einer grossen Stadt zu suchen. Dort hoffte ich, sollte sich gelegenheit finden, die mir von der natur geschenkten Gaben zu meinem Vorteil zu benutzen. Ich war ja schön, und Schönheit mit Jugend gepaart wirft man so leicht nicht vor die Tür, wenn sie den zarten Panzer des Weibes, die verlockende List, anlegen.
Ich wandte mich nun zuerst nach Hannover, da ich aber bei meiner schnellen Dienstentlassung und der Verwirrung, in die mich der unerwartete Tod meiner Schwester versetzt, ein zeugnis meines Wohlverhaltens mir ausstellen zu lassen vergessen hatte, fand ich nicht sogleich einen Dienst, wie ich ihn wünschte. Es schien mir sogar, als zweifle man an meiner Unbescholtenheit, wozu ich vermutlich selbst Anlass gab durch freundliches, einschmeichelndes Betragen, das mehr von forcirter Koketterie als von reizender Natürlichkeit an sich haben mochte. Es vergingen ein paar Wochen und meine Baarschaft schmolz zusammen. Da machte ich an einem öffentlichen Orte die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen, aber, wie ich auf den ersten blick bemerkte, sehr wohlhabenden Mannes. Mein forschend auf ihn gerichtetes Auge mochte ihm Verheissungen vorgespiegelt haben, an die ich selbst nicht dachte. Er knüpfte ein Gespräch mit mir an, schenkte mir Blumen und schlug mir vor, als er meine nicht eben beneidenswerte Lage erfuhr, die Stelle einer Haushälterin bei ihm anzunehmen. Er bedürfe grade einer solchen und sei in Verlegenheit, eine person zu finden, der er vertrauen könne. Ich gefiele ihm, und hätte ich Lust, es mit ihm und seinen kleinen Launen zu versuchen, so könnte ich gleich morgen in seinem eigenen Wagen mit ihm abreisen.
Herr M* war aus Hamburg, Kaufmann und Hagestolz. Seine Bedingungen dünkten mir sehr annehmbar, und da ich durchaus nichts zu verlieren hatte und dieser Anfang mir den vielversprechenden Eingang zu den schimmernden Palästen des Reichtums öffnen zu wollen schien, so nahm ich sie an. drei Tage später war ich in Hamburg.
Sie können erraten, Herr Kapitän, welch ein Leben ich hier führte. Eine Zeit lang war Herr M* sehr zufrieden mit mir. Er überhäufte mich sogar mit nicht ausbedungenen kostbaren Geschenken, die ich aus den angedeuteten Gründen annahm. Später musste ich mich dafür erkenntlich zeigen, wozu ich mich nach einigen heftigen inneren Kämpfen denn auch entschloss. Ich hoffte Madame M* zu werden und gab dies sehr unverhohlen zu erkennen. Dies war nicht politisch; mein Gebieter ward von stunde' an kälter gegen mich; ich begann ihn zu tyrannisiren, auf meine Ansprüche pochend. Dies verdross Herrn M* und eines schönen Morgens lohnte er mich ganz ruhig ab und händigte mir ausserdem eine ansehnliche Summe als Abfindungsquantum ein. Obwohl ich es jetzt mit Bitten versuchte und keine kleine List unterliess, den Beleidigten mir wieder zu versöhnen, konnte ich ihn doch nicht erweichen. Ich musste sein Haus verlassen –
In diesem verhältnis hatte ich so viel erworben,
um nötigen Falles allein anständig leben zu können. Dies zog ich einer neuen dienstlichen Stellung vor. Ich mietete mir ein elegantes Logis, gab mich für eine junge witwe aus und spielte nicht ohne äusserliches Glück die gebildete Dame. So hoffte ich am leichtesten ein Ehebündniss mit irgend einem wohlhabenden mann, der mir gefiel, herbeiführen zu können. Allein auch diese Speculation schlug mir nicht zum Glück aus. Ich fand viele Liebhaber, keinen Geliebten, und da ich schon längst den festen moralischen Halt verloren hatte, sank ich von monat zu monat tiefer, bis ich mich selbst verachten musste. Ich ging von einer Hand zur andern, lebte äusserlich gut, befand mich scheinbar wohl und trug tief verborgen die Hölle in meinem Herzen. Nach und nach wich die erkünstelte Heiterkeit von mir, die so leicht alle Männer bestach und sie mir zuführte. Ich ward traurig, kalt, abstossend, melancholisch. Da flohen mich die Männer, die immer nur Lust und Scherz beim weib suchen. Ich kam, möchte ich sagen, klänge es nicht zu fürchterlich, aus der Mode, und um doch ein anständiges Leben dem Scheine nach fortsetzen zu können und der verhassten Armut nicht gänzlich zu verfallen, ward ich genötigt, die Salons zu besuchen."
"Dies ist mein äusserst beneidenswerter Lebenslauf," schloss Bianca mit bitterm Lächeln ihre Erzählung, "und finden Sie jetzt noch, dass ein ehrlicher Mann seine Hand rettend nach mir ausstrecken darf, ohne sich für immer zu besudeln, dann, Herr Kapitän, will ich es wagen, Ihrer Grossmut mich anzuvertrauen!"
"Aber Ihre älteren, Bianca? Wissen sie, auf welchen Wegen ihre geliebte Tochter wandelte?"
"Gott Lob, Sie wissen es nicht, wenn sie nicht gleich Gott allwissend sind! Der Tod hat sie längst erlöst."
Es war stiller und immer stiller geworden im Pavillon. Nur wenige Gruppen sassen noch verstreut im grossen saal. Da ward die Tür des kleinen Gemaches, wo Aurel sich mit Bianca unterhielt, behutsam geöffnet und Gilberts lebhaftes Gesicht lauschte herein. Gleich darauf stand er vor dem Kapitän.
"Endlich ist das Fahrwasser sicher," sagte er mit leichtfertigem Lächeln. "Ich habe verteufelt warten und mich verkriechen müssen wie eine Schiffsratte, und hatte es doch so eilig!"
"Was gab es?" fragte Aurel.
"Zum Teufel, Herr Kapitän, wird man denn taub, wenn man einem so reizenden Mädchen, wie Ihre Gesellschafterin es ist, in die geheimnissvollen feuchten Sterne schaut?" Gilbert begleitete diese galanten Worte mit anmutvoller Verbeugung gegen Bianca. "Als ich vor beinahe