hohem Grade erregt hatte. "Sie wissen jetzt, wer ich bin. Besitzer und Führer eines Kauffarteischiffes, das binnen wenigen Wochen in See gehen soll, um noch in diesem Jahre an den Küsten der neuen Welt Anker zu werfen, muss ich Sie in diesem Augenblicke verlassen. Ich tue es nicht, ohne Sie mit einer Bitte zu belästigen. Werden Sie dieselbe freundlich gewähren?"
"Ich möchte es gern, Herr Kapitän."
"Nun denn – ich muss Sie wieder sehen, wieder sprechen! Wo und wie kann dies geschehen? In Ihrer wohnung –"
"Nicht um die Welt!" fiel Bianca ein. "Aber hören Sie! Morgen zwischen vier und fünf Uhr ist Concert im Elbpavillon. Ich muss dort erscheinen, um – doch wozu davon sprechen! – Am dritten Fenster des Saales vom Millerntor her mit der Aussicht auf die Anlagen werden Sie mich finden. Ich trage ein schwarzes Kleid und ein Sträusschen vor der Brust mit einer dunkelroten Nelke."
"Adieu, Bianca, auf Wiedersehen!"
Aurel drängte sich durch die fortstürzende Menge hinaus auf die Strasse. Der Nebel hing noch wie früher trüb und feucht über der menschenwimmelnden Stadt. Auf den Türmen schlugen die Glocken an, und der Widerschein einer erst beginnenden Feuersbrunst schimmerte mattrot durch die dicke Luft. Auf den Wällen wurden die Lärmkanonen gelöst – nah und fern hörte man Feuerruf und das Getöse zu Hilfe eilender Menschen.
Als der Kapitän sich dem Hafen näherte, vernahm er, dass das Feuer gar nicht unter den vor Anker liegenden Schiffen ausgebrochen sei. Ein kleines schmales Haus auf dem Kajen, in dessen unterstem Geschoss sich eine gemeine Matrosenkneipe befand, war von der Küche aus in Brand geraten und stand jetzt in vollen Flammen. Bei der stillen Luft und den in Uebermass vorhandenen Lösch-Mannschaften war keine Gefahr vorhanden. Die meisten Herbeigeeilten hatte die Neugier hergelockt. Sie standen müssig in den anstossenden Strassen und sahen ruhig dem still brennenden Feuer zu. Einen nicht geringen teil dieser Zuschauer machten die geputzten Mädchen aus, die noch vor einer Viertelstunde im Freudentaumel des wildesten Tanzjubels geschwelgt hatten. –
So angenehm es dem Kapitän auch war, dass er sein Fahrzeug ausser Gefahr wusste, so sehr verdross es ihn, durch den unnützen Lärm in seinem so interessanten Gespräch mit der schönen Bianca gestört worden zu sein. Es war ihm lieb, dass das schöne geschöpf seiner Bitte gewillfahrt hatte. Er konnte kaum den nächsten Tag erwarten.
Während er jedoch langsam und in Gedanken durch die noch sehr lebhaften Strassen nach haus schlenderte, fiel ihm die Erinnerung an Elwire wieder schwer auf's Herz. Seine Sucht nach Abenteuern, verbunden mit Gutmütigkeit, drohte ihn in Verlegenheit zu bringen. Aus purem Leichtsinn hatte er sich da in einem Atem zwei Mädchen aufgebürdet, von denen beiden er noch nicht wusste, ob sie es auch verdienten, dass sich ein rechtschaffener Mann für sie verwendete.
"Gleichviel," rief er nach einigem Nachsinnen sich ermutigend zu, "ich habe mich für Beide interessirt, mich gleichsam zum Ritter Beider erklärt, und ein ehrlicher Kerl hält sein Wort!"
Für Elwire musste zuerst gesorgt werden. Das verlassene Mädchen harrte gewiss mit schmerzlichem Verlangen auf den neuen Morgen und zählte die verrinnenden Minuten. Aurel musste ein Asyl für sie ermitteln. Das hatte er zwar von Anfang an beabsichtigt, allein nun die Zeit schnell heranrückte und rasches Handeln erheischte, sah der leichtblütige junge Mann ein, dass ihm der Verstand wieder einmal mit der Zunge davon gelaufen sei. Zum Glück kannte er eine würdige vermögende Familie, in deren haus er häufig ein- und ausging. Dahin musste er vorerst seine Schutzbefohlene bringen.
Zu diesem Entschlusse gekommen, erreichte er sein Haus. Er setzte sich sogleich hin und schrieb noch einige Zeilen an die Frau vom haus, worin er ihr den Eintritt eines jungen Mädchens in ihre Familie ankündigte. Nähere Ausschlüsse über dasselbe zu geben, behielt er sich mündlich vor. Als Aurel das Billet couvertirte und mit seinem Wappenringe zusiegelte, kam auch Gilbert heim.
Der junge Mensch sah ziemlich wüst und beschmuzt aus.
"Du warst beim Feuer?" fragte Aurel.
"Ja, Herr Kapitän, ich bin ein solcher Narr gewesen. Hätte ich gewusst, dass weiter Nichts brennte, als eine Käsehütsche, zehn Teufel hätten mich nicht aus dem Bacchussaale gebracht! Ich war vergnügt, wie ein König. In meinem Leben habe ich mich so vortrefflich noch nicht amusirt! Gott, welche Gestalten! Welch süsses Fleisch! Welche Glutaugen! Ich bin ganz toll geworden, Herr Kapitän!"
"Das hör' ich," sagte Aurel, der inzwischen die Adresse auf den Brief geschrieben. "Damit Du nun recht bald wieder zu Dir kommst, geh' jetzt zu Bett und schlafe bis morgen früh sieben Uhr. Hörst Du? Nicht länger, sonst verfällst Du in Strafe! Denke, Du seist zur See und schliefst auf Commando. Halb acht Uhr muss dieses Billet an seine Adresse abgegeben sein. Gute Nacht, mein Junge!"
Gilbert empfing den auf duftendes Rosapapier geschriebenen Brief und stierte seinen Gebieter verdutzt an. Da Aurel unbekümmert darum in sein Schlafzimmer ging, warf der Jüngling das Briefchen verdriesslich auf den Tischriss sich die Jacke auf, um freier Atem zu schöpfen, und zog sich brummend ebenfalls in seine kammer zurück.
Viertes Kapitel.
Ein Fund.
Vor dem Dammtore bewohnte die witwe Oehlers mit ihrer erwachsenen Tochter Clara ein heiter gelegenes, von wohlgepflegten Rasenplätzen und