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der Bank dem Tanze zusahen oder ab und zu gingen und bisweilen die schmucken Matrosen neckten.

Aurel's Aufmerksamkeit richtete sich nunmehr auf das Orchester und die Musiker. Es war jedoch unmöglich, die Spielenden durch die feuchte und schwere Rauchwolke zu erkennen, die auf das wogende Menschenmeer in grauer Trübe niederhing. Er wandte sich daher an das hübscheste und, von ihrem Gesicht auf ihr Herz zu schliessen, an das mindest verdorbene Mädchen mit der Frage: ob sie einen Mann kenne, welcher den Namen Blutrüssel führe? Das Mädchen bejahte und fügte hinzu, dass er so eben das Tamtam spiele.

"Kannst Du es nicht veranstalten, hübsches Kind, dass er einmal herabsteigt von seinem Trone?"

"Das tut er schon von selbst nach jedem Tanze," versetzte das Mädchen. "Länger als eine halbe Stunde kann er ohne heisses Getränk nicht leben, und damit er es recht frisch aus der Quelle bekomme, holt er sich's allemal selbst. Sehen Sie, da ist der alberne Tanz zu Ende! Einer von den Schwarzen ist gefallen vor Erschöpfung. Eher hört man nicht auf."

Die Musik schwieg sogleich, das Lärmen, Schreien, Kreischen und Wiehern ward dagegen eher noch ärger. Der bis zur Ohnmacht erschöpfte Neger ward aufgehoben, auf einen Tisch gelegt und mit Branntwein übergossen. Er zuckte kein Glied. Die dicke aufgeworfene Unterlippe hing schlaff herab und entüllte ein tadelloses elfenbeinweisses Gebiss. Die Augen standen halb offen und glotzten abschreckend in stierem Glanz durch die schwarzen Lider.

"Giesst ihm Grog in die Kehle oder scharf gewürzten Glühwein!" rief Einer aus der Menge.

"Ich weiss ein besseres Mittel, den tollen Schelm wieder auf die Beine zu bringen," versetzte ein Mulatte. "Gebt mir Raum und lasst mich gewähren. Bei uns erweckt man damit tote, wenn noch ein Fünkchen Leben in ihnen brennt."

So sprechend träufelte er Branntwein auf die Stirn des Ohnmächtigen, ergriff ein Licht und zündete die Flüssigkeit an. Blaue Flammenbäche liefen kreuzweis über Schläfen und Wangen. Mit gellendem Schrei fuhr der Gemisshandelte auf und schüttelte die Flammen von sich, die glücklicherweise sogleich erloschen. Rasendes Bravoschreien und unbändiges Gelächter belohnten den tollen Einfall des Mulatten.

"Das war ein guter Witz, Nero," sagte eine bellende, vom vielen Trinken gleichsam verbrannt klingende stimme. "Den hätte ich Dir abkaufen mögen, wär's möglich gewesen. Darauf bin ich in meiner besten Zeit nicht gekommen und ich war doch berühmt im Fache witziger Erfindungen! Noch einen Tropfen Höllenwasser, Mutterchen, aber warm und steif! Ich fühle ein ganzes Eismeer in mir."

Es war ein ältlicher Mann in struppig grauen Haaren, der sich so vernehmen liess, hager, knochig und von sehnigem Körperbau. Sein Gesicht verdiente ein Ideal von Hässlichkeit genannt zu werden. Rot, aufgedunsen, von bläulichen Flecken bedeckt, ward es von einer langen blutroten Nase beherrscht, die wahrhaft fürchterlich aussah und ihm den Ekelnamen zugezogen hatte. Die grossen vorstehenden Augen mit kohlschwarzer Pupille und der gespaltene Mund mit grossen und spitzen die Lippen überragenden Vorderzähnen vollendeten das Bild eines Mannes, der mit Fug und Recht bei den Bällen des Satans als Musikdirector hätte fungiren können.

"Blutrüssel, der Nimmersatt!" schrien lachend ein Dutzend. "Mögest Du noch eine Million Pinten vertilgen!"

Der Musiker dankte durch ein entsetzenerregendes Grinsen und empfing das dampfende Glas mit dem glühendheissen Getränk.

"Auf meine Rechnung, wackrer Bursche! Die drei nächsten hast Du noch gut bei mir! So ungewöhnliche Geistesgaben müssen belohnt werden!"

So rief Aurel, überlustig seinen Hut schwenkend und sich mit kräftigen Rippenstössen Bahn zu dem Musiker brechend.

Dieser vergass über der Seltsamkeit solch grossmütigen Anerbietens das Trinken und die übrigen Gäste der Taverne wurden von der Keckheit Aurels so verblüfft, dass sie die erhaltenen Stösse und Tritte ungestraft hinnahmen.

"Wer bist Du?" sagte Blutrüssel, mit gewaltigem Schlingen das grosse Glas zur Hälfte leerend und die dargehaltene Hand des Kapitäns annehmend. "Hier werden bloss ausgepichte, tausend Millionenmal durchwerterte und mit Teufelsspeck gemästete Kerle geduldet. Man wird eingeführt in so ehrenwerte Gesellschaft oder 'nausgeschmissen, Bursche! Man hat Dich nicht eingeführt, dünkt mich, und dazu riechst Du noch genau wie eine frisirte Landratte. Hut ab, Kerl, und Reverenz gemacht!"

Aurel zog den Hut und blickte mit mächtigem Auge rundum.

"Wohl bin ich eingeführt, alter Seehund, und wenn ein Kerl, der sechsmal die Linie passierte, keine Landratte ist, bin ich's nicht!"

"Dann trink 'mal auf meine Gesundheit!" sagte Blutrüssel und reichte ihm das halbvolle Glas mit dem heissen Grog. Aurel zog es aus bis auf die Nagelprobe.

"Pfui!" rief er. "Lauwarmes wasser schmeckt besser. Ein anderes, Mutterchen, und dreimal gesteift!"

"Du gefällst mir, Junge," sagte Blutrüssel mit Grandezza. "Ich erkläre Dich hiermit für eingeführt sammt Deinem blassen Gesellen, der sich dort so angelegentlich mit der Erforschung von Mäuseöhrchens Montblanc zu schaffen macht. Wie heisst Du?"

"Klütken-Hannes!"

"Teufel auch!"

"Oder wenn Du willst, Steinherz."

"Ich grüsse Dich, Steinherz, und nenne Dich Bruder von ganzer Seele! Umarme mich!"

Aurel musste sich dazu entschliessen, wenn er seinen Zweck erreichen wollte, und tat es demnach mit vieler Rührung und komischem Ernste. Inzwischen ward der bestellte Grog von