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die mir wie ein ganz aparter Menschenschlag erschienen. Wenn sie Arm in Arm über den Marktplatz zogen oder gar daselbst schlugen und zuletzt an langen Tafeln commerschirten, staunte ich sie und ihr wundersames Treiben wie Meerwunder an. Niemand hätte mich bewegen können, einen dieser jungen meist bärtigen und dazu abenteuerlich gekleideten Männer anzureden. Ich verehrte sie viel zu sehr, als dass ich hätte glauben mögen, so gewaltig einherschreitende Männer würden die Frage eines so unscheinbaren armen Mädchens, wie ich damals wirklich war, beantworten.

Wochen und Monate blieb es auch in der Tat bei blossem vergnüglichen Anstaunen. Nach Jahresfrist war ich aber bedeutend grösser und voller geworden und nun richteten die jungen Leute ihre Blicke auf mich. Es dauerte gar nicht lange, so redete mich Einer und der Andere an, scherzte mit mir und lachte über mein Stammeln und Erröten. Betrat ich Abends den Markt, so begleiteten sie mich in Masse unter dem Vorgeben, mich zu beschützen, und mehrmals, wenn ich mich dankend an der Tür meiner herrschaft gegen sie verbeugte, liessen sie mich hoch leben. Obwohl solche Aufmerksamkeit meiner erwachenden Eitelkeit schmeichelte, erschreckte sie mich doch auch, um so mehr, als meine herrschaft mich ernstlich bat, der wilden zügellosen Jugend keinerlei Anlass zu fortgesetzter Huldigung zu geben. Dies fiel mir nun zwar nicht ein, so wenig, als ich mir in meiner Unschuld irgend etwas dabei dachte, nur fand ich bei häufigerem Beschauen meiner person im Spiegel, dass ich nicht garstig sei, und seit dieser unglücklichen Entdeckung verwandte ich weit mehr Sorgfalt auf meinen Anzug, als bisher. Fast alle meine kleinen Ersparnisse, von denen ich bereits Einiges nach dem Vorbilde meiner älteren Schwester den älteren hatte zufliessen lassen, zehrte der Ankauf neuer und modischer Kleidungsstücke auf.

Ein in dem muntersten Tone geschriebener Brief Teresens meldete mir bald darauf, dass sie ebenfalls nach Jena kommen würde und wir fortan ein recht geschwisterliches Leben zusammen führen wollten. Meine Freude war sehr gross. Ich konnte Teresens Ankunft kaum erwarten und wusste mich nicht zu fassen vor innerlicher Glückseligkeit, als ich die geliebte Schwester nun wirklich in meine arme schloss.

Terese war in den letzten beiden Jahren sehr schön geworden. Sie konnte mit ihrem tadellosen Wuchse, dem schönen Blond ihrer weichen Haare und dem feurigen Ultramarinblau ihrer länglichen Augen unter so vielen jungen Männern nicht unbemerkt bleiben. Schon nach Verlauf einiger Tage sprach man nur von dem schönen Dienstmädchen, hatte ermittelt, dass es meine ältere Schwester war, und begann nunmehr in galantester Weise vollkommen Jagd auf sie zu machen. Ich erschrak bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge, nicht weil ich mich im Augenblick vernachlässigt sah, sondern weil ich für meine Schwester fürchtete. Diese hatte aber während ihrer mehr als vierjährigen Dienstzeit die Welt und das Gebahren der jungen Männer hinlänglich kennen gelernt und wusste die Zudringlichsten und Kecksten mit erstaunlichem Tacte in gehöriger Entfernung zu halten. Es fehlte ihr nie an den schärfsten und treffendsten Entgegnungen auf kecke oder gar zweideutige Anfragen, und so wusste sie sich denn inmitten einer Unzahl von Anbetern vollkommen sicher.

So verstrich wieder mehr als ein halbes Jahr. Wir Schwestern lebten in freien Stunden viel zusammen, sendeten so oft wie möglich Botschaft an unsere älteren und erhielten dergleichen wieder zurück. Es hatte ganz den Anschein, als sei uns das Glück nicht abhold. Da bemerkte ich, dass Terese, die von natur lebhafter und gesprächiger war, als ich, immer stiller wurde und oft sinnend vor sich hinstarrte. Ich beobachtete sie wochenlang, ohne nach dem grund zu fragen, schlich ihr unbemerkt nach, wenn sie am dunklen Abend zu mir kam und wieder nach haus ging, und entdeckte einen ihrer harrenden Begleiter. Es war ein hoher, schöner Mann, wie ich späterhin hörte, ein Lievländer, von adliger Geburt und sehr reich. Bei dieser Entdeckung fielen mir zum ersten Male wieder die Worte der hässlichen Korbmarta ein und eine peinigende, nicht mehr von mir zu wälzende Angst schnürte mir das Herz zusammen. Ich entschloss mich, meine Schwester in teilnehmendstem Tone auszuhorchen, zur Rede zu setzen und sie zu warnen.

Die gelegenheit fand sich schon am nächsten Abend, wo ich Terese mit ihrem Galan auf der Hausflur in zärtlichster Umarmung überraschte. Der Lievländer verliess die Erschrockene mit einem Scherze, wobei ich selbst auch etwas abbekam, und wir hatten nun Musse, uns nach Herzenslust gegenseitig auszusprechen. Meine sehr eindringliche Rede hörte Terese mit tiefem Schweigen an. Sie rechtfertigte sich nicht, sie versuchte es auch später nie; sie hörte mir gesenkten Kopfes zu und seufzte nur. Als ich endlich ausrief: Bedenke, gute Schwester, dass ein reicher Baron so weit her Dich, ein armes Dienstmädchen, nie heiraten wird, da fiel sie mir laut schluchzend um den Hals, küsste mich inbrünstig und drängte mich dann aus der Tür, die sie rasch hinter sich verriegelte.

Nachdenklich ging ich heim. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zutun. Sollte ich die älteren von der Neigung Teresens benachrichtigen oder dieselbe verschweigen? Darüber zerbrach ich mir den Kopf, bis ein wüster Schmerz mich befiel. Um die Schwester nicht gar zu sehr zu betrüben, schwieg ich und beschloss, ferner nur im Stillen aufzupassen. Dies fruchtete jedoch nichts. Terese liess sich nicht mehr überraschen, blieb aber still und sinnend, wie zuvor. Ob sie noch mit dem Lievländer umging oder um ihn trauerte, konnte ich damals durchaus nicht erraten. Mit schwesterlichem Bedauern bemerkte ich nur, dass die Liebende bleicher und immer bleicher ward, und