erzählenden. "Also doch! doch! O meine Ahnung!"
"Sein Sohn?" wiederholte ich, fuhr Leberecht fort.
"Nein, nein!" schrie der Sterbende, wie ein Rasender das vom Todesschweiss triefende Haupt gespenstisch gegen mich schüttelnd. "Nicht Natanael's Sohn, der Sohn des Grafen – Er stockte."
"Des Grafen?"
"Des Grafen – Magnus!" lallte der Sterbende. –
Ich stand wie vom Donner gerührt und starrte den Unglücklichen an, der matt röchelnd mit gebrochenen Augen in die Kissen zurückgesunken war. Meine Neugier wuchs; kaum vermochte ich den Augenblick zu erwarten, wo der Entkräftete sich zu weiterer Mitteilung gesammelt haben würde. Es vergingen fünf peinvolle Minuten. Dann schlug der Voigt seine Augen wieder auf und fuhr fort:
"Ich bestach die Hebamme – auf