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in den Bart.

"Vater," sagte Elwire, errötend, dass sie dem widerlichen, verworfenen mann diesen Namen geben musste, "erinnert Ihr Euch nicht mehr, wie Ihr zu diesem Ringe gekommen seid?"

"Wenn dem Herrn Kapitän an dem Goldreif so viel gelegen ist, was bietet er mir dafür?" fragte KlütkenHannes ausweichend.

"Es sind vier Wochen her, dass Ihr ihn im Kartenspiel gewannt. So wenigstens sagtet Ihr, als ich das Kleinod am Morgen in Eurer Rocktasche fand."

"Der Ring gehört mir," versetzte der Trödler trotzig, "und wer mir ihn gut bezahlt, soll ihn haben."

"Wer besass ihn vor Euch?" fragte Aurel. "Ihr seht, der Ring ist auf den Finger einer Frau gemacht."

Klütken-Hannes schlug ein rohes Gelächter auf. "Glauben Sie, ich sei allwissend?" sagte er. "Wahrhaftig, ich müsste ein Gedächtniss haben, wie der abgerichtete Elephant auf dem Berge, wenn ich all' das Lumpengesindel noch kennen sollte, von dem ich irgend einmal Sachen eingehandelt habe! Ich kaufe, was mir angeboten wird, im Fall ich es brauchen kann; wer es feil bietet, gilt mir gleich. Die Waare, nicht der Verkäufer ist es, mit der ich Handel treibe."

"Besinnt Euch, Klütken-Hannes! Wenn Ihr mir einen sichern Fingerzeig über den frühern Besitzer dieses Ringes geben könnt, so zahle ich Euch einen hamburger Taler mehr, als der Ring wert ist! Ihr habt nach Elwirens Behauptung den Schmuck im Spiele gewonnenund noch dazu erst vor vier Wochen! Das ist eine kurze Zeit. Ueberdies sieht man einem Spieler scharf in's Auge, prägt sich seine Gesichtszüge fest in's Gedächtniss, damit man bei gelegener Zeit Revanche von ihm fordern kann. Alles das habt Ihr unzweifelhaft aus natürlichem Instinct getan und mitin werdet Ihr, wenn Ihr nur wollt, mir Wohnort und Namen dessen nennen können, der über diesen Reif vor Euch als über sein rechtmässiges Eigentum verfügte."

"Lassen Sie doch 'mal sehen," sagte der Trödler, sieh an die Kellerwand lehnend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und streckte seine schmutzige Hand nach dem Ringe aus. "Wenn ich das Ding genau begucke, erinnere ich mich vielleicht. Ich habe viel solchen Quark erspielt und verwechsele oft eins mit dem andern."

Aurel liess den Ring in die Hand des Trödlers gleiten. Dieser besah ihn von allen Seiten, schüttelte den Kopf, kniff die feuchten, blutunterlaufenen Augen zu, als wolle er mit Gewalt aus dem Sumpfe seines Gedächtnisses etwas herauspressen, und schlug sich endlich mit geballter Faust vor die Stirn.

"Dummkopf!" rief er aus. "Warum konnte mir das nicht gleich einfallen!" – Und zu Aurel gewendet, fuhr er fort:

"Nun ja, Herr Kapitän, wenn Sie 'was dran wenden wollen als Trinkgeld, so denke' ich Ihnen die Wege zeigen zu können, auf welchen Sie den Bengel finden, der mir schon manchen Schilling abgenommen hat. Ist's auch Ihr Ernst?"

"Meine Hand darauf!"

"Am sichersten treffen Sie den Teufelskerl in der Mohrentaverne auf dem Berge," sagte Klütken-Hannes. "Dort hockt er alle Nächte am Spieltisch oder auf dem Orchester, um durch Betrug und Geigenspiel sich die Mittel zu verschaffen, seinen Leib mit der erforderlichen Ladung Grog versehen zu können. 's Ist ein lustiger, wilder Teufel, hundertmal reif für Galgen und Rad, aber die Hölle hält ihn warm und so lässt sie ihn hier seine Wirtschaft treiben, bis die letzte Scherbe zerbrochen ist."

"Sein Name?" fragte Aurel mit Heftigkeit.

"Im Kirchenbuche mag er wohl anders heissen, als in der Mohrentaverne," antwortete immer lachend der Trödler, "kann's also nicht beschwören, ob ich Ihnen den rechten Namen des alten Fuchses nenne. So lange ich ihn kenne und dann und wann mit ihm zusammen trank oder ein Geschäft abmachte, rief ihn der ganze Tross Blutrüssel."

"Das ist Alles, was Ihr von ihm wisst?"

"Wollen Sie mehr erfahren, Herr Kapitän, so gehen Sie in die Mohrentaverne und fragen die Matrosen. Antwort kriegen Sie mit Zunge oder Faust, darauf können Sie fluchen."

Aurel senkte einige Augenblicke nachdenkend den Kopf.

"Wäre es möglich!" sagte er halblaut zu sich selbst. "Sollten aus längst vergangener Zeit, die mein Auge nie sah, Geheimnisse auftauchen und ein trübes Element in mein bis jetzt so heiteres Dasein bringen? – Oder wäre es Täuschung, Betrug? – Wohlan, wie dem auch sei, es steht ein neues, interessantes, vielversprechendes Abenteuer in Aussicht und ich stürze mich ihm unbedingt in die arme."

Der Kapitän fragte nach dem Preise des Ringes, bezahlte ohne Widerrede die Forderung des Trödlers, legte das versprochene Trinkgeld dazu und bot dann abermals Elwire höflich seinen Arm, sie mit schnellen Schritten aus dem feuchten, dumpfigen Gange nach der nächsten Strasse geleitend. Hier wartete bereits ein Wagen. Der Kapitän nötigte das schöne Mädchen, einzusteigen, und nahm neben ihr Platz. Als der Wagen in raschem Trabe über das Pflaster rollte, fragte Elwire bescheiden den nachdenklich neben ihr Sitzenden, ob sie es sei, die ihn so wehmütig gestimmt habe?

"Sie, gute Elwire, machen mein Herz in frohen Pulsen schlagen