rätselhafter."
Das Mädchen warf ihm einen flammenden blick zu, der ihn wie ein schwerer Vorwurf traf, und zuckte dabei mitleidig die Achseln.
"Sie erlauben, mein fräulein, dass ich mich ein Wenig in den Vorhof Ihres Geheimnisses zu stehlen wage. Werden diese stolzen Lippen es verschmähen, mir Ihren Namen zu nennen?"
"Bianca," sagte das verschlossene, ernste Mädchen kühl. "Was wollen Sie nun damit?"
"Bianca," erwiderte Aurel, "aus gutem Herzen und in bester Absicht, weil Sie mir eine Teilnahme für Sie eingeflösst haben, die nicht mehr verlöschen kann, frage ich Sie offen und ehrlich: Halten Sie mich für einen Mann, zu dem ein Mädchen Vertrauen fassen kann?"
"Ich kenne Sie noch zu kurze Zeit, um mir ein Urteil über Sie und Ihren charakter zu erlauben."
"Ich bitte Sie darum, Bianca!"
"Zu welchem Zweck?"
"Damit Sie mir vertrauen, wenn ich es verdiene."
Bianca liess jetzt ihre traurigen Augen lange Zeit auf den bewegten Zügen des Kapitäns ruhen, dann sagte sie: "Ich glaube, mein Herr, dass Sie nicht besser und nicht schlechter sind, als Tausende Ihres Geschlechtes, doch scheinen Sie ein gutes Herz zu besitzen, und einem Solchen kann ein hilfloses Mädchen wohl vertrauen."
"Nun denn, Bianca, so tun Sie es!" rief Aurel leidenschaftlich und küsste ihre Hand. "Giessen Sie den Kummer, die Schwermut, die Trauer, die Sie mit sich tragen, in meine Seele! Beichten Sie die Schmerzenseindrücke des Lebens, als wäre ich Ihr Bruder, Ihr Vater, Ihr Geliebter, und empfangen Sie von mir das heilige Versprechen statt eines Eides, dass kein Sterblicher von Ihrer beichte eine Sylbe erfahren soll!"
"Wer sind Sie und was veranlasst Sie, diese unbegreifliche Teilnahme gerade mir zuzuwenden?"
"Wer ich bin! Was braucht das Sie zu kümmern! Es genüge Ihnen, zu wissen, dass ich ein freier, unabhängiger, vermögender Mann bin, der in beiden Hemisphären vor Kummer brechende Augen gesehen, der das Volk in seinen Freuden und Leiden kennen gelernt hat! Bianca, sein Sie offen! Sie gehören nicht in diese Gesellschaft! Ein entsetzliches Verhängniss muss Sie unter diese –"
"Warum stocken Sie? Sprechen Sie aus, was Sie denken! nennen Sie diese armen, unglücklichen Geschöpfe, was sie sind – Verworfene! Sie bezeichnen damit bloss den Rang, den ihnen die vornehme, so genannte ehrliche, bürgerliche Gesellschaft gibt, weiter Nichts. über ihren wahren sittlichen Wert dieser Armen haben Sie eben so wenig ein Urteil, wie alle Uebrigen, die sich mit verächtlichem Nasenrümpfen ein solches anmassen."
"O ich weiss, ich weiss!" sagte Aurel mit niedergeschlagenen Augen. "Wir sind vorschnell im Richten und verdienen doch so oft selbst gerichtet zu werden!"
"Nun, wenn Sie dies fühlen," erwiderte Bianca, "dann können Sie noch helfen und retten! Ja, mein Herr, die Männer sind es mit ihrer Selbstsucht, ihrer kalten Grausamkeit, ihrer Genusssucht, ihrer Treulosigkeit, die aus so vielen leichtgläubigen und guterzigen Geschöpfen das bejammernswerte Heer derer vermehren helfen, die sie späterhin Verworfene nennen! O kennten Sie das Leben solcher Verworfenen, wüssten Sie, wie sie es werden, werden müssen und wie es aussieht unter der glänzenden Hülle, die sie prangend um ihre verlorene Ehre schlagen: Sie würden zittern, würden sich entsetzen vor Ihrem eigenen Geschlecht und der Verworfensten dieser Verworfenen mit demütiger Bitte um Vergebung Ihrer Schuld die Hand küssen!"
"Bianca," sagte Aurel erschüttert, "wer sind Sie? Wer waren Sie, ehe der böseste Dämon Ihres jungen Lebens Sie auf finstere Abwege fortriss?"
"Ich war, was ich noch bin, arm, schön und verlassen! Da hörte ich auf die schmeichelnde stimme eines vornehm gekleideten Mannes – und nun bin ich hier," setzte sie rasch mit plötzlich aufspringender Lustigkeit und einem unbeschreiblichen Feuerblick des tiefen, melancholischen Auges hinzu.
"Sie hätten den Bacchussaal nicht besuchen sollen, Bianca!"
"Ich hätte noch weit weniger den schön klingenden Worten eines Mannes Glauben schenken sollen."
"Sie dürfen diesen Ort nicht mehr betreten, Sie müssen ein anderes Leben beginnen!"
"Wissen Sie auch, ob ich leben kann? Ob ich frei bin?"
"Wem können Sie untertan sein?"
"Der Not und dem Hunger!" sagte Bianca tonlos und senkte tief aufatmend den Kopf gegen die Brust.
In diesem Augenblicke ging die Tür auf und Gilbert's jugendliches, von Tanz und Wein glühendes Gesicht ward sichtbar.
"Ah, da sind Sie ja, Herr Kapitän," sagte der junge Matrose, "und in schöner Gesellschaft, wie ich sehe," indem er Bianca mit Aufmerksamkeit grüsste. "Ich bedauere, dass ich Sie einem so reizenden Umgange entführen muss. hören Sie, die Musik verstummt! Alles verlässt den Saal. Es heisst, ein Schiff im Hafen sei in Brand geraten."
Aurel sprang auf. "Eile, Gilbert, so schnell Du kannst," rief er dem Jünglinge zu, "ich folge sogleich!"
Gilbert warf noch einen spähenden blick auf seinen Wohltäter und verliess das Zimmer.
"Zu frühzeitig, Bianca, ruft mich die Pflicht von Ihrer Seite," sprach er zu dem Mädchen, das seine Aufmerksamkeit in so