doch, Herr Kapitän, so dumm bin ich gewesen! Und können Sie's glauben, das eine Mädchen schrie nicht laut auf, als ich es küsste!"
"Du bist unverbesserlich, Gilbert, ich fürchte, ich fürchte!"
"So lange Sie mir zum Vorbilde dienen, haben Sie nichts zu fürchten," sagte der junge Matrose schelmisch.
Aurel musste lachen. "Erzähle nur immerhin weiter," sprach er herablassend. "Leider bin ich selbst Schuld daran, wenn ein liebenswürdiger Taugenichts aus Dir wird!"
"Das Brauchbarste auf dieser lustigen Welt ist die Liebenswürdigkeit, Herr Kapitän," versetzte Gilbert. "Dieser geistreiche Gedanke kam mir, als ich die Blumenmädchen gewahrte, und als ich den Versuch machte, meinen flüchtigen Gedanken zur Tat werden zu lassen, fand ich mich in keiner Hinsicht getäuscht. Die Mädchen wurden ebenfalls äusserst liebenswürdig."
"Alle auf einmal?"
"Der Reihe nach, wenn Sie erlauben, Herr Kapitän! Es waren vier ganz frisch aus den Elbniederungen gekommene Huldinnen, weiss, schlank und munter, wie Tummler. Ich schenkte auf Ihre Rechnung jeder zwei Schillinge und erhielt von der Schönsten die Zusage, dass sie mich nächstens in meiner wohnung besuchen wolle."
"Teufelskerl, Du lügst!"
"Wenn die schlanke Elbnymphe nicht erscheint, macht sie mich zum Lügner, allein versprochen hat sie es mir. Das hübsche Kind nannte sich Dörte."
"Aus den Vierlanden!"
"Zu Befehl, Herr Kapitän."
"Du bist ein Schelm! – Also darum – darum! – O über diese Tugendheldinnen! Wann sprachst Du die Mädchen?"
"Vor kaum einer Stunde."
Aurel sah den Jüngling gross an, dann fiel er in ein heiteres lachen, stand auf und trat vor den Spiegel. "Ich muss doch sehen, ob ich schon anfange zu altern?" sagte er scherzhaft. "Wenn die Schönen einen glatten Milchbart mir vorziehen, dann ist's wirklich Zeit, dass ich anfange solid zu werden und an's Heiraten denke."
"Haben Sie bereits über den heutigen Abend verfügt, Herr Kapitän?" fragte Gilbert. "Oder wünschen Sie allein zu bleiben und über die Verbesserung der neuen Ankerwinde nachzudenken?"
"Ich wünsche, dass Du mich begleitest, mein Junge," fiel Aurel dem aufgeweckten Matrosen in's Wort. "Entschlossen, diese Nacht recht ausschweifend lustig zu verleben und Dich einen neuen blick in diese verdorbene Welt tun zu lassen, wollen wir heute einen Ort besuchen, den Du noch nicht kennst. Du wirst Freude und Genuss davon haben. zuvor aber will ich doch sehen, ob Deine Kellerfee mich eben so zu bezaubern vermag, wie Dich."
Aurel band sich jetzt nach Art der Matrosen eine Schärpe um den Leib, vertauschte seinen feinen Kastorhut mit einem schlechten von Glanzpappe, steckte einen kleinen Dolch in die innere tasche seiner Jacke und war so vollkommen gerüstet auf alle möglichen Abenteuer der Nacht. Der trübe Herbstabend trieb bereits von der Elbe einen dichten Nebel über die Stadt, welcher seine feuchten grauen Schleier in die zahllosen Strassen und Gassen derselben herabflattern liess. Dies war die Zeit, wo der abenteuerlustige, zerstreuungssüchtige Aurel seine nächtlichen Wanderungen und Besuche antrat. Da Gilbert bereits auf dem Sprunge stand, zögerte der Kapitän nicht länger; doch schritt er behutsamer und leiser die Treppe hinab, als er sie vor kaum einer Stunde hinaufgegangen war. Denn er besorgte, der überaus pünktliche und in gewissem Sinne ächt philiströse Geschäftsführer, der immer eine bis zwei Stunden länger als Andere auf dem Comptoir zu arbeiten pflegte, möchte ihm begegnen und aus seiner etwas veränderten Kleidung nicht die günstigsten Schlüsse auf sein Vorhaben ziehen. Indess erreichten die beiden Abenteurer unbemerkt die Strasse, wo sie im Gewühl der Menschenmenge und in dem Dunst des immer dichter herabsinkenden Nebels bald jedem Späherauge verschwanden.
Den jungen, geistig aufgeweckten, stets heitern Gilbert hatte Aurel aus neu-Orleans mitgebracht. Er war der Sohn eines Engländers mit einer Kreolin, die beide schnell hinter einander am gelben Fieber gestorben waren und den Knaben ziemlich mittellos hinterlassen hatten. Denn es ergab sich, dass das Vermögen des für wohlhabend gehaltenen Gilbert bloss in seinem Credit bestand. Seine Bücher bewiesen auf unwiderlegliche Weise, dass er zwar keine Schulden hinterliess, aber auch keinen einzigen ihm zugehörenden Dollar. Da nun in Nordamerika der Besitz von Geld noch weit mehr wie in Europa dazu gehört, einem Menschen in den Augen seiner Mitbrüder Geltung zu verschaffen, und der junge hilflose Gilbert ohne alles Vermögen wahrscheinlich einer sehr trüben Zukunft entgegen gegangen wäre, so nahm sich Aurel des hübschen Knaben aus reiner Gutmütigkeit an. Er hatte seine junge, eben so reizende als eigensinnige Mutter gekannt und den ihr vollkommen ähnlichen Knaben von Herzen lieb gewonnen, und so hielt er es fast für Freundespflicht, bei dem jetzt Verlassenen Vaterstelle zu vertreten.
Gilbert schloss sich gern dem jungen, fröhlichen Kapitän an, der sich freilich zu allem andern besser, als zu einem Gouverneur und Erzieher eignete. So kam der junge Gilbert auf Aurels Schiff. Hier musste er von unten herauf dienen, um dereinst ein tüchtiger Seemann zu werden. Obwohl Aurel den Knaben wie sein eigenes Kind liebte, hatte er doch im Dienst durchaus keine Nachsicht mit ihm. Verstösse gegen die Disciplin, die sich Gilbert im Anfange häufig zu Schulden kommen liess, bald aus Nachlässigkeit bald aus Eigensinn und Widerspänstigkeit, bestrafte Aurel mit derselben Härte, wie bei dem