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"Dummes Zeug!" wiederholte Schlenker die hände faltend. "Fromme Redensarten nennt der gottlose Mann dummes Zeug! Himmlischer Vater, ich bitte Dich, hör' ihn nicht, denn er weiss wahrlich nicht, was er spricht! –"

Inzwischen hatten Sloboda und Paul den polnischen Planwagen verlassen und wurden von Heinrich ins Zimmer geführt. Neugierig starrten Gregor und Schlenker die Ankömmlinge an, die ihrerseits keine Rücksicht auf sie nahmen. Erst als Heinrich ihre Namen nannte, wünschte der ernste Sloboda Beiden einen guten Abend und reichte Jedem die Hand zum Grusse.

"Ehe wir eins ins andere reden, Freund Jan," begann der Maulwurffänger, "sage mir, was Du mit Deinem Judengesindel anfangen willst. In mein Haus nehme ich das Volk nicht auf, und ob sie der Kretschamwirt beherbergt, bezweifle ich auch; denn wir haben ein Gesetz in den Lausitzen, nach dem Niemand verbunden ist, das Volk von Schacherern und Betrügern über Nacht bei sich zu behalten."

"Ich werde sie ablohnen," erwiderte Sloboda. "Pferde und Wagen sind ihr Eigentum und von mir nur auf die Dauer der Reise gemietet. Brauche ich später wieder einen Wagen, um meine etwas stumpf gewordenen Glieder fortzuschleppen, so wirst Du schon für ein leidliches Transportmittel sorgen."

"natürlich, ganz natur!" sagte Gregor der seinen langern hagern Körper wieder auf den Schemel hatte niederknicken lassen.

Da sich der Wende schon früher mit seinem jüdisch-polnischen Fuhrmann über den Preis geeinigt hatte, war die Ablohnung bald geschehen und mit einem wohltuenden Gefühl heimischer Sicherheit sah er das ärmliche Gefähr mit den wild davon galoppirenden Pferden im Sandstaub der Strasse hinter dem dorf verschwinden.

"Ihr seid ein vielgeprüfter Mann," redete jetzt Schlenker den Wenden an, ihm seine steif herabhängende kühle und stets feuchte Hand aufdringend, 'bedenkt aber nur, dass wen Gott lieb hat, den züchtigt er!' und Ihr werdet genugsame Ursache finden, ihm ein Hosiannah anzustimmen! "In der Perlenburger Bibel könnt Ihr eine grausam prächtige Abhandlung über das Hosiannahsingen lesenich will sie Euch nach dem Abendsegen bringendenn es ist gar mit tausend Schrecken, was der Herausgeber dieses seltenen Bibelbuches für ein hochgelahrter Mann gewesen sein muss!"

"Hochgelahrt, sehr hochgelahrt!" beteuerte Gregor, die in Unordnung gekommenen Rockschösse behutsam bis an die Schemellehne zurückschiebend.

"Ich danke Euch!" erwiderte Sloboda, die Bank hinter dem Lindentische einnehmend. "Meine Augen legen mir ab, so dass ich des Abends bei Licht nicht mehr gut Gedrucktes lesen kann, es wäre denn sehr grosse Schrift."

"O eine Schrift für Blinde!"

"Halt Dein Maul, Freund Schlenker!" fiel Heinrich dem Frommen in die Rede. "Was wir zusammen mit einander zu verhandeln haben, geht allem Bibellesen vor; hat Jan später noch Lust dazu, so könnt Ihr ihn meinetwegen in's Gebet nehmen, so lange Ihr wollt, und ihm alle Lügen hererzählen, die Ihr Euch von den Missionsblättern aufbinden lasst."

"Lügen, Bruder Heinrich, ist in diesem Falle kein gewähltes Wort," bemerkte der Schulmeister, "ich würde lieber Unrichtigkeiten sagen. Lehrer der christlichen Religion pflegen nicht zu lügen."

"Wie Du willst, Gregor, meinetalben bring's zu Papiere."

"natürlich, natürlich!"

Schlenker schüttelte den Kopf, setzte sich wieder auf die Ofenbank, die Beine über einander schlagend und beide hände gefaltet über seine Knie legend. In dieser Stellung verharrte er den ganzen Rest des Abends und hörte mit grösster Spannung dem gespräche Heinrichs mit Sloboda zu. Nur wenn er das Bedürfniss fühlte, eine Prise Tabak zu nehmen, machte er regelmässig die schon beschriebenen wunderlichen Bewegungen. Auch Gregor mischte sich nicht in das Gespräch, nur bei Stellen, die ihn besonders ansprachen oder wo sein Bruder sich direct an ihn wandte, liess er sein bekräftigendes "natürlich" hören.

Das Erste, was der Maulwurffänger hervorholte, war jenes rätselhafte Papier, dessen Entstehung sich eben so leicht erklären liess, als es beide befreundete Männer wunderte, dass nie ein Wort davon zu ihrer Kenntniss gelangt war. Nur die Annahme, dass Röschen in Folge des Verlustes der Verschreibung an deren Giltigkeit völlig verzweifelt sein möge, und deshalb mit Absicht über deren Empfang gänzliches Stillschweigen beobachtet habe, gab im Notfall den Schlüssel dazu her.

Als sich Sloboda von der Aechteit des Papieres und der Handschrift des Grafen vollkommen überzeugt hatte, drang er in Heinrich, ihn mit seinen Plänen und Schritten, die er beabsichtige, bekannt zu machen. Der Maulwurffänger war dazu bereit und liess sich in eine genaue Auseinandersetzung des Geschehenen ein, alles Mutmassliche vor der Hand noch ganz bei Seite schiebend.

"Du musst vor Allem wissen," sagte er, "dass die früheren mächtigen Grafen von Boberstein schon seit Jahren weiter nichts sind, als speculirende Handelsherren, die sich in dieser neuen Eigenschaft des Grafentitels begeben haben, da das Markten und Feilschen allem Adel schlecht zu Gesicht steht. Sie nennen sich jetzt als Grosshändler einfach Herren am Stein. Solcher Herren am Stein leben gegenwärtig noch drei, wovon zwei schon sehr lange auf grossen Reisen sind, wie es heisst, der älteste aber auf seinem Grund und Boden geblieben ist. Ich will dem mann, den ich nur selten gesehen habe, nichts Böses nachsagen, nur so viel bemerke ich, dass ihn der Ruf als harterzig und egoistisch schildert. Den Rest des väterlichen Erbes, in nicht