waren. Diese Mädchentruppen unterliessen nicht, die beiden allein gehenden Männer lachend anzurufen, sich ihnen höchst ungenirt zu Begleiterinnen anzubieten, sie zu fragen, ob sie schon mit flinken Tänzerinnen versehen seien, und wenn Aurel und Gilbert solche fragen nicht beantworteten, sie mit einiger Zudringlichkeit zu umringen und sogleich wieder wie Spreu im Winde auseinander zu stauben.
"Wohin führen Sie mich?" fragte Gilbert halblaut den Kapitän, denn so leichtfertig und grundsatzlos der junge Matrose, teils von natur, teils durch Aurels Umgang und Beispiel geworden war, konnte man ihn doch keinen raffinirten, verdorbenen Wüstling nennen. Es war bei ihm, wie bei Aurel, mehr der unwiderstehliche Hang nach buntem, abenteuerlichem Leben, als die Lust an verbotenen Genüssen, die sie in bedenkliche Kreise führte und den Rigoristen ausreichenden Grund gab, den Stab über sie zu brechen.
"Bei Gott, Junge, ich weiss es selbst nicht bestimmt!" entgegnete Aurel in bester Laune. "Sie heissen's 'Salon,' was heute Nacht so viel junges Volk in diese Stadtgegend führt. Ob aber daselbst getanzt, gesungen oder gespielt wird, das müssen wir abwarten! Es soll lustig hergehen, hab' ich gehört, und die schönsten Mädchen Hamburgs, doch nicht immer die Tugendhaftesten, machen in diesen Salons die Honneurs. Das wollen wir uns denn ein Mal auf gut Glück mit ansehen."
Gilbert war es zufrieden, eine neue Seite des Lebens kennen zu lernen, wenn es auch nur eine tief dunkele Schattenseite sein sollte. Ihre Schritte beschleunigend kamen sie an ein stattliches Haus, dessen Torweg hell erleuchtet war und aus dessen Innerem verworrenes Geräusch vieler Stimmen und die dumpfen Töne rauschender Tanzmusik erklangen. Männer und Frauen oder Mädchen bald einzeln, bald paarweise, oder zu Dreien und Vieren, traten in den Torweg und stiegen eine ziemlich breite Treppe im Hinterhause hinauf, die auf beiden Seiten mit grünen Tannenzweigen garnirt war. Eine hohe, ebenfalls mit frischem Laubwerk geschmückte Pforte, in der buntfarbige Lampen sich drehten, eröffnete den Eingang zu einem geräumigen saal. Dieser endigte in einer Spiegelwand, wodurch er ungleich grösser und gewühlvoller erschien, als er wirklich war. Auch an den Wänden waren zwischen weichen und breiten Polstern hohe Spiegel angebracht. drei grosse Kronleuchter mit zahllosen Flammen schwebten gleichsam aus der geheimnissvollen Nacht des gestirnten himmels herab, denn die in leichter Schwingung gewölbte Decke des Saals war mattblau, fast etwas in's Schwarze schillernd, gemalt und mit einer Unzahl glänzender silberner Sterne von allen Grössen ausgeschlagen. Schien es doch, als bedürfe das Laster, das sich in blendendstem Schmuck, in verführerischstem Liebreiz, in kokettester Anmut, in reizendster Schönheit in diesen Räumen tummelte und dem Götzen der Welt seine Huldigungen darbrachte, dieses künstlichen Deckmantels. Unter dem nachgeahmten Sternenzelt der keuschen heiligen Nacht fühlte die Sünde keine Reue, keine Scham. Das Gewissen schwieg bei den Orgien, zu denen die schönsten Töchter der Erde hier geschmückt erschienen! –
An der einen Seite des Saales kredenzte eine Statue des eppichumlaubten Gottes der Freude und des Weines in goldener Schaale sprudelnden Champagner. Diese Statue gab dem saal seinen Namen. Links und rechts zu beiden Seiten führten breite Türen auf hell schimmernde Corridore. Diese Türen wurden häufig von erhitzten Tänzerinnen geöffnet, um sich in der weichen Kühle der Vorräume einsam oder in Gesellschaft zu erholen.
Die Musik war nicht vorzüglich, aber rauschend und wild. Sie harmonirte mit der Stimmung der meisten Tanzenden, die im raschesten Tempo, mehr fliegend und stürzend, als sanft schwebend, den Saal durchrasten.
Mit andertalb Mark erkauften sich Aurel und Gilbert das Recht, an den wüsten Freuden des Bacchussaales bis nach Mitternacht teil nehmen zu dürfen.
Gilbert war ein leidenschaftlicher Tänzer. Es währte daher nicht lange, so hatte er schon ein Mädchen gewählt und flog in ihren Armen die sich immer von Neuem ergänzende Reihe tanzender Paare hinab. Aurel tanzte weniger gern und nur dann, wenn ihm ein Mädchen als Tänzerin besonders gefiel. Das Rasen im Tanz war ihm zuwider. Er fand in diesem reizlosen, gegen alle Schönheit verstossenden Toben Nichts, was Herz und Sinne berücken konnte, und doch hielt er künstlerisches Tanzen wesentlich dazu geeignet, die Schönheit in strahlendstem Glanze erscheinen zu lassen.
Die gepolsterten Sitze entlang schreitend, musterte er die geschmückten jungen Mädchen, die vom Tanz ausruhten oder auf neue Tänzer harrten. Viele von diesen Töchtern des Bacchussaales waren ihrer ungewöhnlichen Schönheit entsprechend gekleidet. Weiche Seiden umrauschten die vollen und doch zarten Glieder, falsche Brillanten waren in die Flechten ihrer reichen Haare gestreut, die natürliche und künstliche Blumenkränze geschmackvoll umwanden.
Aurel pflegte in der Regel nicht zu reflectiren. Als Mann der Tat auf das Practische gerichtet, von Jugend auf zu tüchtiger Regsamkeit angehalten, konnte sich eine ohnehin schwach vorhandene Anlage zur Philosophie in ihm nicht entwickeln. War er also nicht geradezu in seinem Fache, für das er mit ganzer Seele lebte, beschäftigt, so liebte er den ungebundenen, freien, grenzenlosen Genuss. Der Augenblick und seine Freuden waren alsdann die Götter, denen er opferte, die er allein anerkannte.
Seltsamerweise wollte sich dieser stürmische Drang zu freudiger Hingabe an den Genuss diesmal bei Aurel nicht einfinden. Er sehnte sich nach Freude, nach tosendem jubel, nach völliger Vergessenheit, aber jener berauschende Taumel, der wie eine Sturzsee des Menschen ganzes Wesen ungerufen überströmen und in seine schäumenden Brandungen hineinreissen muss, soll er absichtslos und ohne Rückhalt geniessen, dieser entfernte sich mehr und mehr von ihm. Der leichtsinnige, allen Freuden