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einzunehmen. Die wenigen Wochen, welche sich der Kapitän in Hamburg aufhielt, pflegte er jeden Tag in einem andern Hôtel zu speisen. Nicht selten trat er auch in eine gewöhnliche Restauration oder stieg gar in einen der vielen Speisekeller hinab, wo bloss Hafenarbeiter, Packträger, Matrosen und anderes geringes Volk für gewöhnlich einzukehren pflegen. Diese Abwechselung gewährte ihm grosses Vergnügen und machte ihn mit allen Klassen der Hamburger Bevölkerung, ja man kann sagen mit Menschen aus allen Enden der Welt, bekannt.

Eben so hielt es Kapitän Aurel des Abends. Nie brachte er den Rest des Tages in seiner wohnung zu, selten nur in irgend einem Familienzirkel. Am liebsten schweifte er ungebunden in der weitläuftigen Stadt umher, dem Zufall und seinem guten Glück überlassend, ob es ihm heitere und vergnügliche oder trübe und schauerliche Wege führen werde. In solchen Hamburger Nächtendenn vor Tagesanbruch kehrte Aurel selten von seinen Nachtspatziergängen zurückhatte er schon manche Greuelscene erlebt, schon manches ergreifende Genrebild, wie es Not, Laster und Verbrechen täglich hervorbringen, mit angesehen. Häufig mochte er auch selbst nicht die reinsten und tugendhaftesten Pfade gewandelt sein. Sein leichtes Blut trieb ihn bald da bald dortin, hob ihn jetzt auf die lichten Höhen des Lebens hinauf und schleuderte ihn dann wieder hinab in die finstern Schlünde, wo Satan in der schauerlichen Glorie seiner Allmacht auf Erden tront und die Kinder der Sünde in wilder Lust um ihn jauchzen, ihn verehren. –

Mit gesundem Appetit und unter zerstreuenden Gesprächen endigte Aurel sein Diner. Es war sechs Uhr Abends, als er die Stadt London verliess, um nach seinem haus auf dem Rödingsmarkte zu gehen. Unterwegs sann er nach, wie er den Abend wohl zubringen könne? Er war in Verlegenheit, denn bereits seit drei Wochen lag er müssig vor Anker und in dieser Zeit hatte er die meisten Genüsse Hamburgs so ziemlich ausgekostet. Da fiel sein blick auf einen Anschlag an der Strassenecke. Der Zettel kündigte öffentlichen Tanz an in der Bacchushalle.

"Da bin ich noch nicht gewesen," murmelte der leichtfertige Kapitän und schritt weiter. Als er um die Ecke beim Graskeller bog, sah er mit leichtem tanzenden Gange einen schlanken Jungen in der Sonntagstracht eines gemeinen Matrosen etwa dreissig Schritte vor sich behend durch die belebte Strasse hüpfen, die Stufen an seinem haus hinanlaufen und in der engen Tür verschwinden. Aurel eilte ihm nach und überholte den Jüngling, als er eben pfeifend die Treppe zu den Zimmern des Kapitäns hinaufschritt.

Zweites Kapitel.

Ein Abenteuer.

"Gilbert!" rief Aurel dem jungen Matrosen nach. "Wohin so eilig?"

Der Jüngling kehrte sich um und zeigte dem Kapitän ein offenes, von Wetter, Sonne und Seesturm gebräuntes Gesicht. Höflich seinen bebänderten Hut lüftend und mitten auf der Treppe stehen bleibend, versetzte er:

"Ich wollte dem Herrn Kapitän Bericht abstatten."

"Hast Du etwas ausgegattert?"

"Verschiedenes, Herr Kapitän," entgegnete mit verschmitztem Ausdruck seiner lebhaften Augen der junge Matrose. "Es kommt nur auf Sie an, ob Sie sich herablassen wollen –"

"Marsch hinauf!" commandirte Aurel, die Antwort Gilberts unterbrechend. "Ist die freie Treppe ein Ort, um die Geheimnisse eines Seekapitäns darauf auszuplaudern?"

Gilbert sprang nun leichtfüssig die wenigen Stufen vollends hinan und folgte seinem Vorgesetzten in ein gut meublirtes, mit allem Comfort europäischen Lebens reich ausgestattetes Zimmer. Hier streckte sich Aurel nachlässig in einen weichen Lehnsessel und Gilbert setzte sich auf ein niedriges Bänkchen am Ofen, dessen weiss glänzende Kacheln eine angenehme Wärme im Zimmer verbreiteten.

"Nun rede!" befahl der Kapitän, warf seinen Hut auf das ihm gegenüber stehende Sopha und fuhr mit der linken Hand mehrmals durch sein braungelocktes Haar.

"Zu allererst," sagte Gilbert, "kann ich Ihnen einen Trödler empfehlen. Der Kerl hockt den ganzen langen Tag auf den Stufen seiner Kellertreppe und schachert mit allem nur erdenklichen alten Unrat. Sein Aussehen ist nichts weniger als anziehend, allein man wird entschädigt, sobald man die Treppe hinunterkriecht. Denn in der engen dunstigen Kellerwohnung haust eine Fee von unbeschreiblicher Schönheit. Ich habe sie heute bei Sonnenlicht gesehen, wie sie über die Strasse schwebte, um in irdenem Kruge wasser zu holen. Verstohlen warf sie auch einen blick auf mich, der wie unter Asche fortglühendes Feuer glänzte. Ich belohnte sie dafür durch höflichen Gruss und eine Kusshand, worauf sie mit köstlichem Purpur auf ihren schönen Wangen wieder in dem eklen Kellerloche untertauchte."

"Hast Du mit dem Mädchen gesprochen?"

"Nein, Herr Kapitän."

"Desto besser, so ist sie noch nicht eingeschüchtert! Wo machtest Du die anmutige Entdeckung?"

"In einem der abscheulichen engen, krummen, von Armut und Elend bevölkerten Gängen der Neustadt."

"Du weisst ihn genau und kannst ihn zu jeder Zeit wiederfinden?"

"In jeder Minute, wenn Sie befehlen."

"Das war eins, nun weiter!"

"Ohne Ihrem Geschmacke vorzugreifen, Herr Kapitän, würde ich meine zweite Entdeckung der ersten noch vorziehen. Sie kennen die niedlichen Blumenmädchen an der Alster –"

"Dummer Junge, ich will nicht hoffen –" Aurel stockte.

"Was wollen Sie nicht hoffen, Herr Kapitän? Dass ich so kühn gewesen bin, mir ein Sträusschen zu kaufen, die Mädchen am Kinn zu fassen und ihnen zu sagen, dass ich ein guterziger, verliebter Kerl sei, der sich bereits zu Land und See etwas versucht habe? Doch,