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dem finstern Schlunde, den sie bewachte.

Die Hand am Griffe seines Dolches schritt Aurel

immer tiefer in den trüben gang hinein. Er flüsterte nur leis mit Gilbert, dessen scharfe Blicke herüber hinüber flogen, um den Eingang des bei Tage entdeckten Kellers nicht zu verfehlen.

"Bist Du auch Deiner Sache gewiss?" fragte der

Kapitän, indem er stehen blieb und dem Gesange einer weiblichen stimme horchte, die wie vom Himmel herab durch den Nebel zitterte.

"Wir sind bald zur Stelle, Herr Kapitän. Sehen Sie

dort das flackernde Lampenlicht in dem vorspringenden Torwege? drei Häuser weiter ist der Eingang zum Elysium."

Mehrmals angerufen erreichten die beiden Männer den Torweg. Hier vernahmen sie in grösster Nähe den Hilferuf einer Frauenstimme, begleitet von einem Schalle, über dessen Entstehung kein Zweifel sein konnte.

"Bei Gott, Junge," flüsterte Aurel seinem Begleiter zu, "das ist nicht viel besser wie in St. Giles! Ich glaube gar, irgend ein Wütrich vergreift sich an einer spröden Dirne und will sie durch Schläge zwingen. – Höre nur diese Flüche, dies giftige Gekeif eines alten Weibesund nun wieder das flehende Gewimmer! Bei Gott, dem armen Dinge müssen wir beispringen!"

"Herr Kapitän," fiel Gilbert ein, "trügt mich nicht mein Ortssinn, der es, wie Sie wissen, mit jedem Indianer aufnimmt, so ist der abscheuliche Lärm in dem Keller –"

"Deiner niedlichen Fee? Ha, das trifft sich ja prächtig! Geschwind, Gilbert, lass uns als Schiedsrichter, Mittler und Versöhner auftreten, und alsdann sehen, was sich zu unserm eignen Besten etwa noch tun lässt."

Inzwischen hatten Beide den Eingang zum Keller erreicht, aus dem jetzt von neuem tobendes Gezänk, Flüche, entsetzliche Schimpfworte und das Klatschen gewichtiger Peitschenhiebe erscholl. Der gellende Hilferuf eines Mädchens übertönte noch lauter den wüsten Lärm.

Behend lief Aurel, von Gilbert gefolgt, die schmale Kellertreppe hinab, stiess mit dem fuss eine nur angelehnte zersprungene Tür auf und trat mit der Würde und der stolzen Miene eines geborenen Herrschers in eine Höhle, die sich kein Räuber zu dauerndem Aufentalt besser hätte wünschen können.

Der Keller war gewölbt und ungeachtet eines stark glühenden Steinkohlenfeuers doch feucht und von übelriechendem Qualm erfüllt, der aus einer Menge in einen Winkel dieser widerlichen Behausung angehäufter Kraut- und Kohlköpfe und andern zum teil faulenden Gemüses aufstieg. Zunächst dem eisernen Ofen, auf dessen Platte etwas Fettes in irdener Schüssel prägelte und die Atmosphäre noch mehr verpestete, waren an rohen in das Mauerwerk getriebenen Pflöcken eine grosse Menge alter abgetragener, grösstenteils zerrissener Kleidungsstücke aufgehängt. Unter diesen am Boden auf etwas erhöhter Diele lag altes zerbrochenes Geschmeide von unedlem Metall, messingene Schnallen, Kettchen, Ringe, die ehedem vielleicht als goldene gekauft worden sein mochten. Auch lange Schnuren von schlechten Glasperlen glitzerten in dem trüben Lampenlicht, das in dem Kellerraume nicht eben überflüssige Helle verbreitete.

Bei Aurel's Eintritt in diese wohnung des Elendes sah er niedergedrückt auf die feuchte Diele ein junges Mädchen von wunderbarer Lieblichkeit knieen. Ein wild blickender, offenbar berauschter Mann von atletischer Gestalt hatte sich die schönen braunen Flechten des wimmernden Mädchens um seine linke Hand geschlungen, und hielt sie mit Gewalt am Boden fest. Mit der Rechten schwang er eine kurze Lederpeitsche, die er dem Trödel entnommen haben mochte, und liess schallende Schläge auf die nackten Schultern der Unglücklichen fallen, von denen ein hässliches altes Weib die dünne Kleidung noch tiefer herabzustreifen eifrigst bemüht war, indem sie neben der Gemisshandelten kniete und immerfort rief: "So ist's Recht, Papachen! Räumt dem Ungetüm den blanken rücken tüchtig ab, bis es klein zugibt! – Brav zugehauenda wird die Creatur acht Tage fühlen. Und hilft's noch nicht, so fangen wir wieder von Neuem an und verstärken die Arzenei. – Heidi, das zischte, dass gleich ein rotes Bändchen über den fetten weissen rücken lief!"

Während die verwahrloste Alte so kreischte, rann in starken Tropfen das rote Blut von dem schönen rücken der armen Gemisshandelten, an deren Qualen sich das hässliche Weib mit ihren frechen grauen leuchtenden Augen innig zu erlaben schien. Auch hätte der tobende Wütrich schwerlich seine Züchtigung so bald eingestellt, wäre ihm nicht Aurel mit der Riesenkraft eines heftig Erzürnten in den Arm gefallen. Gilbert ergriff die Alte und schleuderte sie verächtlich in den äussersten Winkel des Kellers. Dann kniete er neben dem gemisshandelten schönen Mädchen nieder, in dem er seine Fee vom Brunnen sogleich wieder erkannte, und umfasste die Erschöpfte, von den harten Streichen schmählich Getroffene mit beiden Armen.

"Elender!" rief Aurel dem Berauschten zu, die Peitsche ihm entreissend und gegen ihn schwingend, indem er ihn vorn an der Brust packte. "Was hat Dir dies Mädchen getan, dass Du es so unbarmherzig schlägst?"

Der Bewohner des Kellersdenn dieser war essuchte sich von den eisernen Fingern des Schiffskapitäns frei zu machen, rollte wütend die blutunterlaufenen Augen und ballte beide starkknochigen Fäuste gegen Aurel.

"Lasst los," stotterte er, "oderich vergesse mich –!"

"Unvernünftiges Tier, Du hast Dich schon vergessen! Sprich, was tat Dir dies arme schwache Mädchen?"

"Elwire ist widerspänstig. Aber was habt Ihr darnach zu fragen?" setzte er zuversichtlicher hinzu. "Ich kann meine Tochter prügeln, so lange es mir behagt; ich kann sie lebendig schinden, wenn es mir gefällt, und Niemand