1845_Willkomm_143_163.txt

zwei Stunden Sie hier aufsuchte, lief mir draussen im saal ein solcher Himmel mit zwei blauen Sonnen in die arme, ich fing ihn auf und weil es ja doch eine grosse Seltenheit zu sein pflegt, den Himmel warm und weich an sein Herz zu schliessen, so nahm ich mir geschwind diese Freiheit und berührte die beiden funkelnden Sonnen mit meinen Lippen. Und um solcher himmlischen Neigung wegen wollten mich die glanzfilzigen Bengel todtschlagen! Darum musste ich ausreissen und bis jetzt warten. Ich habe mich aber doch amusirt! Oben auf dem Stintfange traf ich ein freundliches Kind, frisch und munter wie ein Lachs. Mit ihm habe ich Sternenkunde getrieben bis jetzt und alle sieben Himmel Muhameds durchstreift. Es war prächtig, auf Matrosenehre!"

Aurel schüttelte lächelnd den Kopf. "Schon gut, mein Junge, ich kenne Dich! Behalte jetzt Deine himmlischen Erkenntnisse für Dich und sage, was Deine Eile zu bedeuten hat?"

"Nichts weiter als einen Brief. Da ist er! Schleunigst zu besorgen, steht darauf gekritzelt, irre ich nicht, von der Hand Ihres sehr ehrenwerten Herrn Bruders."

Gilbert überreichte Aurel das Schreiben, der mit einiger Hast danach griff.

"Sie erlauben, mein fräulein?"

"Bitte!"

Aurel riss das Couvert auf, ein langer Brief blieb in seinen Händen. "Das geht nicht," sagte er, das Schreiben zu sich steckend. "Ich brauche mindestens eine Stunde, um diese Buchstaben zu entziffern."

"Lassen Sie sich durchaus nicht stören, Herr Kapitän!"

"Es hat Zeit," fiel Aurel Bianca ins Wort. "Geh, Gilbert, und besorge eine Droschke!"

Gilbert entfernte sich.

"Bianca," rief nun der junge Kapitän gerüht, indem er beide hände des schönen Mädchens erfasste, "Ihre Offenheit hat mich eben so tief erschüttert, wie die betrübenden Erfahrungen, die Sie, noch so jung, bereits gemacht haben. Ich nehme wahrhaften Anteil an Ihnen, und ich wünsche, dass bessere, heiterere, schuldlosere Tage die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen Sie werden vergessen machen. Nehmen Sie es für ein Schicksal, dass ich, selbst ein vielfach gefallener Mann, Ihnen gerade jetzt begegnet bin, und geben Sie mir das Versprechen, Hamburg zu verlassen, sobald ich es fordere. Es wird sich ein passenderer Aufentaltsort für Sie finden, ich weiss es, und was an mir liegt, einen solchen recht bald zu ermitteln, soll geschehen. Können Sie sich dazu entschliessen?"

Bianca's blick ruhte geraume Zeit auf den freundlichen, treuherzigen Augen des Kapitäns. Sie drückte ihm dankend die Hand und sagte: "Ich folge Ihnen, denn ich erblicke in Ihnen den rettenden Engel, den meine fürbittenden älteren mir senden."

Aurel stand auf, drückte die schöne Sünderin an sich und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.

Ein Wagen fuhr vor. Gilbert meldete, dass Alles bereit sei. Ein paar Secunden später rollte die Droschke mit Aurel, Bianca und Gilbert nach der Stadt.

Fussnoten

1 Diese abscheulichen Verordnungen hinsichtlich der an die Anatomie abzuliefernden Leichname bestehen noch heutigen Tages in Jena.

Sechstes Kapitel.

Die Mohrentaverne.

Aurel begleitete Bianca bis an ihre wohnung. Hier empfahl er sich nochmals mit herzlichem Händedruck, bat sie wiederholt, dass sie ihm blindlings vertrauen möge, und eilte alsdann mit Gilbert nach haus.

Es war bereits zehn Uhr vorüber und noch stand ihm für die Dauer der Nacht ein neues Abenteuer bevor. Wollte er dies nicht auf einen andern Abend verschieben, so war es die höchste Zeit, sich darauf vorzubereiten.

"Gilbert," sagte der Kapitän, "suche aus meiner Garderobe die schlechteste Matrosenkleidung zusammen und lege meine Pistolen und meinen indischen Dolch bereit. Ich will unterdessen sehen, was mir der Bruder so eilig zu melden hat."

Adrian schrieb:

"Kaum habe ich Dir den wunderlichen Besuch

mit seinem noch wunderlicheren Anliegen gemel

det, der mich vor einigen Tagen überraschte, und

schon bin ich genötigt, jetzt abermals in dieser

mehr als rätselhaften Angelegenheit an Dich zu

zu tun, die ihrer Sache ziemlich gewiss zu sein

scheinen. Acht Tage haben diesen beiden Greisen

genügt, mich und mittelbar also auch Dich wie

Adalbert in die Enge zu treiben. Auf welche Weise

ihnen dies möglich geworden ist, weiss ich noch

nicht, dass sie es vermocht haben, ist leider nur zu

gewiss! – Sie haben uns verklagt, haben, wie ich

höre, Zeugen aufgetrieben, welche das Vorhanden

sein verstossener Kinder unseres verewigten Vaters

eidlich erhärten wollen. Daran würde ich mich

wenig kehren, denn ehe ein so schwieriger Beweis

rechtskräftig geführt werden könnte, würden Jahre

vergehen, und in so langer Zeit lässt sich viel ersin

nen, um ein drohendes Uebel still zu beseitigen.

Weit ärgerlicher ist es mir, dass diese mit dem Teu

fel verbündeten alten Bauern, auf welche Weise,

mag Gott wissen, meine sämmtlichen Arbeiter und

Untertanen gegen mich aufgehetzt haben. Sie be

trachten mich für den unrechtmässigen Besitzer der

Güter des Grafen Magnus und drohen mit gewalt

samen, unsern Namen entehrenden Massregeln,

wenn ich nicht die Forderungen dieses weisslocki

gegen Wenden auf der Stelle befriedige.

Wohin solche Widersetzlichkeit arbeitender, an

mich und mein Interesse gefesselter Menschen füh

ren kann und muss, ist gar nicht abzusehen. Ich

brauche diese zerlumpten Tausende, brauche sie

unter den Bedingungen, die ich ihnen bisher kalt

blütig und in ruhiger Consequenz auferlegt habe,

sonst gehen alle meine grossartigen Speculationen

in Rauch