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alle Sorgen, die ihn wiederholt den Tag über gequält hatten.

"Sie haben länger auf sich warten lassen, als ich von einem Schiffskapitän besorgen konnte," sagte Bianca mit einem reizenden Lächeln. "Ich hatte nicht übel Lust, Sie den zahllosen vornehmen Lügnern beizuzählen, die uns armen, unerfahrnen Kindern so gefährlich werden."

"Dass Sie es dennoch nicht getan haben, spricht für die Reinheit Ihres Herzens."

Bianca schüttelte recht melancholisch ihr schönes Haupt. "Spotten Sie nicht, Herr Kapitän," versetzte sie wehmütig, "ich weiss ja doch, dass solche Worte mit Ihrer überzeugung nichts zu tun haben."

"Würde ich Ihnen gegenüber sitzen, wenn ich spotten wollte? Und trauen Sie mir zu, dass ich überhaupt fähig sein könnte, Scherz zu treiben mit dem Unglück? O nein, Bianca, so herzlos hat mich die Welt noch nicht gemacht! Reine Teilnahme, vielleicht auch ein wenig Ihre Schönheit fesseln mich an Sie, und ich bitte jetzt, wo sich Niemand um unser Geplauder bekümmert, lösen Sie nunmehr Ihr verpfändetes Wort! Haben Sie dann nur Zutrauen zu mir und meiner Redlichkeit, so darf ich Ihnen wohl jetzt schon die Versicherung geben, dass Ihre Lage eine andere, bessere werden wird, wenn anders Sie selbst nur Mut und Entschlossenheit genug besitzen, unwürdige Fesseln rücksichtslos abzuschütteln."

Den schönen, von schwarzen glänzenden Locken umflatterten Kopf gesenkt, schwieg Bianca geraume Zeit. Dann erwiderte sie mit niedergeschlagenen Blicken:

"Vielleicht finden Sie mich weniger verdammenswert, wenn ich Ihnen, so weit ich mich noch auf Tatsachen besinnen kann, meine Jugendgeschichte mitteile. hören Sie denn und brechen Sie, bin ich zu Ende, den Stab über mich, wenn Sie sich dazu für berechtigt halten sollten!"

Es trat abermals eine Pause ein, während der Aurel nur mit Blicken das schöne, so tief betrübte und unglückliche Mädchen zu bitten wagte. Bianca begann:

"Meine Heimat ist das herrliche sagen- und poesiereiche Bergland Türingen. Dort ward ich von sehr armen älteren geboren, deren einziges und dabei grösstes Gut ihre beispiellose Genügsamkeit war. Mit einer dürren Brodrinde und einigen wässrigen Kartoffeln waren sie zufrieden, wenn der schmale saure Verdienst ihnen nichts Besseres gewährte. Ich habe, so lange ich die väterliche Hütte bewohnte, meine älteren über das jammervolle Lebensloos, das ihnen zugefallen war, niemals murren, Andere, die reich gesegnet waren mit Glücksgütern, nie beneiden hören. Immer fand ich sie fleissig vom ersten Morgensonnenstrahl bis tief in die Nacht hinein, immer fromm und dankbar gegen Gott für Gutes und Böses, das sie betraf. Mein Vater tagelöhnerte, als er noch kräftig war, später musste er diesen Erwerbszweig aufgeben, da ein unglücklicher Sturz vom Firsten eines Bauernhauses ihn schwer beschädigt hatte. Er suchte sich nun kümmerlich durch Schachtelmachen zu nähren, eine Kunst, mit der er sich in früher Jugend bekannt gemacht und einige Zeit abgegeben hatte. Das war aber ein so wenig einträgliches Geschäft, dass wir allesammt auch bei grösster Einschränkung kaum ein kummervolles Leben elend hinfristen konnten. Der Vater sah dies wohl ein, allein es zu ändern stand nicht in seiner Macht, und so half er sich selbst über die trübsten und schwersten Stunden mit Beten und Singen hinweg."

"Sie lächeln vielleicht, Herr Kapitän, über die kindische Torheit eines alten simplen Mannes," fuhr Bianca fort, indem sie einen forschenden dunkeln blick auf ihren Zuhörer fallen liess, "und doch ist dies treue Festalten an Glaube, an Sitte und Religion das einzige unentreissbare Gut des Armen. Unsere Zeit spottet freilich darüber und möchte gern allen Glauben aus dem Herzen des Volkes reissen. Unsere Jugend höhnt und lästert Gott aus überzeugung und brüstet sich mit Verachtung aller Religion, ja sie behauptet wohl gar, wie ich oft genug zu hören gelegenheit hatte, so lange man Glaube, Religion und Gott nicht abschaffe, könne es auf Erden nicht besser, könne das Volk nicht frei, nicht glücklich werden! Manche habe ich sogar behaupten hören, unter allen Sclavenketten, welche die gedrückte und misshandelte Menschheit mit sich herumschleppe, sei die furchtbarste jene unsichtbare und grauenvolle, die vom sogenannten Himmel stamme und den demütig Gläubigen zum willenlosen Werkzeuge eines hohlen Wahnes mache! – Möge mir der Ewige verzeihen, dass ich bei Anhörung solcher Worte und gespräche selbst häufig Stunden hatte, wo ich mich zu diesem fürchterlichsten aller Glauben hinneigte! Sie gingen vorüber und mild, wie duftiger Abendwind von den Bergen meiner Heimat, berührte wieder der schlichte altväterische Glaube meiner armen älteren mein angstvoll schlagendes Herz. Ich armes Mädchen will Niemand richten, da ich selbst der Schonung und Nachsicht so sehr bedarf, aber aussprechen muss ich es, Herr Kapitän, dass der arme, der Darbende, der Unterdrückte ohne sein Festalten an den Ueberlieferungen der Religion entweder wahnsinnig oder zum wütenden Tiere werden müsste! Nur der Glaube und die Verheissungen des Glaubens lassen ihn den Jammer eines langen Lebens standhaft ertragen! Nur aus ihnen schöpft er die kargen, minutenlangen Freuden, mit denen er wie mit dem Schein einer geheiligten Lampe sein in ewige Finsterniss gehülltes Leben auf Augenblicke erleuchtet! Nur der Kraft dieses Glaubens verdankt er selbst sein sittliches Dasein, verdankt die Welt ihr geordnetes Fortbestehen! Könnten jene Verhöhner aller Religion, die schreiend ihre Fahnen entfalten über den Häuptern der Armen und die flatternden Fetzen Paniere der Freiheit nennen, könnten diese das darbende Volk zu ihrem Unglauben bekehren, dann würde man rettungslos den Untergang der Welt hereinbrechen sehen! Es ist