wohl gut und wünschenswert, dass man das Volk der alten Fesseln entledige, dass man es aufkläre, nur den Glauben an Gott und sein religiöses Bewusstsein nehme man ihm nicht!"
Bianca schwieg sinnend. Sie hatte sich so ereifert, dass ihr Busen heftig wogte. Aurel betrachtete sie verwundert. Welche Wege musste dies Mädchen gegangen sein, dass es solche Ansichten gewonnen, über so wichtige, die Zeit bewegende fragen nachgedacht hatte? Nur grossem, ausserordentlichem Unglück oder dem Umgange mit gebildeten Männern konnte sie diese Aufklärung verdanken. Seine Neugier steigerte sich.
"Und Ihre älteren, Bianca?" fragte er sanft, um die in sich Versunkene wieder zum Reden zu bringen.
"Meine älteren!" seufzte die Verirrte und schlug die grossen melancholischen Augen wie fragend zum Himmel auf. Dann begann sie wieder:
"Mein Vater betete also und suchte die Arbeit seiner hände durch Absingen frommer Lieder zu fördern. Halbe Nächte hörte ich seine wohllautende, nur häufig von Tränen halb erstickte stimme, wenn ich frierend mit meiner älteren Schwester auf gemeinsamem Lager den Schlaf nicht finden konnte. Was ich von guten Liedern noch weiss – so nennt das ehrliche Volk die Kirchengesänge – das habe ich in jenen Nächten gelernt, wo der arme Vater auf Gott vertrauend für uns arbeitete. Leider blieben mir nur die Worte im Gedächtniss, Sinn und Bedeutung derselben gingen mir verloren!"
"Meine um einige Jahre ältere Schwester hatte um diese Zeit ihr sechzehntes Jahr erreicht, war hübsch, von gutem Wuchs und freundlichem Betragen. Jedermann fand an ihr Gefallen und hatte sie gern, und da unsere höchst missliche Lage kein geheimnis war, so würde es Niemand den älteren verdacht haben, wenn sie die Schwester in die Dienste Fremder hätten treten lassen. Der Vater wollte dies aber nicht, einmal, weil die Schwester der schon hinfälligen Mutter zur Hand gehen und mich gelegentlich auch beaufsichtigen konnte, und sodann, weil das hübsche Kind für Bauernarbeit zu schwächlich war. So blieben wir denn beisammen, bis ein eigener Zufall uns trennte und unser Aller Unglück herbeiführte. Dieser Zufall war ein Gespräch meiner Mutter mit einer Frau von einem nahen Gebirgsdorfe, die als Botenweib häufig in die belebten Städte, namentlich nach Erfurt und Weimar ging und von dort nebst allerhand Neuigkeiten auch sehr freie Ansichten mit in unsere stille Waldeinsamkeit zurückbrachte. Ein Ungefähr machte mich zum Zeugen dieses charakteristischen Gesprächs, das ich damals leider nicht verstand! Vielleicht wäre sonst Alles anders und besser gekommen."
"Die Mutter kehrte aus dem wald zurück mit einem Bund Schachtelholz, das sie vom Förster auf Credit für den fleissigen Vater geholt hatte. Müde vom scharfen Gehen setzte sie sich vor der Tür auf die Bank, legte das Holzbündel an die Erde und sah den goldenen Wolken, die von Abend her gleich beschwingten Engeln langsam über die blauen Berge schwebten, mit gefalteten Händen nach. Da ging die Botenfrau vorüber und grüsste die Mutter."
"Guten Abend, Käte! So andächtig? Und seht doch aus, als hättet Ihr in acht Tagen kein warmes Gericht mehr nur von weitem gerochen? Wie möchte ich mich nur so placken für nichts und wieder nichts!"
Dabei blieb sie wenige Schritte von der Mutter stehen, stemmte sich mit beiden Händen auf ihren langen Stock und heftete ihre falschen grünlich-grauen Augen fest auf meine betende Mutter. Ich fürchtete mich immer vor diesem langen, hagern weib mit dem braunen, von zahllosen Runzeln bedeckten Gesicht, in dem die falschen Augen wie grüne Flammen brannten. Im Allgemeinen war das Weib beim volk seiner Klugheit und seines körnigen Witzes wegen beliebt, auch konnte ihr Niemand offenbare Schlechtigkeiten nachsagen.
"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" entgegnete meine Mutter. "Ihr kennt ja den Spruch, Korbmarta!" So hiess man nämlich ihres übergrossen Tragkorbes wegen die Botenfrau. Indem hüpfte meine Schwester aus der Hütte, um wasser im vorüberrauschenden Bache zu schöpfen. Korbmarta sah ihr nach und blickte dann noch lebhafter auf meine Mutter.
"Ist das Euere Tochter?" fragte sie, den Stecken aufhebend und nach der Schwester zeigend.
"Ihr wisst es ja," sagte die Mutter. "Gott erhalte sie mir nur gesund! Das liebe Kind ist meines Mannes Augapfel."
Die Botenfrau schüttelte den Kopf, und als meine Schwester im haus wieder verschwunden war, sagte sie:
"Käte, Ihr verdientet gradezu Hungers zu sterben für Eure Unvernunft! Warum füttert Ihr das Mädel wie ein Wickelkind? Sie könnte ja, weiss der Herr, von der Mutter weg flugs heiraten, wenn sie Groschen hätte! Wäre die mein, die müsste dienen, und Ihr werdet recht wohl tun, Käte, wenn Ihr die hübsche Blitzkröte lieber heute als morgen fortschafft und ein Maul weniger zu füttern habt."
"Lieber Gott," versetzte meine Mutter traurig, die hände immer wie zum Gebet verschlungen, "wohin soll ich sie denn bringen? Sie ist schwach und zart, und die Bauern mögen sie nicht."
"Wer spricht denn von groben Bauern," fiel die Botenfrau ein. "Ein Mädel, so nett und flink und schelmisch, wie Eure Rese, muss in die Stadt. Solche Waldforellen hat man da gern. Die werden Euch dreimal so teuer bezahlt, wie das plumpe Volk, und hat sie erst ein halbes Jahr gedient, dann sollt Ihr Eure Freude an dem Mädel sehen, wenn sie Euch 'mal besucht. Wie eine Bürgermeisters-Tochter wird sie einhergehen und