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der Freundin Rat zu befolgen, bat nochmals dringend, das aus den Händen des Wütrichs befreite Mädchen mütterlich wohlwollend aufzunehmen, und begab sich, während die witwe in das Zimmer ihrer Dienerin trat, wo Elwire bisher gewartet hatte, sogleich auf den Weg.

Es blieb dem Kapitän hinlängliche Zeit, mit sich selbst zu Rate zu gehen, da jene Tavernen, wo der gemeine Matrose in den Genüssen des Lebens auf dem festen land schwelgt, erst in den späteren Abendstunden besucht werden. Teils, weil Aurel wenig Geschäfte zu besorgen hatte, teils, weil sie ihm verhasst waren, ging er gassauf, gassab, diesmal nicht der bittenden Mädchen achtend, die mit ihren Blumensträussern vor und neben ihm hertanzten. Er schlug den Weg nach dem Baumhause ein. Dort konnte er hoffen, zahlreiche Bekannte zu treffen, vielleicht auch waren neue Schiffe eingelaufen, deren Kapitäne interessante Nachrichten aus ferner Welt mitbrachten. Was draussen jenseit des Meeres, was im farbigen Süden Europa's oder unter der glühenden Sonne des Aequators vorging, das zog ihn mehr an, als die heimische nach kleinem oder grossem Gewinn atemlos rennende Welt.

Das Baumhaus war sehr besucht. Schiffsmäkler und Kapitäne aller Länder sassen in Gruppen um kleine Tische, assen frische Austern, Lachs oder Caviar und tranken dazu heisse spanische Weine. Die Conversation ward fast in allen Sprachen geführt, doch herrschte das Englische entschieden vor. Neben einigen Bekannten nahm Aurel Platz, bestellte ein Frühstück und las die neuesten Schiffsnachrichten im Correspondenten. Dabei horchte er zuweilen auf die gespräche der zunächst Sitzenden, ohne selbst teil daran zu nehmen, denn er fühlte sich durchaus verstimmt.

"Bei Gott, das hätt' ich über dem neuesten Wirrsal beinahe vergessen!" rief er halblaut aus, als sein blick auf die grossgedruckte Anzeige eines Concertes fiel, das Nachmittags im Elbpavillon gehalten werden sollte.

"arme Verirrte," fuhr er fort, "mit welcher Verachtung würdest Du Dein eiskaltes Auge über das Gewühl der Männer haben gleiten lassen, wenn Du Dich von mir getäuscht gesehen hättest! – Aber mein Gott, was ficht mich denn eigentlich an, dass ich jetzt auf einmal allen Schutzlosen Schirm und Schild sein muss? Es ist komisch, bei Gott, und wenn ich noch ein paar Tage mit gleichem Glück so fortfahre, habe ich am Ende der Woche einen ganz hübschen Harem beisammen. Ich will vier und zwanzig Stunden im Mastkorbe sitzen, wenn ich weiss, was ich mit der blassen Brünette anfangen soll! Habe ich doch sogar ihren Namen vergessen! – Und zu welchem Zwecke will ich sie aufsuchen? Weil sie mir gefiel, mich reizte? Oder aus kindischer Neugier, um rührende Scenen aus ihrem Leben zu erfahren? – Pfui, Aurel! Streife diese ekle Hülle schändender Selbstsucht von Dir und lebe für gemeinnützige Zwecke! Das Mädchen hat meine Zusage, ich muss sie halten. Mag dann geschehen, was immer will, es kann doch unmöglich meine Unruhe noch vermehren."

Nachdem unser Freund einen so edelmütigen Entschluss gefasst hatte, verliess er das Baumhaus, da er die gewünschte Zerstreuung nicht fand. Mittlerweile war die Zeit der Börse beinahe herangekommen, die er mehr aus Gewohnheit als aus wirklichem Bedürfniss zu besuchen pflegte. Er ging daher nicht erst in seine nahe wohnung, sondern verfügte sich zuvörderst auf die Börsenhalle, wo sich um diese Zeit die Hamburger Kaufmannswelt versammelt. Hier und später an der Börse selbst fand Aurel so viel Unterhaltung, dass er momentan vergass, was ihn quälte und, weil er nicht daran gewöhnt war, ihm das Leben verbitterte. Auf dem platz zwischen Rataus und Bank mit einigen lustigen Freunden auf und abwandelnd, verging die Zeit in gewünschter Schnelligkeit, und als auch die Börse vorüber war und nun jeder seiner Wege ging, nahm Aurel die Freunde am Arm und zog sie mit sich fort, bis sie seinem Drängen nachgaben und ihm bei Tafel Gesellschaft zu leisten versprachen. Nun ward er wieder heiter, denn er wusste, dass ihm bei Gespräch und Wortwechsel keine Zeit übrig bleiben konnte, an die ärgerliche Angelegenheit früher zu denken, als es nötig sein würde. So zeigte der körperlich robuste, an die grössten Anstrengungen gewöhnte Kapitän, dass die geistige Lebenskraft von seinem sinnlichen, dem Genuss ergebenen Temperament weit überwogen wurde, und dass er bei all seiner Rüstigkeit doch eigentlich das verwöhnte Kind einer siechenden, matten und schlaffen Zeit war.

Das Diner verlängerte sich bis gegen Sonnenuntergang, so dass Aurel, der sich absichtlich nicht übereilte, erst bei grauer Abenddämmerung den Elbpavillon erreichte. Er wusste aus Erfahrung, dass um diese Zeit der Andrang Vergnügungslustiger am stärksten, das Gewühl in dem geräumigen saal des Etablissements so lebhaft sei, dass Keiner den Andern beachtete. Und unbeachtet wünschte er zu sein, wenn er mit Bianca zusammentraf.

Die rauschende Concertmusik hatte verhältnissmässig wenig Damen angelockt. Die Anwesenden verloren sich fast gänzlich unter den Hunderten von Männern, die in modernster Kleidung rauchend und sprechend den Saal und die Nebenzimmer anfüllten. Dieser Umstand erleichterte Aurel das Auffinden Bianca's. Er traf sie wirklich an dem angegebenen Orte, ein Sträusschen mit dunkelroter Nelke am Busen. An ihr vorübergehend winkte er ihr mit den Augen nach einem weniger menschenerfüllten Nebenzimmer. Bianca folgte und bald sassen der Kapitän und das Mädchen plaudernd wie alte Bekannte einander gegenüber. Aurel fand sie noch anziehender als in der vergangenen Nacht, und gefesselt von ihrem feinen Benehmen, das fern von aller Frechheit war, die so oft Geschöpfen dieser Art unwillkürlich anklebt, vergass er bald