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Lebens von Neuem anfachte und mich um Kraft zu dieser schweren, gefahr- und mühevollen Reise zu Gott bitten liess. – Ehe ich aufbrach, verkaufte ich mein Besitztum an einen vornehmen Russen, dem ich das Leben gerettet hatte und der aus Dankbarkeit dafür nicht wissen wollte, dass zwei meiner Enkel gegen ihn gekämpft hatten. Er verschaffte mir zugleich die nötigen Papiere, um nicht an den Grenzen als Flüchtling aufgegriffen und zur Strafe nach Sibirien transportirt zu werden. So kam ich denn glücklich nach Preussen, erreichte die heimischen Haiden und sah Dich wieder, den ich hundert Mal unter den toten geglaubt und gesucht hatte!–"

"Pink-Heinrich stirbt nicht so geschwind," versetzte gutmütig lachend der Maulwurffänger, sich selbst mit seinem immerwährenden Feueranschlagen persifflirend. "Aber das muss ich sagen, Jan, ein Glücksvogel bist Du grade nicht geworden, ausgenommen, dass Du selber dem gefrässigen Untiere, das wir so bescheiden Tod nennen, entgangen bist. Freut mich nur, dass meine alten Augen wenigstens ein Stiftchen von dem lieben saubern Haideröschen sehen, in das ich mein Lebtage vernarrt gewesen bin. Gott gebe ihr eine sanfte Ruhe und Dir, ihrem Ebenbilde, eine fröhliche Zukunft!"

Der Maulwurffänger reichte bei diesen Worten dem Jünglinge seine braune, schwielige Hand, die Paul mit Herzlichkeit drückte. Nur unvollkommen mit den seltenen Schicksalen seiner älteren bekannt, vermochte er nicht ein Wort in das für ihn äusserst wichtige Gespräch der beiden alten Freunde zu streuen. Seiner gespannten Aufmerksamkeit entging keine Sylbe von Heinrich's freilich immer dunkler und geheimnissvoller sich gestaltenden Mitteilungen, aber er musste ihm in natürlichem Rechtsgefühle vollkommen beistimmen und seine noch in undurchdringliche Schleier gehüllten Pläne durchaus billigen. Deshalb sagte er jetzt zu dem alten, graden mann:

"Ich danke Euch, Freund meiner verstorbenen Mutter und meines Grossvaters, für den Eifer, womit Ihr Euch bereit erklärt, einer Angelegenheit Eure Kräfte und Geistesgaben zu widmen, von der ich gegenwärtig wenig mehr begreife, als dass dies Alles mir dereinst im Falle des Gelingens zu Gute kommen soll. Gibt es dabei eine Rolle, die meine Kräfte nicht übersteigt, so möchte ich Euch bitten, mir diese zu übertragen. Ich habe schweigen gelernt und missbrauche kein mir geschenktes Vertrauen!"

"Brav gesprochen, mein Sohn! Just so dachte und handelte auch Deine Mutter, das schöne, reizende Kind der braunen Haide! – Doch genug für heute, ihr Lieben! Ich merke, der Wind macht sich wieder auf und treibt ein Rudel Wolken vor sich her, die nicht das freundlichste Aussehen haben. Das Wichtigste wisst Ihr jetzt. Morgen, will's Gott, gehen wir unserm Ziele ein paar Schritte näher! Wo habt Ihr Euer Quartier aufgeschlagen?"

"In der Königshainer Schenke bei einem Wirte, der fürs Leben gern den Führer gemacht hätte!"

"Ha ha ha! Ich kenne den Götzenleopold! Was bei ihm einkehrt, muss sich auch seine gelehrten Bissen in Suppe und Kaffee brocken lassen. Immer lasst ihn reden, bleibt bei ihm heute Nacht und morgen bis Nachmittags, dann aber macht Euch auf mit Zug und Zeug und kommt in mein stilles Haus. Ich wohne in B ..., ein ganz natürlich gemalter Maulwurf, wie er grade aufstösst, zeigt Euch schon von weitem mein Haus an. Ihr trefft mich des Abends sicher, den Tag über muss ich herumstreichen, da ich verschiedene Geschäftsgänge zu besorgen habe."

"Gott behüte Dich!" sprach Sloboda, dem Freunde zum Abschiede die Hand schüttelnd. "Er hat es wunderbar mit mir vor, sehe' ich, und will mich nicht zu Schanden werden lassen zum jubel meiner Feinde. Morgen Abend, wenn die Sonne zur Ruhe geht, wird Jan Sloboda mit seinem Enkel an Deine gastliche Tür klopfen."

"Wer da klopfet, dem wird aufgetan!" citirte listig blinzelnd der Maulwurffänger, langte Stahl und Stein aus seiner Westentasche und verschwand, dem Steine häufige Funken entlockend, hinter dem bergenden Tannicht.

Sloboda und Paul stiegen schweigend den Berg hinab nach Königshain, wo sie Götzen-Leopold den ganzen Abend hindurch mit Geschichten und Sagen vom toten- und Hochsteine unterhielt, die dem alten Wenden grösstenteils bekannt waren, den jugendlichen Paul aber höchlichst ergetzten.

Fünftes Kapitel.

Die Unterredung.

Heinrichs wohnung lag etwa eine Stunde hinter den Königshainer Bergen im dorf B ..... und bestand aus einem kleinen wohl eingerichteten und in baulichem stand erhaltenen Häuschen. An Raum war darin kein Ueberfluss, dennoch konnte der Maulwurffänger im Notfalle drei bis vier Gäste beherbergen, ohne dadurch zu sehr beschränkt zu werden, denn es stand und lag jedes Ding am rechten Orte. Heinrich hatte noch einen Hausgenossen, den früheren Besitzer der wohnung, der sich nach dem Verkaufe derselben, wie dies in der Gegend uralter Brauch ist, das Gedinge ausgemacht hatte. Es war dies ein stiller, alter Mann von grosser, fast übertriebener Frömmigkeit, die stark nach Herrnhuterei schmeckte. In der Jugend war er lange Soldat gewesen, hatte als sächsischer Dragoner tüchtig dreingeschlagen, bei einem Ueberfalle des Feindes aber das Unglück gehabt, dass er, um sicherem tod zu entgehen, sich auf einen Turm retten und, um auch hier nicht entdeckt zu werden, aus dem Fenster steigen und an dem blechernen Vorsprunge desselben mit beiden Händen so lange festgeklammert hängen musste, bis er aus seiner fürchterlichen Lage befreit wurde. Schreck, Todesangst, übermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf eine Schwäche