einer Dirne gebracht und angenommen.
"Lass uns zusammen trinken, sechsmal linirtes Steinherz," sagte Blutrüssel lachend. "Wir müssen notwendig eins plaudern mit erlaubnis meiner werten Herren gönner. Ich bitte auf eine halbe Stunde um Urlaub."
"Gewährt! angenommen! Musik! Negermusik!" scholl es wüst durch einander.
Nun begann abermals ein Toben und Lärmen, als wolle man alle Lustigkeit auf einmal erschöpfen. Die beliebte Negermusik, die nur aus dem unharmonischen Schrillen aller Instrumente und dem donnernden Gestampf einiger dreissig Füsse bestand, begleitete die Tänze der Halbwilden. Unbekümmert um dies Getümmel und seltsamerweise auch unangefochten sass Aurel neben Blutrüssel, stiess mit ihm an und tat ihm Bescheid.
"Jetzt sag 'mal, junger Haifisch, wie Du auf den Einfall gekommen bist, Dich Klütken-Hannes zu nennen? Dahinter steckt etwas!"
"Weil der Kerl mein Freund ist."
"Du hast Dich vermutlich versprochen und meinst das Mädel," versetzte Blutrüssel mit widerlichem Grinsen. "Soll ein hübsches Forellchen sein, wie geschaffen für den Gaumen eines Haifisches."
Aurel fühlte, dass ihm das Blut nach dem kopf schoss, doch liess er sich nichts von dieser unwillkommenen Bewegung merken. Statt aller Antwort erhob er seine linke Hand und hielt sie dem vertierten Kumpan dicht vor die stieren rotgelben Augen.
"Kennst Du das?" fragte er den Musikanten und deutete auf den feinen Goldreif am kleinen Finger.
"Sieh 'mal!" rief dieser aus. "Du bist ein glattköpfiger Seehund! Was hast Du bezahlt dafür?"
"Mehr als er wert ist. Aber was kümmert das Dich! Viel lieber wäre es mir, zu hören, wie Du zu dem Frauenschmuck gekommen bist? Ich denke auf dem Wege der Geschwindigkeit, wie?"
Blutrüssel runzelte fürchterlich die Stirn und schüttelte ungeduldig seinen grauen borstigen Kopf. "Das vergisst sich mit der Zeit," sagte er, "nur in der Jugend, wo die Glieder flink und geschmeidig sind, ist das, was Du meinst, ein einträgliches Gewerbe. Den Reif habe ich mit gutem Gelde erkauft."
"Darf man fragen, von wem?" warf Aurel mit grösster Gleichgiltigkeit hin, indem er sich seine kurze Tonpfeife anzündete und das leere Glas seines Gastes zum dritten Male füllen liess.
"Von wem anders, als von einem Weibsbilde," grinste der Musikant. "Ich tat's aus purem Mitleid, denn die Creatur war von lieblicher Gestalt und feinen Manieren."
"Das wird ja ganz interessant," sagte der Kapitän. "Wenn Du mich nur so brockenweise füttern willst mit Deinen Teufelsgeschichten, werde' ich vor Neugier das Trinken vergessen."
"Sollst leben, nett aufgetakelte Brigg! Beim schlimmsten Fluche, ich möchte noch in Deinen Jahren sein! Dann wollten wir zusammen 'was anstellen, dass sich die alte Jungfer Europa vor Aerger darüber die eigene Nase abfrässe!"
"Kann noch kommen, doch Tolleres glaube' ich, als Deine geschichte mit dem Weibsbilde, würden wir kaum zu stand bringen."
"Hoch, drei Mal hoch denn die Vergangenheit!" rief Blutrüssel und zertrümmerte im Stosse das volle Glas. Er schleuderte die Scherben nach dem Schenktische und schrie: "Mutterchen, eine frische Galleone, die alte hat ein Leck in Grund gebohrt! – Ja, Bruder Steinherz, damals, damals gab's noch ein Leben!" fuhr er fort. "Du hättest dabei sein sollen, wie wir dem reichen Knauser das Federbett unterm leib anzündeten und ihn über Hals über Kopf aus dem Neste jagten! Solch lustiges Feuer hab' ich nie wieder gesehen! Damals erbeuteten wir das feine Püppchen, in dem unser Hauptmann sein entführtes Töchterlein wieder erkennen wollte. Es ward da viel geweint und gelacht und ein paar Monate später gab's sogar ein Kindtaufessen. Das Töchterchen war in die Wochen gekommen, just durch ein Wunder, wie vor zeiten die Gebenedeite unter den Weibern. Der Herr Hauptmann aber duldete durchaus kein Glossiren über diesen Punnct und so verschwanden denn Mutter und Kind, ohne dass wir Vielbeschäftigten etwas davon erfuhren. Ich hatte längst die ganze geschichte vergessen, war in Folge eines Umschwunges unseres Geschäftes, das seinen Werkführer durch den Tod unseres Hauptmanns verlor, in einem Anfall von Reue wieder unter die Ehrlichen gegangen und nährte mich durch einen Trödelkram, den ich von einem Orte zum andern schleppte. Nach langem Herumziehen kam ich endlich auch zur Messzeit damit nach Leipzig. Hier lachte mir das Glück; einige gelungene Speculationen verschafften mir Geld, das ich höchst nutzbar und zum Besten der darbenden Menscheit in einem kleinen Leihgeschäft sicher anlegte. Ich borgte gegen billige Procente auf Pfänder und handelte auch altes Gold und Silber ein, wenn ich's so billig bekommen konnte, dass mir der Jude den doppelten Preis dafür bezahlte. Meinen Namen hatte ich natürlich schon längst abgelegt und einen recht gewöhnlichen, hinter dem die Polizei nichts Verdächtiges witterte, angenommen. Ueberhaupt habe ich im Taufen eine grosse Gewandteit, und hätte ich zur Zeit des berühmten Schneidermeisters von Leiden gelebt, der sterblich ins Taufen vernarrt war, so würde ich unter den Wiedertäufern als einer der ersten geglänzt haben. – Mein damaliger Name verschaffte mir recht viele Kunden. Unter diesen stellte sich denn eines Tages auch eine schlanke oder vielmehr etwas klapperdürre in verschossene Seiden gekleidete Dame ein und bot mir das Ringlein zum Verkauf an. Trotz der Jahre und der grossen Veränderung, die mit der Tochter meines