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sich nicht versagen, den Rabenvater neuerdings wieder an der Gurgel zu packen und tüchtig zu schütteln. "Elender, schamloser Seelenverkäufer!" fuhr er fort, "um Deine gemeinen Lüste zu befriedigen, Dich zum vernunftlosen Tiere zu erniedrigen, gibst Du Dein reines Kind jedem Wüstlinge Preis? Pfui über Dich, vermaledeiter Säufer! Die Strafe des himmels würde ich herabrufen auf Dein sündenbelastetes Haupt, wäre ich nicht von Gottes nie schlummernder Gerechtigkeit überzeugt, dass Deine Vergehungen mit unauslöschlicher Schrift für ewige zeiten niedergeschrieben sind."

"Lirum larum!" versetzte Klütken-Hannes, "um den Herrgott und sein Strafregiment kümmere ich mich nicht so viel, wie um ein Bartaar! Geld, Herr, Geld, ein Sack voll blanker Drittelstücke oder junger Goldfüchse, ist mein Gott! Für, mit und durch ihn kann ich haben was ich will, für Ihren Gott aber, mein guter Herr, gibt mir der Bäcker kein Halbschillingbrod."

Entsetzt vor dieser bodenlosen Frivolität und gotteslästerlichen Versunkenheit verstummte Aurel auf einige Secunden. Dies machte dem Trödler Mut. Mit unsichern Schritten in dem dunstigen Kellerloche auf und nieder gehend, fuhr er fort:

"Zahlen, mein sehr moralischer Herr, zahlen ist bei allen Geschäften die Hauptsache! Zahle ich, so lässt mich das Gesetz in Ruhe und ich kann treiben, was mir beliebt. Da fragen Sie Mutter Lievers hier, die vordem, als ich noch jung und bei Kasse war, mit mir viele vergnügte Stunden zugebracht hat. Wenn sie pünktlich bezahlt, stört sie der hohe Senat nicht in ihrem Geschäft! Er besucht sie sogar, der hohe Senat, denn er sieht frische schlanke Mädels eben so gern wie andere Menschen von Fleisch und Bein. Und ein solides Geschäft treibt Mutter Lievers, solider ist nicht der grösste Banquier in ganz Hamburg! Darum ist sie auch so erpicht auf solche geschmeidige weisse Kellerblumen, die, wie meine Elwire, noch kein heisser Sonnenstrahl versengt hat, und die in der neuen Lebensluft um so besser gedeihen, weil sie zuvor an schmale Kost gewöhnt waren."

Während der Trunkenbold so die ganze Gemeinheit seiner Gesinnung verlautbaren liess, wollte sich die Kupplerin heimlich davonschleichen. Allein Gilbert merkte ihre Absicht und hielt sie fest.

"Nicht von der Stelle, alte Hexe!" raunte er ihr zu. "Du bist überreif zum Staupenschlage!"

Aurel zog eine Börse und warf sie dem Menschenhändler vor die Füsse. "Dies, Schurke, auf Abschlag! Kaufe Dir Opium dafür, damit Du den Weheruf des Gewissens für immer tödtest!"

Der Trödler hob die Börse auf, wog sie in der Hand und sah nach, ob auch Silbergeld darin sei. Dann nickte er zufrieden mit dem kopf und sagte:

"Ich bin's zufrieden! Bringen Sie morgen noch zweimal so viel, gehört das Mädel Ihnen und Sie können dann mit ihr anfangen, was Ihnen beliebt. Ich mische mich nicht drein. Die Umarmungen eines so vornehmen Herrn wird mein zimperliches Töchterlein wohl nicht so unausstehlich finden, wie die im haus der Mutter Lievers."

Mit rohem lachen schloss Klütken-Hannes seine Bemerkungen.

Um dem demoralisirten Menschen nicht gelegenheit zu neuen abscheulichen Expectorationen zu geben, würdigte ihn Aurel keiner Antwort. Er wendete sich vielmehr jetzt an das gemisshandelte schöne Mädchen, das mit verhülltem Gesicht zu Gilberts Füssen am Boden sass und den bisherigen Verhandlungen in tiefstem Schweigen zugehört hatte. Im Innersten erschüttert durch die schamlosen Bemerkungen des Mannes, den sie Vater nennen musste, vermied sie aufzublicken.

"Liebe Elwire," redete jetzt Aurel die Unglückliche mit sanfter stimme an und legte seine Hand auf ihr gebeugtes Haupt, "liebe Elwire, können Sie Vertrauen zu mir fassen?"

Elwire liess die hände sinken und schlug die tränenfeuchten Augen schüchtern zu dem Kapitän auf.

"Wenn Sie mir gestatten, dass ich etwas für Sie tun darf, Elwire, so werde ich Sie einer achtbaren Familie empfehlen, in deren Schoosse Sie Niemand verfolgen wird. Oder wollen Sie Ihren Vater nicht verlassen?"

Bei diesen Worten stand das Mädchen hastig vom Boden auf und warf sich mit leidenschaftlicher Heftigkeit an Aurels Brust.

"O Gott, noch immer hier!" rief sie schaudernd. "Lassen Sie uns fortgehen, recht weit fort! Ich will gern Ihre Sclavin sein, nur retten Sie mich!"

Klütken-Hannes lachte. "Da hören Sie's ja," sagte er. "Noch hat das Mordmädel Sie nicht ordentlich angeguckt und schon will sie Ihre Magd, Ihre Sclavin, Ihre Maitresse sein! Ich sag's ja, das ganze Weibervolk ist Teufelsgelichter!"

"Fassen Sie Mut, Elwire!" sprach Aurel der fieberhaft Zitternden zu. "Gern möchte ich Sie schon jetzt dieser Mördergrube entreissen, allein es ist mir nicht möglich. Noch eine Nacht müssen Sie hier ausharren in Geduld und Ergebung. Vertrauen Sie auf Gott und mein Wort, liebe Elwire! Niemand darf Ihnen ein Haar krümmen, ohne der härtesten Strafe gewiss zu sein."

Das schöne Mädchen trat seufzend von Aurel zurück und legte stützend ihren Arm auf Gilbert's Schulter.

"Wir kommen wieder," flüsterte ihr der Jüngling zu. "Ein gegebenes Wort hat mein Kapitän noch nie gebrochen."

"Ich hoffe, dass Sie mir späterhin werden Gerechtigkeit wiederfahren lassen, Elwire," sagte Aurel zu dem traurigen Mädchen. "Bis morgen muss ich Sie dem Schutz aller Hilflosen empfehlen, der Ihnen gewiss einen unsichtbaren Engel senden wird.