1845_Willkomm_143_152.txt

," gab Aurel zur Antwort. "Dieser Ring aber, den ich seltsamerweise bei Ihnen finden musste, beunruhigt mich und jagt tausend Gedanken im Sturm durch mein Gehirn. Er trägt das Wappen meines Hauses!"

Fünftes Kapitel.

Bianca.

Gefesselt von Elwirens Schönheit und ungewöhnlich erregt von dem zufällig gemachten Funde, begrüsste der Kapitän Madame Oehlers, die ihn mit mütterlicher Freundlichkeit empfing. Seine Schutzbefohlene hatte Aurel einstweilen einer Dienerin übergeben, da er es doch für nötig hielt, die ihm wohlwollende Dame vorher noch persönlich zu sprechen.

"Darf ich Verzeihung hoffen, gnädige Frau, Verzeihung für meinen Ungestüm?" sagte der junge Mann, sein feuriges Auge auf den immer sanften blick der witwe richtend.

"Gewiss, mein Freund," versetzte Madame Oehlers anmutig lächelnd. "Aber Sie geben mir Rätsel auf, Graf, und Sie wissen doch, dass sich meine unzulängliche Bildung nie entschiedener geltend macht, als wenn es dergleichen Geistesknoten zu lösen gibt."

"Haben Sie meine hastigen Zeilen erhalten?"

"Wie hätte ich Sie ohne dieselben so früh am Tage empfangen können!"

Aurel fühlte den zarten Verweis, der in dieser Antwort liegen konnte, erfasste die Hand seiner Freundin und erwiderte, indem er sie an seine Lippen führte:

"Nochmals Verzeihung, meine Gnädige, Verzeihung wegen meines Verstosses gegen alle Sitte! Ich konnte nicht andersein sonderbares Verhängniss zwang mich zu so ungewöhnlichem Schritte! O Gott, teure Freundin, Sie ahnen nicht, wie es in mir stürmt!"

Besorgt liess die Matrone einen forschenden blick über den Aufgeregten gleiten. "In der Tat, lieber Graf," sagte sie, "es muss Ihnen etwas höchst Seltsames begegnet sein, denn so tief ergriffen sah ich Sie noch nie! Reden Sie, ich bitte, und wenn irgend meine Vermittelung Ihnen Beruhigung verschaffen kann, so sichere ich Ihnen diese auf das bestimmteste jetzt schon zu."

Aurel drückte der menschenfreundlichen Frau dankend die Hand. "Von Ihrem Edelmut durfte ich dies erwarten," versetzte er etwas gefasster. "Gestehe ich es Ihnen denn, dass ich seit zwölf Stunden ein anderer Mensch geworden bin. Könnte ich Ihnen mit zwei Worten sagen, was mich bewegt und erschüttert, Sie würden mich eben so wenig wieder erkennen, wie ich mich selbst in diesem Augenblicke nicht kenne. Ich glaube, es wäre mir ein Leichtes, Einsiedler, Trappist oder gar Herrnhuter zu werden. Bei Gott!"

Madame Oehlers konnte ein feines Lächeln nicht ganz unterdrücken. "Das sind Einfälle eines heftig bewegten Gemütes, lieber Graf," gab sie zur Antwort. "Werden Sie ruhig, überblicken, überlegen Sie das Vorgefallene, und was Sie jetzt so gewaltig beunruhigt, wird spurlos wieder verschwinden. Ich fürchte, mein Freund, Sie haben in vergangener Nacht zu sehr geschwärmt," setzte sie leicht drohend hinzu.

"Soll ich läugnen, dass ich mit dieser Absicht mich in das Gewühl der Menschen stürzte?" entgegnete Aurel. "Wozu dies, da Sie mich, meine natur, meine Neigungen kennen. Rascher, flüchtiger Genuss ist das heitere Element, in dem ich mich am liebsten bewege; mannichfachste Abwechselung verlangt mein schnell verzehrendes Temperament, und wenn ich ihm solchen verschaffe, so folge ich nur der stimme der natur, die laut fordernd stündlich an mich ergeht. Das Naserümpfen prüder Schönen und pedantischer Minutenmenschen kümmert mich nicht! Die See mit ihrem Wellengebrause und Sturmesdonner hat alle kleinliche Rücksichtnahme aus meinem geist weggefegt. Die Brust ist frei und stark, der Mut immer frisch und begehrend, warum also soll ich mich da nicht ganz so geben, wie ich nun eben bin und wie ich mich allein natürlich fühle? Aber diese Nacht hat mich so abgekühlt, als wäre ich ein halb Dutzend Mal gekielholt worden!"

"War das Mädchen, von dem Sie mir schrieben, eine so kühle Nymphe?" fragte Madame Oehlers.

"Foppen Sie mich immerhin, beste Freundin, Sie haben ein Recht dazu, wenn Sie nur gewähren, was ich fordere!"

"Lieber Graf," entgegnete die witwe, "Sie haben in dem edelmütigen Drange Gutes zu tun vielleicht eine Unbesonnenheit begangen, die ich, weil Sie so offen gegen mich sind, im Fall der Not mit auf meine schwachen Schultern nehmen will. Das Mädchen, das Sie so ausserordentlich aufgeregt hat, soll eine Mutter in mir finden."

Aurel atmete freier und ein unaussprechlicher blick innigsten Dankes brach aus seinem feurigen Auge. "Ich danke," sagte er gerührt, "mögen Ihnen diese zwei dürren Worte genügen! In späteren Tagen finde ich wohl schönere, klingendere Redensarten. Aber, beste Freundin, Sie haben mich in einem falschen Verdacht, wenn Sie glauben, es sei dies verlassene, gemisshandelte schöne Kind die Ursache, welche mir die Gedanken wie ein Wirbelwind rastlos durch das Gehirn peitscht. Das arme Mädchen interessirte mich, forderte meine Menschlichkeit heraus, aber was mich so krampfhaft durchschüttert, das ist etwas viel Geringeres."

"Vergeben Sie mir als Weib ein klein wenig Neugierde? Ich wage zu fragen."

Aurel zeigte auf den kleinen Finger seiner linken Hand. "Wofür halten Sie dies?"

"Ich denke für einen Wappenring, wie ihn Frauen tragen."

"Wie ihn Frauen tragen!" wiederholte der Kapitän und senkte nachdenkend das Haupt.

"Finden Sie dies so wunderbar? Oder führte Ihre verewigte Mutter bei Lebzeiten nicht einen ähnlichen Ring?"

"Eben das