Krieg und Kriegsnot! Ich weiss ein Lied davon zu singen, dass es Gott im Himmel erbarme!"
Und der tapfere Dragoner griff nach der neben ihm stehenden zinnernen Schnupftabaksdose, öffnete sie und schüttete sich eine tüchtige Prise auf die Aussenseite seiner rechten Hand. Dann schob er die linke darunter und führte beide hände dadurch, dass er ihnen mit dem Beine einen tüchtigen Ruck gab, an die Nase, die begierig das wohlriechende Kraut einschlürfte. Klotzartig fielen die hände wieder auf den Schooss zurück, wo sie ein buntes Taschentuch erhaschten, dessen Grundfarben nicht mehr zu erkennen waren. Nachdem auch dies seine Dienste verrichtet hatte, wusste Schlenker dem rechten arme einen solchen Schwung zu geben, dass er sich mit der Hand bis zur Stirn erhob. Hier setzte sich der Zeigefinger über dem Auge fest und wackelte beim Sprechen fortwährend wie ein bewegliches Horn hin und her, während Schlenker jeden Satz durch eine schütternde Bewegung des Oberkörpers begleitete. Nur in solcher Stellung pflegte er längere Zwiegespräche zu führen oder ernste Ermahnungsreden an Heinrich zu halten.
"Aber, Freund Heinrich," fuhr er fort, "bildet Euch nur nicht ein, Ihr mit Eurem Briefe hättet den Wenden hieher citirt! Wenn Ihr das glaubt, so tut Ihr Sünde, sag' ich Euch! Dass Jan Sloboda noch lebt und dass Euer Brief wirklich in seine hände kommen muss, noch mehr, dass, der alte Mann auf Eure Krakelfüsse hört und spornstreichs hundert und so und so viel Meilen herkutschirt, endlich Euch gar bei dem alten Götzendieneraltar trifft und Euch flugs erkennt; das, seht Ihr, das ist Gottes allmächtige Fügung! Und weil's justement so gekommen ist und auch kein Stäubchen anders, darum und dessentwegen glaube ich und will's gegen eine Million behaupten, dass Eure Sache gerecht ist und einen gott- und menschengefälligen Fortgang haben wird."
"natürlich, natürlich!" sagte der Schulmeister, seinen langen Rohrstock mit dem glänzenden Silberknopfe bald mit der linken bald mit der rechten Hand zwischen den Beinen drehend.
"Gottgefällig ist sie zuverlässig," erwiderte Heinrich, ein neues Fellchen aufleimend, "den Menschen wird aber, sollt' ich meinen, ihr glücklicher Fortgang verdammt viel Herzeleid machen. Ihr könnt dann gelegenheit haben, Freund Schlenker, Eure Gebete an den Mann oder vielmehr an den lieben Gott zu bringen, denn an Flüchen, die auf Vergebung harren, wird kein Mangel sein. Da kenne ich meine Leute zu gut!"
"'s Ist gar mit tausend Schrecken, was Ihr für ein gottvergessener Spötter seid!" sagte Schlenker. "Manchmal mach' ich mir ordentlich ein Gewissen darüber, dass ich mit Euch umgehe, zumal vor dem Einschlafen, wo einem die unrechten Gedanken am ärgsten zusetzen."
"Setzt Euch lieber die Schlafmütze auf," erwiderte der Maulwurffänger. "Das hält warm und soll ein vortreffliches Mittel sein, einen gesunden und dauernden Schlaf herbeizuführen."
"natur, ganz natur!" meinte Gregor. "Also heute kommt der wendische Mann, der so viel erfahren hat!"
"Heute, wenn Du's erlaubst, Bruder Schulmeister. Ich habe ihn zu mir eingeladen sammt seinem Enkel und schon mit eigenen Händen die Betten für sie aufgeschlagen. Mich wundert's, dass sie noch nicht hier sind! Wie weit, Bruder, bist Du mit der Auszeichnung dieser verwickelten geschichte?"
"Ich simulire schon geraume Zeit, wie ich das zuletzt Vernommene schicklich in Worte fasse. Es ist ein wichtiger Casus, höchst wichtig und für ein Chronikon wie geschaffen. Ich werde noch eine Nacht dem angestrengtesten Nachdenken opfern."
"Mach's, wie Du willst, nur vergiss nichts Hauptsächliches."
"natürlich, natürlich! Alles Hauptsächliche ist natürlich."
"Kann sein, bei Euch Schulmeistern, bei uns andern Menschen ist das Hauptsächliche manchmal ganz verflucht unnatürlich! Wer's nicht glauben will, der denke doch nur an diese vermaledeite Grafengeschichte! Du weisst es ja so gut, wie ich, Bruder Gregor!"
Der Schulmeister wollte auf diese Bemerkung eigentlich bloss mit einem beistimmenden Kopfnicken Antwort geben, es fuhr ihm aber doch unwillkürlich ein höchst überflüssiges "ganz natur" heraus, worauf er seine Miene wieder in die würdevollsten Lehrerfalten zu legen suchte.
Schlenker, der sich über die Antwort Gregors höchlichst verwunderte, konnte sein Staunen ebenfalls nicht bemeistern und rief sein ihm sprichwörtlich gewordenes "'s ist gewiss und wahrhaftig mit tausend Schrecken!" was denn dem Maulwurffänger Veranlassung gab, mit der ironischsten Betonung, die ihm zu Gebote stand, und mit jenem vergnüglichen lachen, das nie laut ward, sondern in der Kehle wieder erstarb, zu beteuern, es sei wirklich mit tausend Schrecken! –
In diesem Augenblicke klingelte messingbeschlagenes Riemenzeug vom Wege her, drei muntere kleine polnische Pferde kamen in schnellem Trabe auf das Haus zu, dessen Maulwurf am Giebel schon von weitem zu erkennen war, und rissen das ärmliche Judenfuhrwerk so schnell über die steinige Strasse, dass die Speichen in den Felgen seufzten und ächzten.
"Da kommen sie!" sagte Heinrich in seiner gemütlichen Ruhe und legte das beinahe fertige Blaserohr weg. "Ich bitte' Euch, Schlenker, fallt mir den Alten nicht gleich mit Euern frommen Redensarten an, dass er nicht denkt, er komme in ein Brüderhaus, und Du, Bruder, lass die steifen Complimente sein! Das dumme Zeug taugt nichts."
"Disciplin, bloss Disciplin," sagte Gregor höchst bedächtig