Kleider haben von halbseidenem Zeuge."
"Ach Marta, das wäre schon Alles recht gut, aber bedenkt nur die Verführung in den Städten! Die jungen Herren laufen da jedem frischen Dinge nach, das ein paar rote Bäckchen und muntere Augen aufzuweisen hat, und wie bald lässt sich da solch ein unerfahrenes Kind durch schöne Worte betören! Nein, nein, Marta, da will ich mir lieber den Bissen vom mund abdarben, ja, wenn es sein muss, hungern, bis mich Gott in seiner Barmherzigkeit ausspannt! Nur mein Kind nicht dem Bösen Preis geben!"
Die Botenfrau lachte hellauf, trat meiner Mutter ein paar Schritte näher und sagte verächtlich:
"Käte, Ihr seid eine Närrin! – Teufel noch 'mal, in welcher Zeit denkt Ihr denn, dass wir leben? Wir sind heutigen Tages aufgeklärter, wie vor vierzig Jahren; wir haben begreifen gelernt, dass man dem Glück die Hand reichen muss, will man es auf dieser Welt zu etwas bringen! Törin, die ich war! Hätte ich's Zugreifen verstanden, wer weiss, ob ich nicht jetzt Frau Soundso wäre! O, ich wüsste zu erzählen, wenn ich nur wollte, aber das ist vorüber und darum mag ich nicht weiter daran denken. – Dagegen, was Eure Rese anlangt so rate ich Euch nochmals, tut sie fort und zwar in die Stadt. Sie kann erst als Kindermädchen ziehen, damit sie sich benehmen lernt. Da hat sie nicht viel zu tun und doch gelegenheit, sich bekannt zu machen. Nun, und begegnet ihr, was Ihr alte Närrin ein Unglück nennt, so bringt sie das erst recht unter die Leute und macht ihr Glück. Sie entwöhnt ihr Würmchen und zieht als Amme. Da hat sie's besser, wie ich und Ihr zusammen, kriegt Bier, so viel sie trinken will, und zu essen vollauf, und spielt die herrschaft, so oft sie Lust hat; denn um dem kind nicht zu schaden, tut man ihr schon allen Willen. Ich kenne das!"
"Pfui, schämt Euch, Marta!" entgegnete entrüstet meine Mutter. "Das sind ja, verzeih' mir's Gott, Vorschläge, als hätte sie der leibhaftige Satan erfunden und Euch auf die Zunge gelegt! Nicht zufrieden gäb' ich mich, brächte eine meiner Töchter solche Unehre auf unsern unbescholtenen Namen!"
"Nun dann betet und hungert oder geht zu guter Letzt betteln!" sagte mit recht höhnischem Tone die Botenfrau, "denn dass es über kurz oder lang kein anderes Ende mit Euch nehmen kann, das sieht doch Jeder ein. Und dann werdet Ihr Eure glatten Püppchen noch selbst feilbieten wie frischgebackene Pfannkuchen. Gute Nacht und 'was Warmes zum Abendessen, wenn Ihr ein Stöckchen Holz im haus habt!"
"Damit setzte die Korbmarta ihren Stecken fürbass und wackelte langsamen Schrittes nach dem rauschenden Buchenwalde, der in geringer Entfernung die Hütte meiner älteren umschloss."
"Ich hatte aus dem Fenster meiner Dachkammer diese ganze Unterredung mit angehört und konnte mich nicht genug wundern, dass meine so treffliche Mutter den Ratschlägen Martas nicht folgen wollte, die mir eben so annehmbar und klug erschienen, als die Frau selbst mir zuwider war. In meinem kindischen Unverstande zürnte ich der Mutter, die regungslos vor dem Häuschen sitzen blieb und still bittend Gott um Rat und Rettung flehte. Das leise Zittern der festgefalteten hände sagte mir dies, so wie die einzelnen Tränen, die in grossen Tropfen über die eingefallenen, vom Kummer durchfurchten Wangen liefen. Mich hatte das Wort Stadt bezaubert und ich gelobte mir in kindischer Einfalt, sobald es meine Kräfte erlauben würden, als dienende Magd vom einsamen Walddorfe in die lustige, unterhaltende Stadt zu ziehen.
Ehe ich allen Ernstes an Ausführung dieses flüchtigen Einfalles denken konnte, schritt der fürchterlichste Feind des volkes, der ausgelassenste Lästerer aller Tugend und Sitte, die Not der Armut, eigenmächtig ein und zwang die bekümmerten älteren, ihre Kinder mit eigener Hand aus dem haus zu stossen. Es war eingetroffen, was die Korbmarta vorausgesagt hatte. Mir mussten langsam Hungers sterben, trennten wir uns nicht freiwillig. Dem unerbittlichen Geschick gaben die älteren nach. Meine Schwester Terese musste ziehen, und weil die harte Arbeit bei den Bauern von ihr nicht hätte verrichtet werden können, brachte sie die Mutter selbst nach Erfurt. Sie fand bei sehr braven Leuten ein anständiges Unterkommen und gefiel sich wohl. Ich blieb einstweilen noch bei den älteren, da ich noch zu unselbstständig war, um mir durch Dienen mein Brod verdienen zu können.
Von Zeit zu Zeit, vierteljährig wenigstens einmal,
besuchte uns Terese und an ihrem Benehmen, an ihrer Kleidung und heiterm unbefangenen Wesen erkannte ich mit inniger Freude, dass die Botenfrau die Wahrheit gesagt habe. Seitdem fasste ich eine Art Zuneigung zu dem hässlichen weib, die ich ihr durch freundliches Grüssen oder Darreichung eines frischen Trunkes zu erkennen gab, wenn sie vorüber ging oder auf der Bank vor unserm Häuschen kurze Zeit ausruhte.
Nach drei Jahren vertauschte Terese Erfurt mit
Weimar. Zugleich kam ich als Laufmädchen in ein Haus nach Jena. Lieber wäre ich ebenfalls nach Weimar gezogen, um die Schwester stets um mich zu haben und von ihr manchen Wink in den neuen ungewohnten Verhältnissen zu erhalten. Es fand sich jedoch keine passende gelegenheit, und so war ich denn auch mit Jena zufrieden. Das Leben in dem kleinen Orte machte mir grosses Vergnügen. Besonders war ich den Studenten sehr hold,