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ist's, das ist's, was mich so tief bewegt!" rief Aurel aus. "Ich besitze den Ring meiner geliebten toten Mutterer gleicht diesem nicht im geringsten, die Wappenzier ausgenommenund nun muss ich solchen Fund bei solchem mann tun! Das ist entsetzlich!"

Madame Oehlers, die immer verwirrter wurde durch Aurels unzusammenhängende Aeusserungen, bat um genauere Angabe und Aussprache, wozu sich denn der Kapitän nach einigen abermaligen Abschweifungen verstand. Er teilte der aufmerksamen Freundin mit, was wir bereits wissen, und verriet ihr sogar den Ort, wo ihm weitere Auskunft von dem betrunkenen Trödler versprochen worden war.

"Und dies Alles muss Schlag auf Schlag schnell nach einander geschehen! Muss geschehen fast in dem Augenblicke, wo ich einen so beunruhigenden Brief von meinem Bruder aus der Lausitz erhalte!"

Da Madame Oehlers von diesem Briefe nichts wusste, fragte sie jetzt danach und Aurel teilte das Wesentliche seines Inhaltes ebenfalls der Freundin mit. "Muss dies ein einfaches Menschengehirn nicht verwirren?" sagte er, die Erzählung beendigend. "Bei Gott, ich bin ratlos, ratloser, als hätte die heftigste Sturzsee das Steuer meiner schönsten Brigg zerbrochen!"

Die witwe überlegte einige Minuten das Vernommene, dann sagte sie mit freundlicher Ruhe: "Halten Sie die beiden Greise, welche auf Boberstein bei Ihrem Bruder mit so wunderbaren Anforderungen erschienen sind, für Betrüger?"

"Anfangs lachte ich darüber, gnädige Frau, wie dies in meiner natur liegt, seit heute Morgen aber, wo dieser rätselhafte Ring in meine hände kam, nicht anders, als würfe ihn ein dunkles Verhängniss absichtsvoll vor mich hin, beunruhigt mich die Mitteilung meines Bruders. – Bedenken Sie selbst, wenn die tausend Schreckensahnungen auch nur in eine einzige entsetzliche Wirklichkeit zusammenliefen, wenn diese Wirklichkeit jetzt aus ihrem dunkeln so lange verborgenen Dasein auftauchte und als rächende Schrekkensgestalt vor uns träte und von den Kindern Rechenschaft forderte für die Missetaten des Vaters! – O ich bitte, erwägen Sie diese Möglichkeit und sagen Sie, ob ich dann nicht Ursache habe, ernst zu werden, zu schaudern und zu zittern?"

"Wer gibt Ihnen ein Recht, lieber Graf, sich mit so düstern Phantasien nutzlos zu peinigen?"

"Wer? – Mein Gott, Adrians Brief und meine Ahnung, seit ich diesen Ring gefunden! – Ich kann das Wort der Schrift nicht mehr aus meinem Gedächtniss verjagen: die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied!"

"Nehmen wir die Drohung in diesem göttlichen Wort nicht so gar wörtlich, lieber Freund," versetzte Madame Oehlers. "Wie vermöchten wir eine einzige Stunde ruhig zu leben, freudigen Herzens für der Welt Bestes zu wirken, wenn sich ein solch grässliches Gespenst in unserm geist fest einnistete. Wir sind freilich alle schwache, sündige Menschen, aber uns ist auch Vergebung verheissen, wenn aufrichtige Reue uns die Augen zum letzten Schlummer verschliesst."

"Mein Vater kannte die Reue nicht," sagte Aurel, sichtbar erschüttert. "Ich erinnere mich noch mit Entsetzen, obwohl ich damals noch ein leichtfertiger Knabe war, der letzten Tage seines Lebens. Er konnte nicht sterben, der arme! Seine Todesangst stieg bis zu wilder Raserei. Man musste ihn schliessen, um ihn nur bändigen zu können. So lag er drei Tage. Wir Kinder schlichen wohl hundert Mal an der Tür vorüber, die ihn unsern Blicken entzog, und flohen entsetzt, wenn wir das Klirren der Ketten, das hohle, dumpfe lachen, das Knirschen seiner Zähne vernahmen. Die letzten Stunden schlug er die Wände und die Luft mit seinen Ketten, indem er unbekannte Namen nannte, Geister Verstorbener, die ihm erschienen und mit denen er kämpfen musste. Ihren grausamen Umarmungen erlag er stöhnend, und röchelnd, wüste Flüche lallend, hauchte er seine gemarterte Seele aus! Man zeigte uns die Leiche nicht. Sie soll grauenvoll ausgesehen haben. Ganz in der Stille, ohne Begleitung ward sie beigesetzt. So befahl es der Arzt unddie Untertanen, sagte man! – Sind das nun wohl Erinnerungen, die mich beruhigen können?"

Obwohl Madame Oehlers von den Familienverhältnissen Aurels ziemlich genau unterrichtet war, hatte sie doch nicht über alle Epochen aus dem Leben des Grafen Magnus gleich ausführliche Nachrichten erhalten. Nach Aurels letzten Aeusserungen begann sie mit ihm besorgt zu werden, und konnte jetzt selbst nicht mehr das Bild eines langsam aus verschütteten Gräbern aufsteigenden Rachegeistes los werden. Um jedoch den heftig bewegten jungen Mann einigermassen zu beruhigen, riet sie ihm, vorläufig noch Alles für ein seltsames Zusammentreffen von Umständen anzusehen und ungesäumt dem Fingerzeige nachzugehen, den Klütken-Hannes ihm angedeutet hatte.

"Es ist höchst wahrscheinlich," sprach sie, "dass der widerliche rohe Mensch sich aus Rache, weil Sie ihn in seiner eigenen wohnung zum Sclaven Ihres Willens machten, einen so abscheulichen Scherz erlaubt hat. Dieser Ring kann Ihrer Familie gehört haben und verloren gegangen sein. Irgend ein Wanderer hat ihn gefunden und verkauft und so ist er von Hand zu Hand gegangen bis in den Keller dieses Trödlers. Dies Alles aber beweist noch nichts gegen Sie, gibt dem aus Polens Wäldern heimgekehrten alten Wenden, der mit einer Klage gegen das Haus Boberstein auftreten will, kein Fleckchen fester Erde, auf dem er fussen könnte. Forschen Sie also nach und Sie werden erheitert gestehen, dass Sie ein blosser Popanz erschreckt hat."

Dies leuchtete dem Kapitän ein. Er versprach