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! Nun grüss' Dich Gott, Bruderherz, und sei bedankt, dass Du wieder einmal an uns gedacht hast! Nichts Neues draussen im Flachlande? In der Haide?"

"Will ich meinen," sagte der Maulwurffänger. "Just deswegen komme ich her, und wenn Du Willens bist, eine Liebe der andern wert zu halten, sollst Du genug erfahren, um ein paar Jahre lang keine Zeitung mehr in die hände nehmen zu dürfen."

"Das wäre! Was gibt's denn so Grosses?"

"Leberecht," versetzte Heinrich sehr ernst "wenn Deine Frau nichts dawider hat, und ich nehme das an, so würdest Du mir einen grausam grossen Gefallen tun, wenn Du mich in die Schenke begleitetest. Dein Eduard kann auch mitkommenwir werden ihn brauchen. Kosten soll Dich's übrigens nichts. – Unterwegs erzähle ich Dir, was Du wissen musst, um eine Neuigkeiten zu verstehen, in der Schenke aber wirst Du mir Gleiches mit Gleichem vergelten!"

"Du hast Dich so lange nicht blicken lassen," erwiderte Leberecht nach kurzem Schweigen, "dass ich Deinen jetzigen Besuch nur etwas Ungewöhnlichem zuschreiben muss. Ich bin nun zwar auch nicht mehr der Mann von früher, den kein Ungemach lange anfechten konnte, allein für einen Freund habe ich doch noch immer Zeit und Ohr. Wir sind bereit, Dich zu begleiten."

"Habe Dank für Dein freundliches Entgegenkommen," sagte der Maulwurffänger, "es wird Dich nicht gereuen! Und Du, Marie, zerbrich Dir nicht unnützerweise den Kopf! Mit Leberechts Zurückkunft wirst Du so gescheid wie er selbst."

Unverweilt brachen nun die drei Männer nach dem Kretscham auf. Es war eine gute Strecke Weges bis dahin, welche Heinrich durch Erzählung dessen verkürzte, was sich in den letzten fünf Wochen zugetragen hatte. So erfuhr denn Leberecht die wunderliche Auffindung der Schenkung des Grafen Magnus an Haideröschen, die Rückkehr Sloboda's mit seinem Enkel aus Polen, ihren Besuch auf Boberstein und die beleidigenden und herabwürdigenden Drohungen, womit Adrian die beiden Greise abgewiesen hatte.

"Nicht wahr," schloss der Maulwurffänger seinen Bericht, "das ist ein Bündel Neuigkeiten für den plauderhaftesten Landkrämer? Wenn Du darüber nicht wieder jung wirst, streiche ich Dich aus der Zahl der Lebendigen."

"Ich bin erstaunt," erwiderte Leberecht, "erstaunt, dass so etwas in unseren nüchternen Tagen möglich ist; noch mehr aber muss ich mich wundern, dass Du auf Deinen alten Füssen so weit hergelaufen kommst, um mir diese wunderliche geschichte zu erzählen. Ich freue mich Deiner alten anhänglichkeit, aber ich hätte Dir's auch nicht nachgetragen, wenn Du mich bloss gelegentlich davon unterrichtet hättest."

"Wirklich? Das höre ich nicht gern, Leberecht! Ich habe schon gesagt, dass ich Tausch gegen Tausch verlange, was in diesem Falle Erzählung gegen Erzählung bedeutet."

"Noch begreife ich Dich nicht, Pink-Heinrich. Sprich rund heraus: was soll's? Was begehrst Du zu hören?"

"Du kanntest den Voigt Ephraim vom Zeiselhofe," erwiderte der Maulwurffänger, "Du warst sein Stellvertreter während seiner Krankheit, und dass er Dir auf dem Sterbelager Geständnisse eigentümlicher Art gemacht hat, äussertest Du schon damals mit Entsetzen! In jenen unruhigen Tagen konnte Niemand daraus Nutzen schöpfen; jetzt aber müssen sie dem Enkel Sloboda's von grösster Bedeutung sein. Darum, mein Freund, bist Du dringend gebeten, im Beisein des steinalten Wenden, seines Enkels und Deines Sohnes die beichte des Sterbenden getreu zu wiederholen!"

Sie hatten den Kretscham erreicht, ein langes, nur einstöckiges Gebäude, ganz aus Holz aufgeführt. Eine Schmiede war damit verbunden, in welcher noch zwei riesige Gebirgssöhne auf sprühendes Eisen hämmerten. Aus den kleinen und niedrigen Fenstern der Wohnstube schimmerte Licht.

"Das ist ein Verlangen, welches, fürcht' ich, über meine Kräfte gehen wird," gab Leberecht zur Antwort. "Bedenke, dass fast über vierzig Jahre inzwischen abgelaufen sind und dass mein Leben nicht geeignet war, Tatsachen von so langer Zeit her treu im Gedächtniss zu halten."

"Entschuldigungen werden nicht angenommen," sagte der Maulwurffänger lachend. "Komm nur herein, sprich mit dem Alten und mit Paul, dem einzigen Nachkommen des frommen, lieblichen Haiderbschens, und Dein Gedächtniss wird sich von selbst erfrischen. Kannst Du uns keine Winke geben, wie wir sie brauchen, so muss ich den guten Alten mit sammt dem frischen Enkel wieder zurück nach Polen schikken, denn wir kommen dann nicht auf gegen die Grafen."

Zögernd senkte Leberecht das Haupt. Die Runzeln auf seiner Stirn deuteten auf einen heftigen inneren Kampf. Er holte einigemale tief Atem, dann legte er seine schwere Hand auf Heinrichs Schulter und sagte entschlossen: "Ich will mich besinnen."

Sie traten in die grosse vom Ofenrauch geschwärzte Schenkstube, die zwei dünne Talglichter nur dämmernd erleuchteten. Bloss zwei der täglichen, rotbraun angestrichenen Tische waren mit Gästen besetzt, übrigens war das weite Zimmer leer. Zunächst dem Ofen trafen sie den Wenden mit seinem Enkel, beschäftigt, einen Abendimbiss einzunehmen. Sloboda erkannte Leberecht sogleich und auch dieser konnte nicht zweifeln, den Vater des unglücklichen Haideröschens vor sich zu sehen. Nach ländlicher Sitte, treuherzig und derb schüttelten sich die gealterten Männer zum herzlichen Grusse die hände.

"Ulrich," sagte Leberecht zum Wirt, nachdem er den Wenden durch Zutrinken des dargereichten Glases Bescheid getan hatte