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der toten niederknien und auf ihren kalten Mund einen Kuss der Vergebung drücken mögen. Was war ich mehr, als sie? Konnte ich nicht gleich ihr endigen, nun ich gefallen war, wie sie? –"

Verstohlen, dem mond ausweichend, um den Schatten meiner Gestalt nicht zu sehen, schlich ich nach haus. Schlaflos brachte ich die Nacht unter Tränen, unter Gebet, unter entsetzlichen Vorwürfen hin. Als der Morgen graute, verliess ich mein ärmliches Lager, das mir zur Folterbank geworden war. über die öden Gassen eilte ich schnellen Laufes nach der Anatomie. Da schmetterte mich die trockene Antwort nieder, dass der versprochene Leichnam untauglich sei und mir demnach die Schwester nicht verabfolgt werden könne! – –

Dabei blieb es. Terese verfiel dem Messer des Anatomen und ich hatte meine Jugend, meine Unschuld, meine Ehre einem Phantom geopfert!

Von meiner Diensterrschaft entlassen, das Augenmerk der ganzen Stadt, für die ich nur die Schwester der schönen Selbstmörderin war, blieb mir nichts übrig als schleunigste Flucht. Vielleicht wäre ich Terese in den Tod gefolgt, hätte mich nicht das Schicksal, welches meiner dann harrte, abgehalten. Der fürchterliche Secirtisch der Anatomie und die lüsternen Blicke der jungen Männer, die sich lachend an meinen erkalteten Gliedern dann weideten, schreckten mich zurück. Flucht! Flucht! rief ich mir wohl tausendmal zu, packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und brach auf.

Erst als die kleine Stadt mit ihren kahlen Bergen hinter mir lag, fragte ich mich: wohin? Die Entscheidung war nicht schwer. Meine unglücklichen, frommen, genügsamen älteren lebten noch in ihrer rauschenden Bergeinsamkeit. Noch ahnten sie nichts von dem grauenvollen Unglück, das sie am Spätabend ihres Lebens ereilt hatte. Sie beteten in gottgefälliger Einfalt für ihre fernen Kinder, davon eins schon nicht mehr unter den Lebenden wandelte. Zu ihnen! rief es in der Tiefe meines Herzens, und ich schlug den Weg nach der Heimat ein.

Vor der Tür ihrer Hütte sitzend fand ich die älteren. Sie erkannten mich nicht in der modernen städtischen Kleidung, die ich seit meinem Dienstantritt trug. Als ich sie bei Namen rief, umarmten sie mich unter Freudentränen. Sie fragten nach Teresen, nach ihrem Wohlbefinden. Ich senkte den Kopf und schwieg. Als sie nun eine unerfreuliche Nachricht erwarteten und heftig in mich drangen, erzählte ich mit schonendster Milde den Hergang und das traurige Ende der Schwester. Meine Mutter sank besinnungslos in die zitternden arme des alten schwachen Vaters. Ich kniete vor beiden nieder und benetzte mit reuigen Tränen ihr Gesicht, ihre hände.

"Dummes Ding!" hörte ich hinter mir eine nur zu bekannte krächzende stimme höhnisch rufen. "Wie abgeschmackt für ein hübsches Mädchen von zwei und zwanzig Jahren, sich eines Kindes wegen in's wasser zu stürzen! Die hat ihren Vorteil schlecht verstanden, und da ist denn freilich weder zu raten noch zu helfen. Sei Du klüger, hübscher Schwarzkopf, wenn Dir's ähnlich ergehen sollte! Zu einem kalten Bade hat man alle Tage noch überflüssige Zeit!"

Es war die Korbmarte, die aus dem wald ihres Weges ziehend den traurigen Schluss meiner Erzählung mit angehört hatte und sich zu dieser gemeinen Bemerkung gedrungen fühlte.

"Dumme Dirne! Dumme Dirne! Sich zu ersäufen in der Blüte ihrer Schönheit!" murmelte sie vor sich hin, indem sie an uns vorüber schritt. Die Erscheinung dieses hässlichen alten Weibes erfüllte mich mit wahrhaftem Entsetzen, reizte aber auch zugleich meinen Zorn dergestalt, dass ich mir Gewalt antun musste, um nicht mit Tigerwut mich auf sie zu stürzen und ihr das Genick zu brechen. Sie schien mir eine Abgesandte der Hölle, die sich ihres Triumphs über uns freute.

"Ohne ihre tiefe unerschütterliche Gottgläubigkeit würden meine älteren diesem Schlage sogleich erlegen sein. Die Religion, die längst einen wahrhaften Bestandteil ihres Wesens ausmachte und in ihnen lebendig geworden war, hielt sie aufrecht, das Gebet gab ihnen Kraft und Stärke, das Entsetzliche zu ertragen. Sie flehten Gott allabendlich um Gnade für ihr verirrtes, als zwiefache Verbrecherin aus der Welt geschiedenes Kind, und wenn je das Gebet frommer älteren Erhörung findet bei Gott, so muss Terese durch das gläubige Bitten ihrer älteren begnadigt worden sein.

So innig ich an meinen braven älteren hing, so unheimlich ward mir doch in ihrer Nähe. Ich taugte ja nicht mehr in so heilige Kreise, ich war eine Sünderin, deren Herz vor Groll und Ingrimm brechen wollte. Eine unsichtbare Gewalt zog mich hinaus in die Welt, um in ihrem Geräusch Vergessenheit und ein neues Glück zu suchen. Mich drückte, mich beleidigte die Armut, seitdem ich wusste, wie man mit ihr verfährt, wie man sie gleich einem räudigen Hunde von sich stösst oder sie mit herzloser Gleichgiltigkeit behandelt! Obwohl fromm und schlicht und zu genügsamem Leben erzogen, vermochte ich doch nicht mehr andachtsvoll zu einem Gott zu beten, der Tausende seiner Geschöpfe so unwürdig behandeln lässt, und das Wort Christi: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr! konnte mich zu verzweifeltem lachen reizen. Ich konnte nicht an eine Seligkeit jenseits glauben, die ich mit völliger Vernichtung meiner angeborenen Menschenwürde diesseits erkaufen sollte! Werde reich! schrie es Tag und Nacht in mir mit gellender stimme, werde reich um jeden Preis und Du bist glücklich, angesehen, geehrt!

Daheim konnte ich nicht bleiben. Meine älteren wünschten dies eben so wenig, als ich selbst, ich war daher Willens, wieder einen Dienst, wo möglich in