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einem festen traurigen Blicke und einem erdfahlen Gesicht begegnete, drückte er ihm die Hand und erwiderte:

"Ich begleite Sie, Herr Kapitän."

Es schlug drei, als sie das Haus am Rödingsmarkte erreichten. zwölf Stunden später hatten sie Hamburg verlassen und fuhren mit Extrapost der Lüneburger Haide entgegen.

Sechstes Buch

Erstes Kapitel.

Eine Offenbarung.

Vier Tage nach dem Besuche Sloboda's und Heinrichs auf dem ehemaligen schloss Boberstein begegnen wir den beiden Alten nebst Paul in dem gebirgigen Schlesien. Hier lebten in arbeitsamer Zurückgezogenheit alte Bekannte des Maulwurffängers. Seine rastlosen Wanderungen führten den originellen Mann zuweilen auch in diese fern gelegenen Gegenden, wo er dann nie vergass, die alten Freunde zu begrüssen. Seit einigen Jahren war dies unterblieben, und da Landleute nur im äussersten Notfalle zur Feder greifen, so wusste Heinrich nicht einmal, ob die fernen Freunde noch alle am Leben sein würden. Dennoch zog er eine beschwerliche Fussreise von mehreren Tagen der unbequemen Schreiberei vor.

An waldigen Hügellehnen in der breiten und fruchtbaren Talsenkung des Queis lag ein grosses freundliches Kirchdorf. Hier besass Leberecht, der ehemalige Grossknecht auf dem Zeiselhofe, ein bescheidenes Häuschen mit geringem Ackerlande. Bei angestrengter Tätigkeit und grosser Sparsamkeit konnte eine genügsame Familie von dem Ertrage dieses Ackers und fleissiger Handarbeit grade leben. Kleine Besitzungen dieser Art gibt es in Schlesien die Menge, da das Parcellirungsystem den grossen Grundbesitz mannichfach zerstückelt hat. Man findet Dörfer, wo beinahe jedes Haus seinen eigenen Acker besitzt, welchen die Inhaber mittelst einer einzigen Kuh bebauen. Den flüchtig Reisenden kann der Anblick solcher Dörfer, wo alle Welt für sich selbst pflügt und ärndtet, den Eindruck von allgemein verbreiteter Wohlhabenheit machen, wer jedoch die Sachen genauer betrachtet und sich bei den so fleissig arbeitenden Leuten selbst erkundigt, erfährt zu nicht geringer Bestürzung, dass im Allgemeinen grosse Not in solchen Ortschaften herrscht, und dass die meisten dieser kleinen Grundbesitzer lieber den Besitz los zu sein wünschen. So sonderbar dies klingen mag, so erklärlich und folgerichtig ist es. Alle diese Leute müssen nämlich, um das wenige Ackerland, das ihnen Kartoffeln, etwas Korn und Klee trägt, bearbeiten zu können, Zugvieh halten, da aber der Ertrag selbst verhältnissmässig nur gering ist, so bringt es Keiner zu mehr als einer einzigen Kuh. Diese zehrt fast die Hälfte allen Ertrages auf. Um den Acker nicht zu sehr auszusaugen, muss häufig die mangelnde Düngung für schweres Geld angekauft werden, und da man dies selten oder nie besitzt, so wird die Aufnahme eines Kapitals auf das Haus unabweisbare notwendigkeit. gewöhnlich aber lastet auf jedem solchen kleinen haus ein Kapital, so dass bei Verdoppelung desselben die Möglichkeit, je einmal ganz schuldenfrei zu werden, dem Besitzer für immer benommen ist. Nehmen wir noch dazu, dass ohne anderweiten Verdienst ein Familienvarter von dem, was Feld und Wiesenplan ihm bringen, unmöglich leben kann und dass ihn die Bebauung des Ackers doch häufig an regelmässigem anderweitigem Erwerbe verhindert, so wird es unsern Lesern einleuchten, dass Grund- und Ackerbesitz unter solchen Umständen eher ein Unglück als ein Glück zu nennen ist.

Genau in dieser Lage befand sich Leberecht. Er hatte zwei Jahre nach der Katastrophe, die Boberstein in einen Schuttaufen verwandelte und dem im Auslande lebenden Magnus zur Freigebung seiner Leibeigenen Anlass gab, die Haide verlassen, um in fruchtbareren Gefilden Arbeit und Nahrung zu suchen. Das grüne Schlesien mit seinem ehrlichen, derben, gutmütigen volk behagte ihm vorzugsweise, da er sich hier wie daheim befand. Er war sehr fleissig und sehr sparsam, und als er nach seinem Dafürhalten genug besass, um Frau und Kind ernähren zu können, dachte er an's Heiraten. Nie hatte ihm ein Mädchen besser gefallen, als die hübsche Marie, die auf dem Zeiselhofe so oft seinetwegen hungrig vom Tische gehen musste. Marie diente noch in der Haide, war ebenfalls sparsam und in jeder Hinsicht wirtschaftlich. Leberecht machte sich also auf, putzte sich recht stattlich heraus, kaufte ein paar silberne Ohrringe und besuchte das Mädchen. Umschweife machte er nicht, vielmehr sagte er grade heraus, was er wollte, bot Marie Herz und Hand an und hatte die Freude, sechs Wochen später ein allerliebstes Weibchen sein nennen z u können. Von den Ersparnissen beider jungen Ehegatten ward ein eben feilgebotenes Haus nebst Ackerland ge k auft, und seitdem bewirtschaftete Leberecht sein kleines Besitztum redlich und unverdrossen.

Es wollte aber nicht vorwärts gehen. Freilich lag die Schuld nicht an ihm, sondern an der Unzulänglichkeit des Besitzes, der viel Zeit raubte und wenig eintrug, und dennoch konnte sich Lebe r echt nicht entschliessen, Haus und Land zu veräussern, da er mit Leib und Seele Landmann war. Marie musste auf einen Nebenerwerb denken. Dieser fand sich auch, indem sie, zwar etwas spät, die Weberei erlernte. Oft ward sie freilich in ihrer Tätigkeit gestört, denn ihre Ehe mit Leberecht war sehr fruchtbar. Zur Bekümmerniss beider älteren blieb aber von allen Kindern bloss ein einziger Sohn am Leben, der weil die Weberei damals grade in Schwung kam, sich derselben ebenfalls widmete.

Geraume Zeit verdiente er mehr als hinreichendes Geld, das er vorsichtig zusammenhielt, um die auf Haus und Feld der Eltern noch immer lastenden Schulden nach und nach damit zu tilgen. Es gelang ihm auch beinahe, da trat eine Stockung in den Geschäften ein! Die Linnenweberei sank mehr und mehr, der Verdienst verminderte sich von monat zu monat, das Ersparte musste angegriffen werden und das Haus blieb verschuldet, wie bisher. Um nur bestehen