zu können, gab Eduard – so wollen wir den Sohn der hübschen Marie, das Ebenbild seiner Mutter, nennen – die Leinweberei ganz auf und warf sich, wie tausende und abertausende seiner Brüder, auf die leichtere und doch etwas besser bezahlte Baumwollenweberei.
So standen die Sachen in Leberechts kleinem Hauswesen bei dem Besuche, welchen Heinrich dem seit Jahren nicht mehr gesehenen Freunde zudachte. Die Veranlassung zu diesem Besuche werden wir sogleich mitteilen.
Die drei Wanderer erreichten den Ort gegen Abend und gingen zuerst ins Wirtshaus oder den Kretscham, um sich zu erfrischen und Erkundigungen einzuziehen. Diese fielen nach Wunsch aus. Leberecht war noch munter, wie vor Jahren, Marie fleissig wie immer, und der Sohn hatte den Ruf eines der tüchtigsten und accuratesten Weber. Heinrich besprach sich mit seinen Begleitern und ging dann allein nach der Behausung des Freundes.
Schon von weitem vernahm er das taktmässige Klappern zweier Webstühle, das ihm von dem Fleisse der Mutter und des Sohnes zeugnis gab. Trotz der schnell hereinbrechenden Dämmerung fand er wirklich Beide in emsiger Tätigkeit. Erst bei seinem zutraulichen guten Abend hielten die Webeden an und blickten halb neugierig halb verwundert nach dem späten Besuche.
"Kennst Du mich nicht mehr, Marie?" sagte Heinrich, nahe an den Stuhl tretend, dessen Werfte vom letzten Schlag der Lade noch zitterte. "Freilich, die letzten drei Jahre haben mir hart zugesetzt! Ich sehe fast so weiss aus wie ein Stück gut gebleichte Leinwand."
"Mein Gott, der Maulwurffänger!" rief Marie freudig aus, stand auf und reichte dem Alten die Hand. "Tausendmal willkommen, wackrer Freund! Nehmt Platz, nehmt Platz! Dort hinterm Ofen steht ein Polsterstuhl. Ich bitte' Euch, schiebt Euch den zu mir heran, denn – nichts für ungut, lieber Alter – ich muss noch ein halb Stündchen schaffen, sonst krieg' ich nicht meinen Ziel. Und die zeiten sind jetzt schlecht, man muss sich tüchtig rühren, will man sich ehrlich durchschlagen."
Eduard reichte nun dem Freunde seiner älteren ebenfalls die Hand zum Grusse und hiess ihn willkommen. Heinrich schüttelte sie derb und setzte sich dann zwischen beide Stühle, wo das Spulrad stand, auf's Treibebänkchen.
"Lass gut sein, Marie, ich kümmere mich schon! Ein Oertel, wie ich's brauchen kann, find' ich immer. Lasst nur den Schützen schnellen, was er laufen mag, ich will mir gleich 'was zu tun machen – Geht's auch langsam, so dreh' ich Euch doch noch ein paar Spulen ab, als hätt' ich erst gestern das Geschäft aufgegeben."
Damit setzte der Maulwurffänger das Rad in Bewegung, steckte ein "Ledgen"1 auf die Spille und drehte schnurrend seine Spule, das Garn accurat auf dem Rohr vor- und rückwärts leitend. Marie lächelte, liess den Schützen wieder klirren und arbeitete mit sammt dem Sohne, bis das Tageslicht gänzlich erloschen war. In dieser Zeit konnte des heftigen Geräusches wegen das Gespräch natürlich nur in kurzen Pausen unterhalten werden. Als nun aber Marie den Webstuhl verliess, Feuer anschlug und die entzündete Lampe auf den Tisch stellte, ward die Unterhaltung lebhafter. Heinrich fragte nach Leberecht und wie es ihm gehe?
"Ich weiss nicht, wo er sich herumtreiben mag," versetzte Marie. "Er hat heute die paar Körnchen Winterkorn gesät und nachher ist er fortgegangen, ohne zu sagen, wohin."
"Es wäre mir schon lieb, wenn er bald wieder käme," meinte der Maulwurffänger, "denn ich habe ihm heute gar mancherlei zu erzählen. Auch alte Freunde habe ich mitgebracht, die er schwerlich noch kennt."
"Ei wer könnte denn das sein!" sagte Marie und sah mit ihren freundlichen Augen den Maulwurffänger fragend an.
"Ja, das musst Du erraten, Marie," versetzte Heinrich mit verschmitztem Blinzeln – "Du hattest ja immer ein offenes Köpfchen, das die verfänglichsten fragen zu beantworten wusste."
Eduard hatte indessen draussen Holz gespalten, um Feuer im Ofen anzuzünden. Er brachte jetzt die dünnen Scheite nebst einem halben Bündel Reissig herein und legte Beides vor den Ofen auf die roten, reinlich gehaltenen Ziegel.
"Der Vater wird gleich kommen," sagte er. "Er steht unten am wasser und discurirt mit dem Nachbar. Ich glaube, sie wollen heute' Nacht noch ein paar Reussen stellen."
"heute' Nacht?" fiel der Maulwurffänger ein. "Das soll ihm schon vergehen, wenn er mir zuhören will und meine Reisegefährten sieht! Ja, ja, Marie, ich sage die reine Wahrheit! Nicht umsonst bin ich in meinen alten Tagen die zwölf Meilen weit gelaufen, es hat' was zu bedeuten! Und wenn Du fein warten und hinterdrein schweigen kannst, so verheimliche ich Dir kein Wörtchen."
Indem trat Leberecht ein, die Jacke über der Schulter und eine Rodehacke in der Hand.
"Guten Abend," sagte er, ohne den Gast zu bemerken, der während seiner Abwesenheit angekommen war.
Frau und Sohn erwiederten den Gruss, der Maulwurffänger aber schlug ihn mit flacher Hand auf die Schulter und sagte: "Alter, wollen wir zusammen noch einmal Sprenkel stellen? Es ist mehr dabei zu gewinnen, als beim Fischfange."
Leberecht sah den Fremden ein paar Secunden ernstaft an, dann schüttelte er ihm tüchtig die Hand und versetzte: "Weiss Gott, er ist's, der Schelm von Maulwurffänger