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, machen Sie sich

morgen vor Mittag auf einen Besuch gefasst, der Sie

überraschen wird, und vergeben Sie im voraus für

solche Ueberrumpelung und Erweiterung Ihres Fa

milienkreises

Ihrem unermüdlichen Kreuzer

Aurel."

"Was hältst Du davon, meine Tochter?"

Clara war noch weit ärgerlicher geworden. Sie kniff recht bitterböse den kleinen Mund zusammen und sagte, noch tiefer errötend: "Ich finde das Verlangen des Herrn Kapitäns über Gebühr ungezogen. Uns ein stockfremdes, vielleicht gar gemeines Mädchen aus freien Stücken ins Haus zu schicken! Manchmal scheint es wirklich, als leide der gute Mann an Verstandesschwäche."

"Verdamme ihn nicht, liebes Kind! Aus seinem Schreiben geht hervor, dass er eine gute Tat entweder getan hat oder doch hat tun wollen. Dies müssen wir vor Allem ins Auge fassen und darüber das Ungewöhnliche seines Verlangens vergessen. Lassen wir uns immerhin das Mädchen vorstellen, dem unser wackerer Kapitän seinen Schutz zugesagt hat. Entspricht sie unsern Erwartungen, so kann sie bei uns bleiben und Dir eine liebe Gefährtin werden; sollte sie unsere gewohnte Ordnung stören, uns überhaupt nicht gefallen, so wird es ja doch Mittel und Wege geben, für ein verlassenes geschöpf auf anständige Weise zu sorgen."

"Ich wette, dass es eine von den saubern Liebschaften des Herrn Kapitäns ist!" versetzte Clara, ein Stückchen geröstetes Weissbrod mit ihren Perlenzähnen zermalmend, um den aufkochenden Aerger besser verschlucken zu können. "Man kennt den Herrn von dieser Seite, und es wundert mich wirklich, liebe Mutter, dass Sie ihm noch nicht einmal recht tüchtig den Text gelesen haben. Sie könnten es am ersten, vor Ihnen hat er Respekt, und es ist doch wirklich gradezu ein Unglück und eine Schmach, dass ein so gescheidter, tüchtiger, liebenswürdiger junger Mann aus einer so alten und ehrwürdigen Familie sich und seine Ehre so ganz vergisst und wohl auch noch Andere obendrein compromittirt!"

"Auch die Sonne hat ihre Flecken, liebe Tochter," sagte die Mutter sanft und gelassen. "Kapitän Aurel ist gut, nur etwas flatterhaft; und das ist für einen Mann von Geist und Herz kein gar zu arger Fehler. Ueberdies sagt man ihm mehr Schlimmes nach, als er verdient. Weil er den Mädchen gefällt, verleumdet man ihn. Das ist so der Welt Lauf."

"Er wird nie ein Mädchen glücklich machen! Welch Frauenherz soll auch einem solchen Wüstling vertrauen!"

"Jedes, mein Kind, glaube mir! Man hat zahllose Beispiele, dass solche überlustige Kumpane die besten, treuesten, zärtlichsten und aufmerksamsten Gatten geworden sind."

"Es ist aber doch schlecht!"

"Man kann es nicht billigen, liebe Clara, allein man muss und darf es entschuldigen."

"Ich sehe den Kapitän nicht mehr an, wenn er nicht ein ganz anderer Mensch wird."

"Schwöre nicht darauf!" versetzte die Mutter lächelnd. "Man nennt uns nicht mit Unrecht das schwache Geschlecht. Ein Wort, ein blick, eine Bitte versöhnt uns schneller, als wir glauben, und häufig sind grade die Fehler der Männer die scharfen Angelhaken, an denen wider Willen unsere Herzen hangen bleiben. Wir können wohl den Hass der Abwechselung wegen und um uns selbst zu genügen bisweilen versuchen, zur Meisterschaft bringen wir es in ihm nie. Auch aus dem geringsten unserer Blicke leuchtet ein Versöhnungsfunke der vergebenden Liebe, die Gott in unser Herz gelegt hat! – Und was, mein Kind, was hat Dir der Kapitän getan, dass Du so gar böse auf ihn bist?"

Clara seufzte, bückte sich, als suche sie etwas am Boden, und trocknete sich verstohlen die Tränen ab. Es war keine Frage, sie liebte Aurel. Die scharfsichtige Mutter bemerkte wohl die heftige Bewegung ihrer Tochter, sie ignorirte sie aber, da sie eine Neigung weder nähren noch unterdrücken wollte, von deren Reife sie sich noch nicht überzeugt hatte. Eben wollte sie das abgebrochene Gespräch wieder anknüpfen, da trat der Bediente ein und meldete Aurel.

Clara stand schnell auf und ging in's Nebenzimmer. Madame Oehlers gab erlaubnis, den ungewöhnlich frühen Morgenbesuch einzulassen. –

Aurel war an diesem Morgen zeitig aufgestanden, hatte in grösster Eile gefrühstückt und sich dann unverweilt auf den Weg nach Klütken-Hannes Keller gemacht. Der Eingang zur Kellertreppe stand bereits offen und war jetzt mit einigen abgetragenen, stellenweise schadhaften Kleidungsstücken behangen, um Kauflustige anzulocken. Auf den obersten Stufen lagen Ringe, Schnallen, Ketten und andere Putzwaaren von unedlen Metallen in kleinen Körbchen zur Beschauung Vorübergehender bereit. Klütken-Hannes selbst sass am Fuss der Treppe auf einem wackeligen Rohrstuhle, rauchte aus kurzer Matrosenpfeife einen widerlich riechenden Tabak und schenkte sich aus einer schmutzigen Flasche in ein halbzerbrochenes Glas Genever, den er gierig hinunterstürzte. Sein freches, vertiertes Gesicht war aufgedunsen und verriet an den rötlichblauen Flecken, die es schmückten, den Säufer von Profession. Eine ungeheure Warze auf dem linken Backen, zerrissen und in den weisslichgrauen Spalten mit starken Haaren bewachsen, vermehrte noch die tierische Rohheit, die sich in der ganzen Erscheinung des Trödlers aussprach.

Als sich der Raum unter der Treppe durch Aurels Eintritt verdunkelte, warf Klütken-Hannes einen schielenden blick nach oben und goss sich dabei ein frisches Glas Genever in den breiten, von dem struppigen Bartwuchs einer Woche verunstalteten Mund.

"Aha, Sie sind's, Herr Kapitän," redete er Aurel an, als er ihn erkannte, stand auf und bemühte sich, ihn mit