leidenschaftlich ergebene Kapitän musste wider Willen denken. Die leidende, blutig geschlagene Gestalt der tugendhaften Elwire mit dem stummen Verzweiflungsschrei in dem grossen nachtdunklen Auge drückte sich wie eine Geistererscheinung in den Spiegel seines Auges. Er konnte das ergreifende, zu tiefem Ernste stimmende Bild nicht verwischen. Selbst dem perlenden Feuer des Weines wich es nicht. Vor ihm, zur Seite, an seinen Fersen rauschte es mit ihm durch das Gewühl der hundert reizenden Evastöchter – der einzige unbefleckte Engel unter lauter Kindern und Zöglingen der Sünde! –
Aurel suchte an Vergnügungsorten ähnlicher Art immer die ausgelassensten Dirnen auf, um in munterer Weise mit ihnen zu scherzen. Zuweilen benutzte er solche Bekanntschaften wohl auch zu Anknüpfung eines nur Tage oder Wochen bestehenden zärtlichen Verhältnisses. heute wollte ihm dies nicht gelingen, eine so brennende sehnsucht, ein so verzehrendes Verlangen er auch nach solcher Zerstreuung hatte. Eine unsichtbare, geheimnissvolle Gewalt hielt ihn von all' den schönen lockenden, jubelnden Kindern der Freude zurück, in deren Blicken er den Wunsch lesen konnte, mit ihm bekannt zu werden.
Aergerlich über diese unwillkommene Stimmung, die ihn wider Willen kalt, spröde, teilnahmlos machte, wollte er sein Blut erhitzen, um neue Lust zu fröhlichem Leben in sich zu erwecken. Rasch trat er an eine hohe in perlfarbenen Seidenstoff gehüllte Mädchengestalt und forderte sie zum Tanz auf. Höflich reichte sie ihm die Hand und reihte sich mit ihm den tanzenden Paaren an. Sie tanzte leicht und mit Grazie. Ein tadelloser Wuchs, ein wunderschön geformter Arm und Nacken beschäftigten während des Tanzes den Kapitän. Das Auge des Mädchens hatte er noch nicht gesehen, denn sie schlug es hartnäckig zu Boden. Auch seine fragen beantwortete sie ohne ihn anzublicken. Das fiel Aurel auf, sein Interesse war erregt, er musste das schöne, wortkarge Mädchen näher kennen lernen. Auf seine Frage, ob sie den Tanz beendigen wollten, beugte sie bejahend den Kopf. Aurel führte sie in einen weniger von Menschen umschwärmten teil des Saales und setzte sich neben sie.
"Warum so still unter lauter fröhlichen vergnügten Menschen?" fragte der Kapitän, die Hand des Mädchens sanft drückend.
"So bin ich immer," versetzte dieses, kaum bemerkbar die langen Wimpern bewegend.
"Aus Grundsatz, schönes geheimnis?"
"Aus Grundsatz!"
"Sollte dies Ihrem Fortkommen nicht hinderlich sein?"
Jetzt schlug das Mädchen ihre Augen auf und die Blicke Beider begegneten sich. Aurel fühlte die Hand seiner Tänzerin leise erbeben. Ein Auge von unergründlicher Tiefe sah ihn traurig und melancholisch gross und fragend an. Sie antwortete nicht.
"Ich scheine Sie beleidigt zu haben," fuhr Aurel fort, "das war nicht meine Absicht."
"Ich weiss es und verzeihe Ihnen gern."
"Sind Sie allein hier?"
"Ganz allein."
"Ohne Lust am Tanz, ohne Freude im Herzen? Das ist seltsam!"
"Sagen Sie lieber, es ist entsetzlich! Dann sprechen Sie die Wahrheit."
"Weshalb besuchen Sie die Salons, wenn Ihnen vor den Freuden graut, die sie Ihnen bieten?"
"Es ist mein Fluch, mein Schicksal, nennen Sie es, wie Sie wollen! Die Ketten, mit denen das Laster bindet, sind unzerbrechlich!"
Diese Worte sprach das Mädchen mit einem solchen inneren Entsetzen, dass Aurel davor fröstelte. Er überflog mit schnellem blick die schöne, nachlässig im Divan ruhende Gestalt, bewunderte diese edlen, reinen Formen, den prächtigen Schnitt des Gesichts mit dem stolzen mund und der fein gebogenen Nase, und der Gedanke, die Bedauernswürdige müsse aus guter Familie stammen und vielleicht durch ausserordentliche Ereignisse in ihre jetzige Lage versetzt worden sein, drängte sich ihm mit Gewalt auf. "Wäre es Ihnen vielleicht angenehmer, in eins der Nebenzimmer zu treten und ein Glas Champagner mit mir zu trinken?" fragte Aurel die schöne Unbekannte. "Es ist unglaublich heiss hier und gar so tumultuös!" "Wie Sie wünschen, mein Herr, doch meinetwegen bemühen Sie sich nicht. Ich trinke nie." "Das ist Unrecht, mein fräulein! Sie sollten sich erheitern." "Ich will nicht erheitert sein." Aurel war aufgestanden und bot dem schönen Mädchen den Arm. Sie nahm ihn gleichgiltig, vornehm an und trat mit ihm in ein Nebenzimmer, wo einzelne Paare an runden Tischen sassen, flüsterten, lachten und tranken. Der Kapitän bestellte Champagner und zwei Gläser. "Denken Sie nicht, mein Herr, dass Sie mich bereden können!" sagte das Mädchen mit grosser Entschiedenheit. "Es soll mich freuen, wenn der Wein Sie belebt, was mich betrifft, so werde ich mein Wort halten." "Sind Sie in allen Dingen so gewissenhaft?" "In allen." "Wenn Sie also einen Mann mit Ihrer Liebe beglückten, so würden Sie ihm umwandelbar treu bleiben?" "Wenn ein Mann meine Liebe erwürbe und sie verdiente, gewiss!"
"Und einen solchen Mann fanden Sie noch nicht?"
"Ich werde ihn nie finden!" versetzte seufzend die Schöne.
"Vertrauen Sie Ihren Reizen so wenig, schönes geheimnis? So jung, so blühend, so interessant – gewiss Hunderte werden sich um Ihr Herz bewerben, und unter diesen Hunderten wird doch wohl Einer Gnade finden vor Ihren tiefsinnigen Augen?"
"Wäre dies je der Fall, so würde ich nicht das Herz haben, ihn zu betrügen."
"Betrügen! – Sie werden immer