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ehemaligen Hauptmannes, der wunderschönen Herta vorgegangen war, erkannte ich sie doch auf den ersten blick. Auch sie erinnerte sich meiner. Wir wurden bald Handels einig, denn sie brauchte Geld; ich zahlte, und sie ging schweigend, wie sie gekommen, wieder von dannen. Gern hätte ich sie ein wenig über ihr Schicksal examinirt, allein es ist von jeher mein Grundsatz gewesen, mit Armen und Unglücklichen mich nicht sehr gemein zu machen. Man wird leicht von der nämlichen Krankheit ergriffen und vor dieser Art Ansteckung habe ich eben so grossen Abscheu, wie mich die Ansteckung der Haide und Schlösser ergetzte. Ich liess sie also laufen, und Gott, der die Lilien auf dem feld kleidet und die weissen Mäuse nicht verhungern lässt, damit sie die Jungen auf Messen und Märkten mit Tanzen quälen können, der wird sich wohl auch der heruntergekommenen Tochter meines ehemaligen Hauptmannes angenommen haben. – Nun, Du seehaltiges Linienschiff, was ist Dir denn? Bist' die Hitze nicht gewohnt? Oder incommodirt Dich das Höllenwasser? Siehst aus, soll mir der Teufel die Nase krauen, als wärst Du seit ein paar Stunden seekrank! – Giess neue Glut auf, das hilft! – Mutterchen, – eine volle Galleasse, aber doppelt geheizt oder ich küsse Dich!"

Aurel sass bleich wie ein Grabmonument dem ehemaligen Räuber gegenüber. Kalter Schweiss rann von seiner Stirn, die hände zitterten ihm, dass er kaum das Glas noch zum mund führen konnte.

"Es geht vorüber," sagte er matt und sich gewaltsam zusammenraffend, "die entsetzliche Hitze machte mich schwindlig."

"Beim zweiten Besuch spürst Du nichts mehr davon. Komm nur bald wieder! Aber so kratzt doch auf, was die saiten halten! Es ist ja, weiss Gott, still wie in einer Todtengruft! Hört man sich doch selber schon sprechen!"

Die Musik, welche eine kurze Pause gemacht hatte, da die Tanzenden abgetreten waren, stimmte abermals ihre ohrzerreissenden Töne an, die alsbald auch neue Tänzer auf den Plan lockten. Aurel starrte noch immer in halber Betäubung vor sich hin. Die Erzählung Blutrüssels hatte ihn mit furchtbarer Gewalt getroffen. – Die Fremden, welche auf Boberstein erschienen waren, hatten ein Recht zu ihren Forderungen, denn Alles, Alles, was Adrian's erster Brief ihm gemeldet, fand eine grauenvolle Bestätigung in der spöttischen Erzählung des ergrauten Sünders. Der Brand des alten Schlossesdie Flucht seines Vaters mit Herta, die Rache Johanneses war nichts erlogen! Und diese Herta, das unglückliche Opfer seines wilden Vaters, diese liebliche, gänzlich verschollene Verwandte von ihm hatte vor Kurzem noch gelebt, im Elend gelebt! – Aurel fühlte sich vernichtet, niedergeschmettert von der Macht des Geschickes, das seinen strafenden Arm nach ihm und Allen, welche den Namen Boberstein führten, austreckte.

"I s t's lange her, alte Seele, dass Du mit der Besitzerin dieses Ringes zusammentrafst?" fragte er aufstehend und Gilbert zuwinkend.

"Knappe drei Jahre, mein Herr Stehnichtfest. Es war just Michaelismesse in Leipzig."

"Wohnte die arme in jener Stadt?"

"Weiss nichtdoch ja, ja, ich besinne mich. In der Vorstadt, wo die Armut haust, hatte sie ihr Zelt aufgeschlagen. Die Leute, die sie kannten, erzählten sich, sie lebe vom Wahrsagen. Ha, ha, ha, ha, die heruntergekommene Tochter einer sehr mächtigen Gräfin, vom Unglück gehetzt, hat den drolligen Gedanken, von andern Menschen das Unglück mitleidig ablenken zu wollen! Beim Schädel meines Vaters, 's ist zu komisch! – Komm, lustiger Tummler, lass uns anstossen auf die Prophetengabe der verblühten Rose. Möge sie ihr die tasche brav füllen!"

Instinktmässig hob Aurel sein Glas, stiess an, leerte es und liess es dann klirrend zu Boden fallen. Es litt ihn nicht mehr unter diesen gleich Besessenen tobenden Menschen. Hinaus in die freie kühle Luft trieb es ihn, damit er Atem schöpfen könne und sein glühender Kopf, in dem er jede Ader schlagen fühlte, sich abkühle.

Gilbert hatte sich an seine Seite gedrängt. "Brechen wir auf, Kapitän?" fragte der junge Matrose. "Und haben Sie erfahren, was Sie zu wissen begehrten? Sie scheinen angegriffen."

"Mehr! Mehr als ich wünschte!" seufzte Aurel und legte seinen Arm in den seines treuen Begleiters. Dann zog er den Hut, schwenkte ihn gegen das Orchester, auf dem Blutrüssel wieder das Tamtam zu spielen begann, und schrie mit erhobener stimme:

"Gute Nacht, brennende Grogseele! Gute Nacht, meine Jungen! Lange blühe die Lust in der unvergleichlichen Mohrentaverne!"

Ein wütendes Hurrah, das gar kein Ende nehmen wollte und in welches auch die dünnen Stimmen der Mädchen einfielen, begleitet von dem grässlichen Lärm aller Instrumente, antwortete diesem gentilen Toaste. Unter dem Getöse dieses Hurrahs erreichten die Freunde das Freie. Sie entfernten sich schnell von der colossalen Tonne, über deren bacchantisches Toben in ihrem inneren Beide ein wahrhaftes Grauen empfanden. Als sie den Weg nach der Stadt etwa zur Hälfte zulückgelegt hatten, drückte Aurel heftig Gilberts Arm, indem er sagte:

"Wir gehen nicht in See, mein Junge, wir setzen uns in eine Postkalesche und reisen zusammen nach Boberstein. Die Zeit des lustigen Schwärmens ist vorüber, von morgen an werden wir ernste Leute!"

Gilbert sah den Kapitän mit grossen Augen an, da er aber