Zeit geltenden Verordnungen und Gesetzen mich bekannt zu machen. Was ich auf diesen schweren Gängen ermittelte, war freilich für mich nicht sehr tröstlich. Damals ward mein geängstetes Herz zum ersten Male von der entsetzlichen Wahrheit zerfleischt, dass in unsern civilisirten Staaten die Armut sogar vom Gesetz wie ein Laster behandelt wird!"
"Sollten Sie, armes Mädchen," fiel Aurel ein, "unserer Gesetzgebung nicht einen zu harten Vorwurf mit dieser Behauptung machen?"
"Nein, Herr Kapitän. hören Sie, nach welchen grundsätzen auf jener Universität zu meiner Zeit die Anatomie mit Leichnamen versorgt ward. Zuerst erfuhr ich, was ich bereits wusste, dass nur reiche Verwandte Selbstmörder von der Anatomie loskaufen können. Ferner war es damals noch Sitte – ob inzwischen eine Aenderung stattgefunden hat, weiss ich nicht – dass n u r bei der Section im Hospital verstorbener a r m e r Mädchen, die gesetzlich auf die Anatomie geliefert werden mussten, das Hospitiren der Nichtmediciner gestattet ward. Jedermann weiss, dass diese nicht wissenschaftliches Interesse, sondern einzig und allein Neugier und wollüstiger Kitzel an den Secirtisch treibt. Man ergetzt sich in Gemeinschaft an schönen Formen und unzarten, wo nicht sittenlosen Witzen, die man auf Kosten des vorliegenden Leichnams oder des ganzen wehrlosen Geschlechtes macht.
Nach einer andern gesetzlichen Bestimmung mussten alle unehelichen Kinder, wenn sie vor dem zurückgelegten vierzehnten Jahre starben, unausbleiblich auf die Anatomie geliefert werden! Wahrscheinlich sind die Gesetzgeber bei dieser höchst moralischen Bestimmung der Ansicht gewesen, die bis heute noch leider allgemein verbreitet ist, dass jede vom Priester nicht eingesegnete Verbindung eine sündhafte sei und der erkauften Liebe gleichkomme! Eine entsetzliche, verdammenswürdige Annahme, die jede reine Neigung tödtet, die alle wahre Sittlichkeit gänzlich untergräbt! Weit entfernt, die Ehe herabsetzen zu wollen, bin ich doch fest übezeugt, dass mehr ehelich geborene Kinder unkeuschen Umarmungen ihre Entstehung verdanken, als unehelich geborene, und doch entblödet man sich nicht, diesen Schuldlosen einen Fehl, einen Flecken anzudichten, der sie in den Augen der vorurteilsvollen Menge der übrigen Menschheit gegenüber herabsetzt.
Am schrecklichsten aber und gradezu unmenschlich erschien mir die grausame, aller christlichen Liebe hohnsprechende Verordnung, nach welcher alle Leichname gefallener D i e n s t m ä d c h e n , wenn auch seit ihrem Falle ein Zeitraum von vierzig Jahren vergangen sein sollte, der Anatomie anheimfallen. Merken Sie wohl, n u r der Dienstmädchen, gefallene Töchter der Bürger und des Adels unterliegen dieser Strafe, die mitin nur für die Armut erfunden worden ist, nicht.1
Schon wollte ich mich in mein Schicksal fügen, als ich aufmerksam gemacht wurde, dass vielleicht durch persönliche Rücksprache mit einem hochgestellten mann ein Tausch bewerkstelligt werden könne. Man lobte die Höflichkeit und Zuvorkommenheit dieses Mannes und ich ging der toten Schwester zu Liebe zu ihm. In der Tat fand ich einen der einnehmendsten Männer in ihm, die mir je vorgekommen sind. Jung, interessant, sehr lebhaft und überaus galant, behandelte er mich wie eine Dame. Dies gewann ihm sogleich mein Vertrauen, denn ich war bisher immer nur an unfreundliche Befehle gewöhnt. Meinen inständigen Bitten schien er nicht abgeneigt. Er versprach mir, sich zu erkundigen, ob eine Vertauschung, ohne Verdacht zu erwecken, möglich sei, und bat mich, ihn Abends nach Sonnenuntergang nochmals mit meinem Besuche zu beehren.
Beruhigter kehrte ich zu meiner herrschaft zurück, die mich sehr ungnädig aufnahm. Unverdiente Vorwürfe und bittere Schmähungen musste ich ohnehin so tief Gebeugte über mich ergehen lassen. Sie kündigte mir den Dienst, da sie ein Mädchen, auf welches die ganze Stadt mit Fingern deutete, nicht um sich haben möge. – Ich ertrug Alles schweigend und konnte den Abend kaum erwarten, der mir Gewissheit bringen sollte. Er kam, ich besuchte den Mann, der mir allein noch helfen konnte, abermals. Noch höflicher, als am Tage, empfing er mich. Es wird sich tun lassen, mein schönes Kind, sagte er. Noch in dieser Nacht soll ein anderer weiblicher Körper abgeliefert werden. Niemand weiss davon und so kann ich Dir gegen Morgen Deine arme Schwester wieder geben.
Ich war gerührt, entzückt, drückte dem gütigen mann im heissen Dankgefühl die Hand und bot ihm all mein baares Geld für seine Grossmut an. Lächelnd schlug er es aus. Das behalte für Dich, Du wirst es schon brauchen, sagte er. Weit lieber wäre mir ein Kuss von den schönen Lippen, die so anmutig danken können. werde' ich vergeblich darum flehen? – Er sah mir so freundlich, so mild und guterzig in die Augen, und ich fand den Gefälligen in jenem Augenblick so schön und wahrhaft liebenswürdig, dass ich mich nicht lange besann. Weinend sank ich an seine Brust, schlang meine arme um seinen Nacken und presste meine Lippen fest an seinen Mund. Lange hielten wir uns umschlungen, wir fühlten den beschleunigten Schlag unserer Herzen. Als ich mich endlich aus den Armen des vortrefflichen Mannes wieder losmachen wollte, fühlte ich mich in der heftigsten Aufregung. Der gütige Vermittler entliess mich nicht. Von Neuem umschlang, drückte er mich an sich. Es ist um Deine Schwester! flüsterte er mir zu, und dies Zauberwort hätte mich damals selbst in der Hölle fest gehalten. Seinen Bitten konnte ich nicht widerstehen. Ich blieb, blieb lange, lange, und als ich von ihm ging, hingen Tränen an meinen Wimpern, Tränen, die nicht meiner Schwester, die mir selbst galten! Jetzt hätte ich neben